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Dienstag, 29. Mai 2007

"Kulturlexikon zum Dritten Reich": Ein lexikalisches Mahnmal

"Joseph Goebbels nutzte ihre Erfolge für seine Propagandazwecke", weiß Wikipedia über Marika Rökk. "Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie deshalb zeitweise ein Auftrittsverbot in Deutschland und Österreich und man verdächtigte sie der Spionage. Doch sie wurde rehabilitiert."

Nicht von Ernst Klee. In seinem "Kulturlexikon zum Dritten Reich" heißt es, Rökk habe sich beim "Führer" für zwei Hitler-Fotos bedankt, indem sie schrieb, eines werde fortan ständig auf ihrem Schreibtisch stehen, das andere habe sie ihren Eltern nach Budapest geschickt.

Noch deutlicher wird Klee bei Heinz Rühmann. Der stand auf einer vom NS-Propagandaministerium geführten "Gottbegnadeten-Liste", auf der die für Hitler und Goebbels wichtigsten Künstler versammelt waren. "Goebbels am 6.11.1936: 'Rühmann klagt uns sein Eheleid mit einer Jüdin.' 1938 Scheidung von seiner Ehefrau Maria (...). NS-Ehrung: 1940 Staatsschauspieler, auf Vorschlag von Goebbels: Hitler-Dotation (steuerfreie Schenkung) von 40.000 Mark. (...) 1972 Filmband in Gold für langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film."

Auch Hans Albers stand auf der Gottbegnadeten-Liste. Auch Albers wurde Staatsschauspieler. Klee zitiert jedoch Carl Zuckmayer: "Er ist weder ein großer Schauspieler noch ein bedeutender Mensch, aber ein durchaus anständiger und famoser Kerl und hat mehr Charakter bewiesen als viele Andere - denn für ihn gab es die Versuchung - mit einer ganz kleinen Schweinerei 'der' Naziheros des Films und der deutschen Bühne zu werden."

Erich Kästner gehörte zu den Schriftstellern, deren Bücher im Mai 1933 vor der Universität Unter den Linden verbrannt wurden. "Vergebliche Gesuche um Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer", notiert Klee. "Bei der Machtergreifung der Nazis in Zürich, begründete seine Nichtemigration damit, daß er als Augenzeuge den Roman der Nazidiktatur schreiben wolle, den er jedoch nie schrieb."

Ernst Klee hat die Biographien von rund 4.000 Kulturschaffenden aus der Nazi-Zeit in Daten und Zitate gepackt. Die von ihm zusammengestellten Einträge sind in dieser Dichte erschreckend. Ein Manko ist zwar, dass die Auswahl von Daten und Zitaten nicht selten eine Wertung transportiert, ein Fazit des Autors jedoch fehlt. Dies zu fordern wäre allerdings eine Überforderung - wie bereits Klees "Personenlexikon zum Dritten Reich" ist das "Kulturlexikon" schließlich vor allem eine Kompilation, keine Sammlung abschließender Urteile über Nazis, Kollaborateure und Opfer.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Während hinter den meisten Namen lediglich "Schriftsteller", "Komponist" oder auch "Reichsfilmdramaturg" steht, ist Rökk nicht etwa Schauspielerin, sondern "Primaballerina des NS-Kinos". Thomas Mann erhält von Klee den Titel "Repräsentant deutscher Literatur". Martin Luther wird als "Deutscher Reformator" gewürdigt. Klee zitiert aus Luthers "Schriften wider Juden und Türken": "Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, daß man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich." Klee schließt: "In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, Luthers Geburtstag, brannten in Deutschland die Synagogen".

Andere Einträge dienen ausdrücklich dazu, an Künstler zu erinnern, die von den Nazis ermordet wurde. Zum Beispiel die Klavierlehrerin Elise Hönigsberger: "*26.7.1883 Berlin. Wohnort ebenda. Im Lexikon der Juden in der Musik gebrandmarkt. Deportiert am 17.11.1941 nach Kowno. †25.11.1941 ebenda." Im Vorwort nennt Ernst Klee sein Buch ein "lexikalisches Mahnmal". Er hat Recht. Die gezielte Suche nach Informationen über eine Person mag mit dem "Kulturlexikon zum Dritten Reich" gelegentlich unbefriedigend sein. Wer darin blättert, wird es jedoch nicht so schnell aus der Hand legen.

Ernst Klee, "Das Kulturlexikon zum Dritten Reich", S. Fischer, 720 Seiten, 29,90 Euro

Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de