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Interview mit Ann-Marlene Henning, 2 Was Kinder über Sex wissen müssen

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Das erste "Make Love" Buch von Ann-Marlene Henning ist für Jugendliche gedacht - auch als Schulmaterial. Doch einige Schulen fürchten die Elternreaktion.

(Foto: Rogner & Bernhard)

Wenn man in der Pubertät mit seinen Kindern über Bienen und Blumen redet, reicht das doch, oder? Falsch, sagt Sexologin Ann-Marlene Henning. Sexuelles Lernen beginnt viel früher. Und Kinder verstünden alles. Sogar Patchwork.

Nachdem wir in Teil 1 des Interviews geklärt haben, dass es in Deutschland zwar kein Problem ist, über Sex zu reden, aber ein großes Problem, über Probleme beim Sex zu reden, ist Ann-Marlene Henning fertig mit ihrer Suppe, überspringt den Hauptgang ("den nehme ich mir für heute Abend mit!") und geht zu Kaffee und Kuchen über. Und erzählt, dass der bekannte Sexualforscher Günter Amendt, der 2011 bei einem tragischen Unfall nur wenige Meter von dem kleinen Hamburger Café im Stadtteil Eppendorf entfernt ums Leben kam, ihr Nachbar war. Zwei Sexologen in einer Straße. Man sollte bei Hamburg und Sex halt nicht immer gleich an die Reeperbahn denken.

Dann geht es weiter mit dem Thema Aufklärung. Das liegt Ann-Marlene Henning besonders am Herzen. Sie ärgert sich über diese ganzen Ängste. Dass etwa der Papa seine vierjährige Tochter nicht mehr auf den Schoß nehmen darf, weil dann gleich das Wort Pädophilie darüber schwebt. Oder dass nicht über Sex geredet wird, "weil die Kinder geschützt werden müssen". Schützen tue sich da nur einer, sagt Henning bestimmt: "Der Erwachsene, der nicht mutig genug ist zu sagen: 'Ich informiere Dich jetzt.'" Dabei bräuchten Kinder heute so viel Information wie noch nie.

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Die Erwachsenen machen sich den Kopf um Sex. Nicht die Jugendlichen. Findet zumindest Ann-Marlene Henning. (Foto: Privat)

n-tv.de: Haben Sie eine Idee, warum es Eltern oft so schwer fällt, zu akzeptieren, dass ihre Kinder sexuelle Wesen sind?

Ann-Marlene Henning: Für mich ist das so etwas von unverständlich. Besser gesagt, ich denke da ganz anders. Ich denke: Oh wie geil, mein Sohn wird ein Mann und hat Spaß daran. Ich weiß ja, wie viel Spaß Sex machen kann. Ich freue mich, wenn er diesen Genuss im Leben hat. Wie kann mir das peinlich sein? Aber vielleicht erinnert es viele Erwachsene an ihren eigenen, nicht funktionierenden Sex. Außerdem kommt das ganze Wissen hoch, das Erwachsene abgespeichert haben: Schwangerschaft, Geschlechtskrankheiten, Missbrauch, Grenzüberschreitungen. Das ist aber nicht das, was Jugendliche erleben müssen. Obwohl: Vielleicht doch. Weil es das Internet gibt und ihr die Klappe haltet.

Auf Ihrem Youtube-Kanal gibt es dieses Video, wo Sie von dem zu verschenkenden Klassensatz "Make-Love"-Bücher erzählen, den eine Lehrerin aus Angst vor den Eltern der Schüler abgelehnt hat. Ich wurde mit "Peter, Ida und Minimum" in der Grundschule aufgeklärt. Würde das heute noch gehen?

Da bin ich nicht sicher. Ich sollte neulich beurteilen, wie es um den Aufklärungsunterricht in deutschen Schulen steht, das war erschreckend! Ein Engländer, der den Vorsitz in einem Verein zur Aufklärung hat, sagte dazu: "Too little, too late and too biological." Zu wenig, zu spät und immer nur diese blöde Biologie mit Penis und Eierstöcken! Der Rest wie Gefühle oder Techniken kommt nicht vor.

Muss man jungen Menschen Techniken beibringen?

Vielleicht nicht. Aber wenn ich als Sexologin weiß, dass ein Junge jahrelang vor dem Bildschirm gesessen und zu Pornos trainiert hat, dann muss ich ihm erklären, was Anspannung und Rubbeln bedeuten für seinen nächsten Sex. Damit er nicht kommt, bevor er überhaupt drin ist. Das ist ein neues Thema. Ich gebe Kurse, wo ich den Jungen sage, worauf sie achten müssen, wenn sie vor dem Bildschirm sitzen. Was für ein Sex wird das, wenn Eure Synapsen das so lernen? Ältere Männer haben ein echtes Sexleben gehabt, bevor es so viel Porno gab. Da merkt man den Unterschied. Die können das ablegen. Die jungen können abhängig werden und haben keinen normalen Sex mehr.

Sexuelle Erziehung oder Aufklärung ist für viele Eltern erst im Teenager-Alter ein Thema.

Das ist und zwar in Großbuchstaben: FALSCH! Wirklich falsch. Sie fragen mich: Wann beginnt die Aufklärung? Ich frage jetzt: Wann beginnt das Lernen? Das beginnt früher und zwar negativ. Hände weg, Beine überschlagen, fass Dich nicht an, es geht nicht um Dich. Das ist schon sexuelles Lernen. Leider. Wir bringen den Kindern bei: Da unten ist etwas böse. Da stimmt etwas nicht. Neuropsychologisch ist erwiesen, dass das Lernen schon im Mutterleib beginnt. Und das geht nach der Geburt weiter – die ersten Berührungen, wenn man die Neugeborenen nackt auf den Bauch der Mutter legt, zum Beispiel.  

Erwachsene denken bei sexueller Aufklärung gleich an Penis reinstecken – da sage ich: Moment. Das Thema gehört in die Pubertät. Aber davor kommt der ganze Rest: Nämlich mit Berührung Genuss verbinden und nicht Schmerz. Den eigenen Körper entdecken, eine sexuelle Identität entwickeln. Das geht definitiv vor der Pubertät los. Wenn ein Mädchen erst in der Pubertät einen Bezug zu ihrem Geschlecht herstellt, wie soll das bitte gehen, wenn da ein Junge kommt, der da rein will? Da wäre es doch viel schöner, wenn sie einen Bezug dazu hergestellt hätte, als sie drei Jahre alt war. Vier. Sieben. Neun. Und sagen kann: Oh nein. Oder: Ja, ich lasse Dich rein. Was für ein anderes Gefühl! So wird sie nur denken: Das muss kahl rasiert sein, das muss wahnsinnig nass sein und ich muss so und so gucken. Und ich muss Spaß haben, aber eigentlich tut es gerade weh. Ein Gefühl für das eigene Geschlecht zu kriegen, ist bei Mädchen extrem schwierig. Das muss man ihnen beibringen, weil es nicht vorne hängt und sie es nicht sehen können.

Was sollten Kinder alles wissen, bevor sie sexuell aktiv werden? Kann man noch Raum für schöne Überraschungen lassen?

Da ist mein Buch ja Gift, da bleibt nicht mehr viel übrig! Ich würde eher sagen: Es gibt sowieso Überraschungen, egal, wie viel ich sage. Da liegen zwei Menschen, die sich neu entdecken. Und der eine hat eine Idee, die der andere nicht hatte. Das bleibt auch so. Jedes Mal mit einem neuen Partner, lernt man etwas. Was? Das geht auch? Wusste ich nicht. Wie beim Kochen. Wenn ich da nicht ein paar Grunddinge gelernt habe, zum Beispiel wie man eine gute Sauce macht, ohne dass sie klumpt, oder was zusammen geht und was nicht, da kann ich doch trotzdem komplett spontan kochen. Ich reiß' den Kühlschrank auf, nehme was ich finde und gerade weil ich so viel über das Kochen weiß, mache ich doch ein super Gericht daraus.

Man kann sicherlich auch zu viel sagen. Aber da geben die Kinder schon selber Bescheid. Wie mein Sohn. Der sagte dann auch schon mal: "Mama, darüber will ich nicht reden." Da gibt es eine natürliche Schamgrenze. Deshalb freue ich mich auch, dass ich das Buch geschrieben habe, dann können die Kinder das dort lesen und müssen nicht mit ihren Eltern reden. Mein Sohn fragt, wenn er ein Bedürfnis hat. Das waren dann aber ganz spezifische Fragen. Nicht so sehr persönliche.

Ask the doctor.

Yes, ask the doctor. Mit 15 fragte er zum Beispiel, warum Mädchen nicht zum Arzt gingen und sich dieses Häutchen da entfernen ließen, wenn das so schwer sei für sie. Da hat er sich Gedanken gemacht, warum das so wehtun muss. Und dabei tut das ja nicht immer weh, das denken immer alle, das stimmt aber nicht.

Es ist ganz wichtig, eine Stimmung zu Hause zu schaffen, wo klar ist: Du darfst fragen. Fragen ist fein. Da wird keiner rot und wenn wir die Antwort nicht wissen, überlegen wir was oder gehen ins Netz.

Viele Eltern sind auch verunsichert was den Umgang mit Homosexualität angeht.

Das ist interessant, da würde ich gar nicht darüber nachdenken. Ich würde nur daran denken, dass ich da ein extra Auge darauf haben muss, dass er da nicht leidet. Vielleicht geärgert wird von anderen. Sonst würde ich den Partner einfach begrüßen. Da muss ich an diese Anfrage aus Bayern denken: Soll Gleichgeschlechtlichkeit Teil des Aufklärungsunterricht werden? Ich habe denen nur geschrieben: Ich will noch nicht mal diese Frage beantworten. Die Frage stellt sich doch gar nicht. Wer mit wem, das ist so egal, wie nur etwas. Das man da überhaupt nachdenken kann.

Mein erstes Buch "Make Love" ist in acht Ländern verkauft worden. Die Russen wollen das auch. Ich habe nein gesagt. Weil sie eine Bedingung gestellt haben.

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Die "Make Love"-Reihe wartet mit vielen originellen Grafiken auch zu Themen wie Homosexualität auf. Kommt aber nicht weltweit gut an. (Grafik: Ole Häntzschel)

(Foto: Ole Häntzschel)

Sie wollten das Kapitel über Homosexualität streichen?

Genau. Da habe ich gesagt, nee, dann könnt ihr mein Buch nicht haben. Fertig! Man kann sagen, oh, da stehen auch so viele andere Sachen drin, das kriegen die russischen Kinder dann nicht. Aber bei der Botschaft lass ich nicht mit mir handeln. Dass Homosexualität wie eine Krankheit behandelt wird, dass man sich „anstecken“ kann. Das ist furchtbar.

Kommen wir zum Thema Internet-Pornos zurück. Kann man den Konsum irgendwie kontrollieren?

Nein, das kann man nicht. Deswegen finde ich zwei, drei Dinge wichtig. Das eine ist: Wie sehen die Leute darin aus? Da muss man etwas zu sagen, zu den Geschlechtsmerkmalen. Busen, Lippen, Nägel, Penisse etc. Die Kinder und Jugendlichen müssen verstehen, dass das eine Kunstform ist. Dann die Verhaltensweise: Man muss nicht alles mitmachen. Wer bedient wen und was muss man können? Wie viele kleine Mädchen haben über die Schulter des großen Bruders hinweg schon einen Porno gesehen? Da lernen Siebenjährige über Geschlechteridentität, dass die Frau irgendwie bedient und alle Löcher gestopft werden müssen und so etwas.

Das dritte ist die etwas abgewandelte Frage: Wie stellst Du Dich selber dar? Auf Facebook und so weiter. Das ist nicht Porn, aber das sind neue Medien. Man muss denen erklären, dass sie irgendwann auf Jobsuche sein werden und der neue Chef das Bild dann sehen kann.

Gerade für junge Mädchen ist oft schwer einzuschätzen, was sie zum Beispiel für Signale senden, oder?

Ich würde definitiv über Miley Cyrus & Co reden. Die sehen diese Bilder und Videos von morgens bis abends und kein Schwein sagt etwas dazu. Wenn überhaupt, dann nur als Verbot: "So darfst Du nicht rumlaufen." Ich würde zum Beispiel bei kleinen Kindern viel lieber fragen: "Ach guck mal. Die friert doch, wenn die draußen so rumläuft." Später, wenn sie zehn, dreizehn, fünfzehn Jahre alt sind, mal fragen: "Was meinst Du, wie es einem so geht, wenn man sich vor anderen Menschen so räkelt?" Mehr in die Empfindungen reingehen. Zum Nachdenken anregen, statt Verbote aufzustellen. Das ist auch sexuelle Aufklärung.

Jetzt drehen wir das Ganze noch mal um. Warum fällt es Kindern so schwer, ihre Eltern als sexuelle Wesen zu akzeptieren? Der Klassiker ist ja der Ausspruch: "Wie, das habt ihr zweimal gemacht?", wenn es noch ein Geschwisterchen gibt.

Und ich glaube da ja wieder, das haben die so gelernt. Von ihren Eltern. (lacht) Einige Stämme haben da viel besser entwickelte Systeme als wir. Da hat man einen Herzenspartner, mit dem man die Kinder hat und das Haus bewohnt und so weiter. Aber man darf auch hinter dem Gebüsch vögeln, wenn man Lust hat.

Es ist ja eine Sache, wenn Mama und Papa liebevoll miteinander umgehen. Aber viele Familien bleiben nicht mehr zusammen. Dann kommen neue Partner, Patchwork. Viele tun sich dann schwer, vor den eigenen Kindern Zärtlichkeiten mit dem neuen Partner auszutauschen.

Da würde ich fast sagen: Zum Glück kommen neue Partner! Das ist ein positives Signal an die Kinder. Mein Papa möchte jemand nahe haben, einen neuen Menschen. Natürlich kommt da auch mal die Frage: Warum denn nicht Mama? Aber Kinder, selbst Drei- oder Vierjährige, können richtig was verstehen!

Oft kommen Eltern in meine Praxis und suchen Hilfe für eine gute Trennung, aber die Kindern seien erst drei, vier Jahre alt. Dann rate ich ihnen, einfach zu sagen, wie es ist. In ihrer Sprache. Die lesen euch. Und wenn ihr sagt, wie es ist, dann stimmt ihr Wahrnehmungssystem und dann fühlen sie sich gleich besser. Die brauchen nur eine Bestätigung ihrer Wahrnehmung. Nicht vorlügen. Man kann auch einem Dreijährigen sagen, Mama und ich streiten immer zu viel. Ich habe jetzt eine neue Frau und ich habe sie ganz lieb, so wie ich dich lieb habe. Das sehen die ja. Sicherlich ist das auch mal traurig, dass die Eltern getrennt sind. Aber das ist ja auch nicht mehr so wie in meiner Schulzeit. Da waren aus der Klasse zwei Eltern getrennt, nämlich meine Eltern und die meiner besten Freundin. Heute sind zwei Eltern zusammen. Die Kinder sind nicht alleine.

Die bedauern die anderen Kinder, die nicht zwei Zimmer haben.

Richtig. Oder keine neuen Eltern, die so witzig sind. Was die Kinder tatsächlich davon haben, ist noch mehr Toleranz und Wissen über Familie und Beziehungen. Sie verstehen auch, dass da etwas Sexuelles mitläuft. Denn warum sollten Papa oder Mama sonst den Neuen holen. Kinder haben sie ja. Aber die scheinen ja noch etwas da zu machen.

Und zwar öfter als ein, zweimal. Da muss was dran sein.

Genau. Wenn man es richtig macht, ist eine Trennung eigentlich kein Problem. Denn Kinder sind wahnsinnig realistisch. Und offen. Die Erwachsenen machen sich immer mehr Sorgen als die Kinder, weil sie sich alles vorstellen können. Das können Kinder nicht. Wichtig ist, dass die Erwachsenen sich benehmen. Dann kann man auch Weihnachten zusammen feiern. Oder sogar in Urlaub fahren. Habe ich auch gemacht.

Das war Teil 2 des Interviews mit Ann-Marlene Henning. Hier finden Sie Teil 1. Im dritten Teil geht es dann um Sex im Alter. Und die Frage, ob in der Rush-Hour des Lebens, zwischen Job, Hauskredit und Elternpflege überhaupt noch Zeit für guten Sex übrig bleibt.

Das Interview führte Samira Lazarovic

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Quelle: n-tv.de

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