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Wolfgang Herrndorfs Blog als Buch "Im ersten Jahr sterben ist für Muschis"

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Herrndorf schrieb bis kurz vor seinem Tod an dem Blog.

(Foto: picture alliance / dpa)

Mit einem Tumor im Kopf schnurrt die zu erwartende Lebenszeit auf wenige Monate oder Jahre zusammen. Ärzte raten manchmal, sich noch eine schöne Zeit zu machen. Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf fand auf die Diagnose seine eigene Antwort: Arbeit und Struktur.

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Der Schriftsteller wurde 48 Jahre alt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wolfgang Herrndorf wollte im Winter sterben. "Das haben die letzten Sommer gezeigt, im Sommer geht es nicht. Im Winter ist es leicht", schrieb er am 6. Februar 2013 dazu in seinem Blog "Arbeit und Struktur", der nun als Buch erschienen ist. Seit Februar 2010 wusste der Schriftsteller, dass er an einem bösartigen Hirntumor litt und über kurz oder lang daran sterben würde. Am Abend des 26. August setzte Herrndorf seinem Leben selbst ein Ende. "Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat imstande war", beschreiben sein Lektor Marcus Gärtner und seine Freundin Kathrin Passig im Nachwort die Entwicklung der Krankheit zu diesem Zeitpunkt.

In den Blogeinträgen in den Tagen zuvor wird deutlich: Herrndorfs Koordination und räumliche Orientierung sind nach mehreren Hirn-OPs und Chemotherapien zunehmend beeinträchtigt, er droht, die Sprachfähigkeit zu verlieren. Doch schon im August 2010 hatte sich Herrndorf "damit abgefunden, dass ich mich erschieße. Ich könnte mich aber nicht damit abfinden, vom Tumor zerlegt zu werden." So entwickelt er seine persönliche Exit-Strategie, die jedoch aus weit mehr besteht als aus dem Besorgen einer Waffe.

Sein Umgang mit der Krankheit lässt sich in zwei Worte fassen: "Arbeit und Struktur". Es war nicht so, dass er bis dahin nicht gearbeitet hatte, er hatte gemalt, illustriert, geschrieben, es hatte sich viel Material angesammelt. Doch nun beginnt das absolute "Leben in der Gegenwart", die verläpperten Tage der digitalen Boheme, Herrndorf hat dafür keine Zeit mehr. Er arbeitet wie besessen an Büchern, in die er zum Zeitpunkt der Diagnose schon jahrelang Arbeit investiert hatte.

Unterschied zwischen Kunst und Mist

Noch 2010 erscheint "Tschick", ein Jugendroman, in dem der Autor die gemeinsamen Motive seiner eigenen Lieblingsjugendbücher verarbeitet: "schnelle Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser". Am Ende muss das große Wasser dran glauben, aber das Buch wird ein Erfolg, allen Zweifeln des Autors zum Trotz, der an manchen Tagen drei Kapitel schafft. "Das wollen wir doch mal sehen, ob sie beim Deutschen Jugendbuchpreis ein rasend schnell zusammengeschissenes Manuskript von einem durchredigierten unterscheiden können", steht im Eintrag vom 1.Juni 2010. An Herrndorfs eigenen Büchern bestätigt sich seine Einschätzung, "dass es einen Unterschied gibt zwischen Kunst und Mist".

Er bekommt den Jugendbuchpreis und weitere Preise, verdient erstmals richtig gut mit seiner Arbeit und wendet sich gleich dem nächsten Projekt zu: "Sand" - ein literarisches 500-Seiten-Experiment irgendwo zwischen Thriller und Unterhaltungsroman, ein eigenartiges Buch, von der Kritik gelobt und den Lesern geliebt. Herrndorf ist plötzlich ein gefeierter Autor, der dem Erfolg irgendwie ambivalent gegenüber steht. Am 15. Januar 2011 schreibt er: "25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst und gehofft, einmal eine 2-Zimmer-Wohnung mit Ausblick zu haben. Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre."

Danach arbeitet Herrndorf an "Isa" und an seinem Blog, wobei er das Blog zunächst als Ersatz ansieht, falls die Lebenszeit für einen Roman nicht mehr reichen sollte. Doch aus dem "Mitteilungsmedium für Freunde" wird ein autobiografisches Projekt, zu dem die Krankheit gehört und die Freunde, die Kindheit und die Liebe, das Fußballspielen und das Schwimmen, das Schreiben und das Nachdenken. Nach einer Weile sieht Herrndorf seine Einträge als das, wofür es seine Leser längst nehmen, als Literatur.

Starke Emotionen, tolle Sätze

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Das Buch ist bei Rowohlt erschienen und kostet 19,95 Euro.

Herrndorf ist überzeugt, mit dem Glioblastom den "Rolls Royce unter den Krankheiten" zu haben, und sieht darin den Grund, weshalb sich der Leser seinem Schreiben nicht entziehen kann. Wer nun in "Arbeit und Struktur" blättert, wird dem Autor widersprechen. Sicher lässt sich keine Seite lesen, ohne das Ende mitzudenken. Doch Herrndorf erweist sich als wunderbarer Erinnerer, als begeisterter Leser, auch als spitzer literarischer Konkurrent, beispielsweise gegenüber Uwe Tellkamp, dessen "Turm" er eine seitenlange wütende Analyse widmet.

Selten bekommt man auch einen so tiefen Einblick in die Mühen der täglichen künstlerischen Existenz. Aufstehen, um den Sonnenaufgang zu sehen, Tee und dann die Arbeit der vergangenen Tage komplett wegwerfen oder immer noch gut finden, je nachdem. Bei der Arbeit an "Tschick" fällt Herrndorf auf, dass er den jugendlichen Erzähler sich schon sechs Jahre zuvor Gedanken über den Tod machen ließ. "Wenn ich das drinlasse, denken alle, ich hätte es nachher reingeschrieben. Aber soll ich es deshalb streichen?" Angesichts der Krankheit wirft er die Zweifel über Bord und veröffentlicht seine Texte.

Der Tumor ist nicht nur in Herrndorfs Gehirn raumfordernd, sondern auch in seinem Leben. Seine Frau C., die Freunde, die Eltern, erweisen sich als sensible Unterstützer in dem zermürbenden Alltag zwischen Arztbesuchen, Therapien, epileptischen Anfällen, Operationen, Arbeit. Die Wahrscheinlichkeit, auch nur das erste Jahr zu überleben, liegt bei unter 50 Prozent. Herrndorf hält dagegen: "Im ersten Jahr sterben ist für Muschis."

Weinen, Lachen, Lesen

Doch Herrndorf ist kein Ewig-Tapferer und schon gar kein emotionsloser Kämpfer. Im September 2010 beschreibt er die immer "gleichen drei Dinge, die mir den Stecker ziehen: Die Freundlichkeit der Welt, die Schönheit der Natur, kleine Kinder". Manche Dinge rühren ob ihrer Einfachheit, an anderen Stellen muss man laut lachen, beispielsweise wenn Herrndorf über seine nie versiegende Freude an Berlin sagt: "Das Gute an Berlin: Auf der Torstraße bin ich unter den Gestörten nur gehobenes Mittelfeld."

Die laute Musik eines Nachbarn stört den Autor immer wieder. Klopfen, Gespräche, das Angebot, einen teuren Kopfhörer zu kaufen, nichts hilft. "Ich kann die Welt auch ein kleines bisschen schöner machen, indem ich mit dem Tranchiermesser ein Stockwerk tiefer gehe."

Das Firmenschild auf einem Desinfektionsmittel erinnert ihn an ein sechsmonatiges Praktikum in einer Druckerei, das man für das Kunststudium in Nürnberg brauchte, "das verschwendetste halbe Jahr meines Lebens". "Jeden Tag stand ich in der Dunkelkammer, drei Minuten, während der Film entwickelte, spürte, wie mein IQ nach unten zählte und sagte mir Gedichte auf. Lange tot und tiefverschlossen. Alles, was ich so kannte."

Die Kindheit in Norddeutschland: "Als ich Schlittschuh laufen lernte, sah es auf allen Seen noch aus wie seit Hunderten von Jahren (…) und man musste warten, bis einer vor Erschöpfung zusammenbrach, ertrank oder sein mit Isolierband nicht ausreichend umwickelter Schläger in Fetzen davonflog, damit man seinen Platz einnehmen konnte." Sätze wie dieser machen es jenseits von Ergriffenheitsgefühlen zum großen Vergnügen, Herrendorf zu lesen. Ein großartiges Buch mit einer berührenden Sprache, ein Tagebuch ohne jedes Pathos und doch immer authentisch.

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Quelle: n-tv.de