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Interview mit Ann-Marlene Henning, 3 Im Alter ist Zeit für Sex

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Für guten Sex ist es nie zu spät.

(Foto: Credit: Robi Rodriguez, Rogner & Bernhard)

Nach der Arbeit Kinder und Haushalt versorgen und dann noch spannenden Sex haben? Das überfordert viele. "Zu Recht", meint Sexologin Ann-Marlene Henning und warnt vor zu viel Anstrengung. Sie würde lieber mit dem Tabu "Sex im Altersheim" aufräumen.

Über Probleme beim Sex (Teil 1 des Interviews) und richtige Aufklärung bei Kindern und Jugendlichen (Teil 2 des Interviews) lässt sich locker länger als geplant reden. Doch Ann-Marlene Henning lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach dem Interview habe sie vor dem nächsten Patienten immer noch genug Zeit, noch eine Folge ihrer Lieblingsserie zu schauen, darauf freue sie sich. Die kleinen Auszeiten sind ihr wichtig geworden, denn neben ihrer Arbeit in der Praxis ist die Sexologin derzeit an Wochenenden wieder für Dreharbeiten für die nächste TV-Staffel der Dokureihe "Make Love" unterwegs.

Die ersten Casting-Aufrufe (hier geht es zum Aufruf) gehen jetzt raus, wieder sucht die Therapeutin Paare, die ihre Partnerschaft und ihr Liebesleben verbessern wollen. Zweifel, geeignete Teilnehmer zu finden, hat Henning nicht. Schon in den beiden ersten Staffeln gab es mehr Anfragen, als sie unterbringen konnte. Warum so viele Menschen bereit sind, im Fernsehen über ihre Probleme im Bett zu reden, weiß Henning zwar auch nicht – aber es gäbe ja auch keinen Grund, nicht über das zu reden, was ohnehin alle beschäftigt. Und über Sex wird vor allem dann nachgedacht, wenn man hier zu kurz kommt. Das kann gerade in der Rush-Hour des Lebens schnell passieren. Davon sollte man sich nicht stressen lassen, empfiehlt Henning. Mehr Sorgen macht ihr im dritten und letzten Teil des Interviews das große Tabuthema "Sex im Alter".

n-tv.de: Jetzt ist das erste "Make Love"-Buch für Jugendliche und das zweite für die reife Liebe gedacht. Was ist denn mit der Rush Hour des Lebens zwischen Ende 20 und Mitte 40? Gibt es hier keine Probleme?

Ann-Marlene Henning: Erstmal ist mein zweites Buch nicht nur für die späte Lebensphase, sondern für alle Erwachsene – also auch für die "Rush Hour" – gedacht. Aber ist gibt tatsächlich eine Gruppe, die sehr anstrengend ist, die ich in der Therapie auch persönlich als anstrengend empfinde: junge Eltern. Es mag daran liegen, dass mich das an mich selbst erinnert und ich diese Phase unheimlich anstrengend fand.

Diese Gruppe hat ohne Zweifel große Probleme. Doch ich habe keinen Zauberstab, den ich schwingen kann, um ihnen zu helfen. Denn die umgebenden Dinge bestimmen ihr Leben: Kind, Hund, Villa, Karriere. Das müssen sie ändern. Ich kann nur dazu animieren, wieder zu verführen, Energie reinzubringen. Aber genau das ist für diese Paare so schwer umzusetzen. Was soll ich mit einer Frau ihr eigenes Geschlecht erspüren lernen, wenn sich der nächste Termin bei mir wie nach drei Tagen anfühlt, wo es drei Wochen waren? Ihr Leben ist in der Zwischenzeit so voll, dass sie es gar nicht schafft, sich um sich selbst zu kümmern.

Nach dem Motto: Ok, ich habe jetzt fünf Minuten, mich zu erspüren?

Genau das funktioniert nicht. Da sage ich ehrlich: Wollen Sie sich wirklich diese Anstrengung noch zuzumuten? Schaffen Sie es nicht noch drei, fünf Jahre so weiterzumachen? Und dann legen wir los? Sonst schafft man sich nur den nächsten Druck.

Wie bringt man den Leuten bei, dass guter Sex nicht einfach ein weiterer Punkt auf einer To-Do-Liste sein kann?

Da bin ich sehr deutlich. Ich hatte ein Paar bei mir in der Praxis, da saß er breit auf dem Sofa, sie zusammengesunken daneben. Vier Kinder, das vierte Kind lag neben ihr in einem Maxi Cosi. Er sagte: "Wir haben einfach nicht genug Sex." Sie saß immer noch stumm daneben. Eigentlich eine starke Frau, aber sie hatte aufgegeben. Dann er wieder: "Wir hatten früher immer spannenden Sex mit Lack und Leder." Das wollte er wieder haben. Und der Sex sollte natürlich spontan sein.

Sie sollte spontan in Lack und Latex vor ihm stehen, nachdem sie vier Kinder versorgt hat?

Und nachdem sie seit fünf Uhr morgens auf den Beinen war. Da habe ich ihm geantwortet: Herzlichen Glückwunsch zu Ihren nächsten 30, 40 Jahren ohne Sex. Sie machen hier gerade einen Druck, dass keiner mit Ihnen schlafen wird. Dann hat er große Augen gemacht. Aber wie sollte sie das schaffen? Am Ende haben die beiden sich dann auf ein Vier-Stufen-Therapieprogramm eingelassen. Dabei soll man erst in der vierten Stufe wieder Sex haben. Da bekam ich aus dem Urlaub eine SMS: "Wir haben Stufe drei übersprungen." Da wusste ich, dass sie spontan Leder-Sex hatten. Yeah.

Viele trauen sich aber nicht, den Sex auf die lange Bahn zu schieben, auch weil sie Angst vor den drohenden Wechseljahren haben.

Wenn man weiß, da passiert was mit den Hormonen, übrigens auch bei Männern, wenn man sich darauf um- und einstellt, hat wahrscheinlich super Alters-Sex. Wenn man nicht gerade von Krankheit oder fehlenden Partnern betroffen ist. Vorbereitung ist das Zauberwort. Dann wird derjenige, der immer schon Sex hatte und das gerne mag, auch im Alter noch Sex haben. Vielleicht sogar mehr, aber in jedem Fall besser. Es sei denn, man wird vernichtet durch ein Alzheimer oder irgendetwas. Ansonsten braucht man den Zauberstab nicht mehr. Die Kinder sind weg,

… der Hund ist tot …

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Aus dem Tal geht es auch wieder raus.

(Foto: Ole Häntzschel)

...  und man hat mehr Zeit für sich, genau. Und das Gehirn wird immer besser, weil es flexibler und dynamischer ist. Das ist meine Lieblingsgrafik im "Make-More-Love"-Buch: Die Lebenszufriedenheitskurve. Da ist man zwischen 40 und 50 bei der Umstellung auf dem Tiefpunkt. Dann geht es wieder bergauf, bis man sich wieder so fühlt wie mit 20. Erst mit 70 geht es wieder runter, aber man kommt nie wieder in das tiefe Tal. Genauso ging es mir selbst in den vergangenen paar Jahren. Erst war ich im Tal und jetzt finde ich alles besser. Ich bin gelassener, ich spüre mehr, ich lerne über meinen eigenen Körper, das ist alles in den letzten fünf Jahren passiert.

Schreiten wir im Alter noch mal ein gutes Stück voran. Im hohen Alter ist Sex in unserer Gesellschaft offiziell kein Thema mehr.

Das ist ein richtiges Tabu! Gerade wenn es beispielsweise um Altersheime geht. Das liegt auch an der Generation, die sich gerade in diesem Alter befindet. Die sind noch aufgezogen worden mit Klappe halten und in der Spur bleiben. Aber können Sie sich vorstellen, dass die Baby-Boomer einmal im Altersheim sitzen und nichts dürfen? Nein. Wir gucken einen Porno, wann wir wollen. Da wird sich also etwas ändern. Wir werden uns nicht damit abfinden, kein sexuelles Leben mehr zu haben. Kann ja passieren, dass man zehn, zwanzig Jahre im Altersheim hängt. Und wird nicht berührt. In Holland ist es normal, dass du dort einen solchen Service buchen kannst. Da kommt jemand und streichelt. Hierzulande heißt das Sexualassistenz.

Der Begriff hat aber auch irgendwie etwas Trauriges, oder?

Ja, hat es auch. Ich kenne eine Frau, die so einen Service aufgebaut hat, die hat das Wort "Erotik" im Namen. Wegen des Tabus ist auch schwierig, ein Team zusammenzustellen. Wenn es anerkannter wäre, wäre das leichter. Ich könnte so etwas machen, würde mich nicht die Bohne stören. Ob es gleich Sexualität mit Penetration sein muss, ist doch erstmal nicht die Frage. Wenn es zum Beispiel tantrische Massagen angeboten werden und dann kommt jemand und massiert einen zwei Stunden, hält einen. Das kann man doch einmal im Monat machen. Schließlich weiß man heute, dass der Medikamentenverbrauch an Schmerz- und Schlafmitteln, zurückgeht, wenn Sexualität erlaubt ist. Deshalb wird mittlerweile der alte Herr am Sonntag auch rübergerollt und aufs Bett gelegt neben seine Frau. Darüber haben wir hier eigentlich die ganze Zeit geredet: Von der Geburt bis zum Tode sind wir Wesen, die Hautkontakt brauchen und Berührung. Das darf man nicht vergessen.

Mit Ann-Marlene Henning sprach Samira Lazarovic

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Quelle: n-tv.de

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