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Eine Reise durch die Ukraine "Du siehst aus wie der perfekte Nazi"

Der Mittelpunkt Europas liegt in den Karpaten, die Freimaurer stecken hinter dem Krieg. Solche Perlen findet Jens Mühling in der "Schwarzen Erde" der Ukraine. Und lässt sich als Nazi casten.

"Soll ich Dir sagen, wie der Krieg angefangen hat? Die Freimaurer stecken dahinter. Am Anfang sind sich zwei dieser Rockefellers über den Weg gelaufen, der eine hat 70 Milliarden verloren, die er wieder reinkriegen wollte und schlug vor, einen Krieg anzufangen. Ist gut, sagt der andere. Ich rede mit Obama. Obama hat dann mit Merkel geredet, Merkel mit Putin, Putin mit Janukowitsch."

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Das Buch ist bei Rowohlt erschienen, hat 288 Seiten und kostet 19,95 Euro.

Eine schier unendliche Zahl solcher wilden Geschichten hat der Journalist Jens Mühling auf seiner Reise durch die Ukraine gehört und in seinem Buch "Schwarze Erde" aufgeschrieben. Der Autor, der 2012 mit "Mein russisches Abenteuer" debütierte, hatte sich im Herbst 2015 wieder auf den Weg gemacht. Warum? Weil seine innere Landkarte nicht stimmte.

Sie war nicht erst seit dem Ausbruch des Konfliktes in der Ostukraine und der Annexion der Krim fehlerhaft, sondern schon seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Unbewusst verortet Mühling alles Bekannte einfach nach Russland. Tschernobyl, Gogol, Breschnew, Borschtsch, die Krim. Selbst als der Autor, der zwei Jahre lang für die Moskauer Deutsche Zeitung arbeitete, vor gut zehn Jahren Kiew besucht, erscheint ihm die Ukraine als eine Art russischer Vorort, das Beharren der Bewohner auf ihre Andersartigkeit eine liebenswerte Schrulle. Alles schön russisch. Falsch. Schön ukrainisch.

Das wird Mühling im März 2014 schlagartig klar, als er ans Schwarze Meer reist, um über die Ereignisse auf der Krim zu berichten. Buchstäblich unter seinen Füßen verschiebt sich eine Grenze. Und nichts davon hatten er und viele andere kommen sehen.

Junger, alter Konflikt

Auch deshalb macht sich Mühling auf den Weg in die Ukraine, diesen Staat, der erst seit 1991 existiert. Was in den tausend Jahren vorher war, wem diese Schwarze Erde gehört, ist ebenso lange umstritten - unzählige Mythen und Geschichten geben jeder Ansicht darüber Recht.

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Autor Jens Mühling.

(Foto: privat)

Vielleicht haftet deshalb dem Konflikt in der Ostukraine etwas Historisches an, vielleicht ist er deshalb fast schon aus dem hiesigen Bewusstsein verschwunden. Höchstens der zweite Jahrestag wird noch vermeldet, als würden Kränze an Orten niedergelegt, wo aktuell noch gekämpft wird, während die Regierungschefs der G20 verhandeln.

Mühling fängt seine Reise an der Grenze zu Polen an und arbeitet sich bis zu den umkämpften Gebieten im Osten der Donbass-Region vor. Ob in den Karpatendörfer, in Kiew, auf der Krim, überall trifft er auf Menschen, die ihm ihre Geschichte des Landes erzählen: Volksdeutsche, Nationalisten, Kommunisten, jüdische Chassiden, kirchliche Patriarchen. Sie alle geben bereitwillig Auskunft über ihre Sicht der Dinge und offenbaren dabei oft haarsträubende Verschwörungstheorien, glühenden Fanatismus oder einen ungefilterten Antisemitismus.

Bei einer Dame mit Kürbis versagt allerdings sein freundlicher Charme - überwältigt von der Tatsache, erstmals mit einem Ausländer zu sprechen, starrt sie auf den Weg nach Uman eine Busfahrt lang auf ihre prächtige Gartenfrucht. Dafür wollen ihn in Odessa begeisterte junge Filmemacher casten: "Du siehst aus wie der perfekte Nazi". Mühling lässt sich anstecken von der Idee, dramatisch in den Katakomben von Odessa als Nazi unterzugehen, doch aus dem Film wird nichts. Vielleicht trotz der Enttäuschung gut so - denn wer den Autoren bei einer Lesung oder anderswo erlebt, kann sich kaum eine schlechtere Besetzung vorstellen.

Viele kleine Geschichten und Details

Mit seiner grandiosen, schönen Sprache verwebt Mühling solche und andere kuriose Anekdoten - wie die vom angeblich geografischen Mittelpunkt Europas, den er neben einem windigen Parkplatz entdeckt und der sich als Übersetzungsfehler aus Habsburger Zeit entpuppt - mit politisch-historischen Zusammenhängen zu einem vielfältigen Diorama des Ukraine-Konfliktes.

Verschiedentlich wurde dem Autoren vorgehalten, zu viele Geschichten und Beschreibungen in "Schwarze Erde" versammelt zu haben, zu Lasten einer stärkeren Analyse. Doch dann hätte man wahrscheinlich fälschlicherweise das Gefühl, den Konflikt und seine Ursachen genau verstanden zu haben, wo man doch nur eine Sichtweise aus einem Kontext nachvollzogen hätte. Dieser Reisebericht zeigt, wie die auch in den ukrainischen Museen so beliebten Modelle berühmter Kriegsschauplätze, eine Vielzahl kleiner Geschichten und Details. Das am Ende das ganze Bild manchmal etwas unübersichtlich ist, liegt in der Natur der Sache.

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Quelle: ntv.de