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Wie Joy Division Kultband wurde Nazi-Vorwürfe, Selbstmord und unsterbliche Musik

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Bis heute eine Ikone: Schablonenbild (Stencil) von Joy-Division-Sänger Ian Curtis an einer Hauswand in London.

Die Band Joy Division gab es nicht wirklich lange, sie existierte nur etwa drei Jahre. Aber was sie in der vergleichsweise kurzen Zeit hervorgebracht hat, reichte aus, um sie zur Legende zu machen.

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Peter Hook, Bassist und Autor von "Unknown Pleasures - die Joy Division Story": "Ich liebe den alten Glam-Rock-Pulli."

(Foto: Metrolit)

Ihr Sound prägte den vieler anderer Bands; noch heute berufen sich unzählige Musiker auf sie als Vorbild; Musikjournalisten wählen ihre beiden Alben in diverse Bestenlisten. Was machte sie so legendär, so besonders? Zum einen ihr charismatischer Sänger Ian Curtis, dessen tragischer Tod gleichzeitig das Ende von Joy Division bedeutete. Zum anderen ihr revolutionärer Sound. Wie die Band sich fand, wie sie entstand, wie sie von Amateurmusikern zu Ikonen wurden, erzählt der Bassist der Band, Peter Hook, in seinem Buch "Unknown Pleasures - Die Joy-Division-Story".

Hook gilt generell als der Gesprächigste der Bandmitglieder - und so  geht er in seinem Buch auch sehr ins Detail. Jeder der fünf Teile (Insight, Disorder, Transmission, Love Will Tear Us Apart, Ceremony) endet mit einer Chronik, die genauestens auflistet, an welchem Tag die Band wo aufgetreten ist, Zeitungskritiken dazu, Plattenaufnahmen, Treffen, Fotoaufnahmen und andere Ereignisse, die er für erwähnenswert hält - wie etwa den Tod von Sid Vicious, dem Bassisten der Sex Pistols, im Februar 1979.

Was die Sex Pistols können, können wir auch

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Peter Hook: "Eines meiner Lieblingsbilder von uns. Die Europa-Tour, glaube ich."

(Foto: Metrolit)

Kein Wunder - schließlich war das Konzert der Sex Pistols am 4. Juni 1976 in Manchester so etwas wie eine Initialzündung für Joy Division. "Eine Nacht, die sich als die wichtigste in meinem Leben herausstellen sollte, zumindest eine der wichtigsten", hält Hook im Rückblick fest. Der Auftritt hatte einen dermaßen tiefen Eindruck hinterlassen, dass er das Gefühl bekam, vorher in einem dunklen, gemütlichen Zimmer gesessen zu haben und nun hatte jemand die Tür aufgetreten und es wurde grell und laut. "Intensiver Lärm" und der Blick in eine andere Welt, ein anderes Leben, ein Ausweg. Zwei elementare Erkenntnisse folgten dem erschütternden Konzertbesuch: "Das kann ich auch" und "Das will ich auch. Nein, verdammte Scheiße, das muss ich machen."

Chronikeintrag dazu: "Die Sex Pistols spielen in der Lesser Free Trade Hall, Manchester. Peter Hook, Bernard Sumner und Terry Mason beschließen, eine Band zu gründen." Es folgen: Instrumente kaufen, sie - mehr oder weniger - spielen lernen, mit einem Buch und learning by doing. Dem Typen, der ihr Sänger und später zur tragischen Legende werden sollte, waren sie ein paarmal bei Konzerten begegnet; Ian Curtis gefiel den anderen, weil er sich in Neonorange "Hate" hinten auf die Jacke geschrieben hatte. Punks waren sie damals alle, sahen "im Vergleich zu allen anderen ziemlich wild aus". Ian aber sah "verglichen mit uns normal aus. Er war nett. Sprach leise.", erinnert sich der Bassist.

Blödsinn machen und Bücher lesen

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Blödsinn mit den Lads: "Jungs eben. Erkennt man jemanden?"

(Foto: Metrolit)

Ian Curtis war wie sie und doch anders: er war schon verheiratet - was für die anderen Bandmitglieder ein totaler Schock war, denn "wir kamen frisch von der Schule. Oder zumindest fühlte es sich so an." Er war ein Gentleman, las Bücher, interessierte sich für vieles, war quasi der Intellektuelle der Band - aber er konnte auch "einer der Lads" sein und jeden Blödsinn mitmachen. Und - das wurde schnell klar - er war ein großartiger Frontmann. Er konnte roh und aggressiv sein und ins Mikro schreien - was sie ja wollten, sie wollten ja klingen wie die Sex Pistols. So hören sich ihre ersten Songs auch an, zum großen Teil Punk-Cover - ungeschliffener, roher Krach. "Wirklich schlecht", wie die Band selber findet.

Mit der Zeit entwickelte Ian jedoch einen ganz eigenen, unverkennbaren Stil, sein Gesang wurde dunkel, tief, monoton, unterkühlt. Magnetisch und unverkennbar. Beide Stile, Punk und Post-Punk, passten ins Manchester der 1960er und 1970er Jahre: es war schmutzig und grau. Hook erinnert sich: "Als ich Jahre später 'Control' schaute, den Film über Joy Division, merkte ich nicht einmal, dass er schwarz-weiß war, weil meine Kindheit genau so ausgesehen und sich genau so angefühlt hat: düster und versmogt und braun, wie die Farbe eines nassen Pappkartons. Überall in Manchester hatte es damals so ausgesehen." Anton Corbijn, der Joy Division 1979 kennenlernte und ab da fotografierte, erinnert sich in einem Interview an den jämmerlichen Zustand der Band: frierend, unterernährt – typisch Nordengland, arm, wirtschaftlich mies.

Von der Amateurband zur Supergroup

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Trommelnder Hitlerjunge: Frontcover der ersten Joy-Division-EP "An Ideal for Living".

(Foto: Enigma)

Da gab es Joy Division schon eine ganze Weile - im Mai 1977 gaben sie unter dem Namen Warsaw ihr erstes Konzert; im Januar 1978 benannte sich die Band um in Joy Division. Ihre erste EP An Ideal for Living, noch sehr punkig, erschien im Juni 1978. In den folgenden Monaten entwickelte sich die Band von Amateuren zur Supergroup: die Aufmerksamkeit der Presse und die Zahl der Fans wuchs. Gleichzeitig war das Musikerleben ein äußerst hartes Brot - alle Bandmitglieder hatten ihren normalen Job behalten; nach den Auftritten - oft in anderen Städten - hieß es am nächsten Morgen trotzdem früh aufstehen und zur Arbeit gehen. Zu den Auftrittsorten ging es in oft geliehenen, oft klapprigen Autos; die Bezahlung war jämmerlich oder nicht vorhanden, es wurde gefroren und gehungert.

Dennoch: das Musikmachen wollte keiner aufgeben; schließlich war da das Gefühl, an etwas Großem, Wichtigem teilzuhaben. Ihre im Juni 1979 veröffentlichte Post-Punk-Platte "Unknown Pleasure" ist ein Meilenstein der Musikgeschichte. Sie taucht bis heute in etlichen Album-Bestenlisten auf. Der legendäre Radio-DJ John Peel erkannte die Größe, das Besondere an Joy Division schon früh, spielte die Platte oft im BBC-Radio - und trug so zum wachsenden Ruhm der Band bei.

Love will tear us apart

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"Unknown Pleasures: Die Joy-Division-Story" ist bei Metrolit erschienen.

(Foto: Metrolit)

Doch der beginnende Durchbruch blieb nicht ungetrübt - etwa zur selben Zeit wurde bei Sänger Ian Curtis Epilepsie diagnostiziert. Die Anfälle bei Auftritten, auch durch Stroboskop-Licht ausgelöst, häuften sich - was von den Fans teilweise für einen Teil der Bühnenshow gehalten und bejubelt wurde. Trotz der großen körperlichen Belastung für Curtis ging die Band Anfang 1980 auf Europatournee; sie spielte in den Niederlanden, Belgien und auch in Deutschland (Köln und West-Berlin). Zudem wurden zwei Singles veröffentlicht - darunter der bekannteste Joy-Division-Song "Love will tear us apart"- und eine neue Platte aufgenommen: Closer.

Zwischen die Aufnahmen zu dem Album und seiner Veröffentlichung fällt ein tragisches Datum: der Selbstmord von Ian Curtis im Mai 1980. Er traf die anderen Bandmitglieder völlig unerwartet, wie ein Schock. Zwar gab es Anzeichen, wie Peter Hook im Buch zugibt - etwa, als "Ian begann, sich aufzuschlitzen". Sie sprachen ihn zwar darauf an, aber "wir wischten einfach vom Tisch, dass er begonnen hatte, sich selber zu verletzen. Wir vermieden das Thema. Wir machten weiter, wie wenn alles ganz normal wäre, und taten so, als sei Ian nicht krank."

"Und er hängte sich auf"

Aber er war krank - und er litt nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Zerrissen zwischen Familie, Frau und Kind und seiner Beziehung zur belgischen Journalistin Annik Honoré, die ihn sogar auf Tour begleitete - als seine Frau Deborah dahinterkam, versprach er ihr, die Affäre zu beenden, um danach in ein noch tieferes Loch zu fallen. Umso mehr, als Debbie im Frühjahr 1980 die Scheidung einreichte. Ian unternahm einen Selbstmordversuch, wollte die Band verlassen, keine Musik mehr machen. Eine Amerika-Tournee stand an, er litt unter Flugangst ... der Druck wurde wohl einfach zu groß. "Wir hatten ihm im März beinahe zu Tode gearbeitet. Dann machten wir uns daran, ihn im April zu Tode zu arbeiten", schreibt Hook rückblickend. Und dann das Ende: "Er ging zu Debbie. Sie stritten sich und sie ging zur Arbeit. Und er hängte sich auf."

Der Irrsinn des Musikgeschäftes: Durch den Selbstmord von Ian Curtis stieg die Popularität von Joy Division enorm; die im Juni 1980 neu veröffentlichte Single Love Will Tear Us Apart wurde ein gigantischer Erfolg - sie steht geradezu exemplarisch für den musikalischen Stil der Band. Auch Closer, herausgebracht im Juli 1980, wurde gefeiert und verkaufte sich gut.

"Wir sind keine Scheiß-Nazis"

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Rückseite der "An Ideal for Living"-EP von 1978 ...

(Foto: Enigma)

Wie weitermachen? Gemäß dem einige Jahre zuvor geschlossenen Pakt ("Wenn einer von uns nicht mehr weitermachen wollte  oder einen von uns etwas zustieß, wäre es vorbei mit Joy Division") war klar: Die alte Band "war erledigt". Aber die anderen wollten doch weitermachen, u nbedingt. Also: neue Band gründen. Ein neuer Name musste her - und hier war klar: Er durfte auf keinen Fall, "nicht mal entfernt nazimäßig klingen". Denn mit Nazivorwürfen musste sich Joy Division Zeit ihres Bestehens befassen. Und die kamen nicht von ungefähr: Da war der Ruf "You all forget Rudolf Heß!" während eines Konzerts. Zudem zeigt die Hülle ihrer ersten EP Ideal of Living von 1978 einen trommelnden Jungen in Hitlerjugend-Uniform und einen deutschen Soldaten, der ein Gewehr auf einen Jungen richtet - eine verfremdete Variante des berühmten Fotos von 1943 aus dem Warschauer Ghetto. Im Song Warsaw wimmelt es vor Bezügen zum Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß - es beginnt beispielsweise mit "3 5 0 1 2 5 Go!" - 31G-350125 war Heß' Häftlingsnummer, nachdem er in Kriegsgefangenschaft genommen und dem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg überstellt worden war.

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... und das weltbekannte Originalfoto: Juden und deutsche Soldaten 1943 im Warschauer Ghetto.

(Foto: AP)

Der Bandname Joy Division geht auf das Buch "House of Dolls" (von Ka-tzetnik 135633, Yehiel Dinur, auf Deutsch als Höllenfahrt, Das Haus der Puppen, Nazi-Puppenhaus und Freuden-Abteilung erschienen) zurück. Joy Division war darin war der Name für Gruppen von Frauen, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern als Prostituierte gehalten wurden. Nur eine unpolitische Spielerei, ein Experiment mit Nazi-Ästhetik? Hook schreibt dazu im Buch: Die Joy Division, das "waren die Unterdrückten, nicht die Unterdrücker. Was auf eine punkige 'No Future'-Art genau das war, was wir mit dem Namen ausdrücken wollten. ... Wir ahnten nicht, auf was wir uns damit einließen, dass uns Leute jahrelang fragen würden: 'Seid ihr Nazis?' 'Nein, wir sind keine Scheiß-Nazis. Wir sind aus Salford.'"

Sicher waren die Joy-Division-Mitglieder keine Scheiß-Nazis, im besten Fall waren die Anspielungen naiv, ironisch gemeint oder einfach nur blöd. Und Hakenkreuz-T-Shirts und ähnliche Nazi-Symbole waren immer Teil der Provokation im Punk. In Großbritannien konnte man die Normalbürger nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs damit schließlich besonders effektiv schockieren.

Der Plan, mit dem neuen Bandnamen den Nazi-Geruch loszuwerden, ist jedoch nicht wirklich aufgegangen: New Order, wie die Neuformierung sich nannte, kann man zwar auch als die neue Richtung interpretieren, in die die Band jetzt geht, New Order ist allerdings auch die englische Bezeichnung für Adolf Hitlers "Neue Weltordnung". Neuer Stoff für Gerüchte um die politische Gesinnung der Musiker. Dabei, so Hook, wollten sie diesen doch unbedingt vorbeugen: "Auf keinen Fall machen wir diesen verdammten Fehler nochmal."

Details für Fans

"Unknown Pleasures - Die Joy-Division-Story" von Peter Hook ist keine bibliophile Kostbarkeit und keine literarische Perle, eher schlampig lektoriert, mit diversen Fehlern und fehlenden Satzzeichen - aber es bietet intime, persönliche Einblicke in die englische Musikszene der späten 70er Jahre mit vielen Details, Geschichten und Anekdoten. Ganz sicher etwas für echte Fans und musikgeschichtlich Interessierte.

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Quelle: n-tv.de