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"Brodecks Bericht" als Comic Der Horror unter der Oberfläche

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Brodeck erreicht das "Schloss" - und trifft auf die Dorfgemeinschaft, die den "Anderen" ermordet hat.

Larcenet / Reprodukt 2017

Der "Andere" ist tot. Doch sind die Mörder schuldig? Brodeck soll sie in einem Bericht entlasten. Doch als er anfängt zu graben, erinnert er sich an die schreckliche Vergangenheit. Der Comic "Brodecks Bericht" erzählt das mit Bildern, die ihresgleichen suchen.

Als Brodeck im "Schloss" ankommt, ist der "Andere" schon tot. Die Männer des Dorfes haben den Fremden ermordet. Nun stehen sie in der Gaststube und fühlen sich ertappt durch den Mann, der aus dem winterlichen Dunkel hereingekommen ist. Sie beauftragen Brodeck, einen Bericht zu schreiben über die Tat. Er soll sie reinwaschen: "Die deinen Bericht lesen werden, müssen verstehen und vergeben."

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Brodeck durchstreift die Natur - und fühlt sich mehr und mehr bedroht.

(Foto: Larcenet / Reprodukt 2017)

Brodeck weiß, in welcher Gefahr er schwebt. Belastet er die Täter, wird auch er sterben. Doch er will auch nichts beschönigen. So wird er bald schon selbst zur Zielscheibe, wird verfolgt und bedrängt. Er entscheidet sich, zwei Berichte zu schreiben. Der offizielle Text soll die Tat schildern, ganz so wie gewünscht. Der andere jedoch, der insgeheim verfasste Bericht, beschreibt alles, was Brodeck über den Ort weiß. Es ist eine Abrechnung mit Hass und Vorurteilen der verschworenen Dorfgemeinschaft.

Manu Larcenet braucht exakt vier Seiten, um die Stimmung von "Brodecks Bericht" aufzubauen. Nach vier Seiten weiß man, dass das hier kein Vergnügen wird. Da hat man die karge Natur gesehen. Die winterliche Landschaft, die alles vergangene verdeckt. Die abgerissene Kleidung von Brodeck und sein zerfurchtes Gesicht. Vor allem aber hat man in die Gesichter der Dorfbewohner gesehen - ein Blick in das Herz der Finsternis.

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Einst kamen Soldaten und verschleppten Brodeck in ein Lager - denn er war ein Fremder.

(Foto: Larcenet / Reprodukt 2017)

"Brodecks Bericht" (Leseprobe) ist einer der besten Comics des Jahres. Es ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Philippe Claudel. Ein ruhig erzähltes Drama, dessen Horror sich nach und nach durch die Seiten und durch das Gehirn des Lesers frisst. Es ist, als schabe Larcenet langsam, aber behutsam den Schnee von den Bäumen und von den Wiesen, von den Häusern und schließlich von den Menschen, um deren Geschichte aufzudecken. Hervor kommen schwarze Seelen.

Wehe, man fängt an zu graben

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"Brodecks Bericht" ist bei Reprodukt erschienen, 328 Seiten, Hardcover im Schuber, 39 Euro.

Ort und Zeit der Handlung sind verfremdet - doch die Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg und den Elsass sind kaum zu übersehen. Einst kamen Soldaten in das Dorf und besetzten es. Sie forderten die Herausgabe aller Fremden - und die Dorfbewohner lieferten Brodeck aus, der als Waisenkind in das Dorf gekommen war. Auch er war ein "Anderer".

Nach und nach wird Brodecks Schicksal offenbar: Seine Zeit im Konzentrationslager, die Folter, die ihn und seine Familie gebrochen hat. Und die Rolle, die die Dorfbewohner dabei spielten - und die ihn nun mehr und mehr bedrängen und vor sich hertreiben.

Zeichner Larcenet hat schon mit dem Fünfteiler "Blast" in die Abgründe der menschlichen Seele geschaut. Was dort unförmig war, in Graustufen, ist in "Brodecks Bericht" jedoch klar und expressiv. Wie Holzschnitte muten die schroffen Zeichnungen an, in denen schwarze Nacht und schneebedeckte Landschaft einander abwechseln. So reduziert das wirkt, so ausdrucksstark ist es. Diese schreckliche Schönheit braucht nicht viele Worte. Es reicht, Details zu zeigen - ein Gesicht, ein Messer, ein Stück Natur - und man weiß, woran man ist.

Erinnerung, Schuld und Sühne. Das sind schwere Themen, die Larcenet in seiner Graphic Novel verwebt. Doch der Sog, den er dabei entwickelt, ist immens. Der tragischen Geschichte des Romans fügt er durch seine Bilder einen schleichenden Horror hinzu. Eine Schrecklichkeit, die sich unter der Oberfläche versteckt, so wie der Schnee die Natur einhüllt, so wie das Gedächtnis die Vergangenheit verdrängt. Wehe, man fängt an zu graben.

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Quelle: n-tv.de

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