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Haltlos, islamistisch, verstörend Junge deutsche Gotteskrieger

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Ausschnitt aus einem Propaganda-Video, dass Deutsche beim Schießtraining zeigt.

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Sie konvertieren zum Islam und radikalisieren sich, bis sie bereit sind, Anschläge gegen "Ungläubige" zu verüben und dabei ihr eigenes Leben zu verlieren. Deutschland hat längst eine militante islamistische Jugendszene. Wolf Schmidt warnt vor Panikmache, aber auch davor, zu glauben, wir hätten schon verstanden, was junge Leute in die Arme von Islamisten treibt.

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Pierre Vogel und seine Vorträge könnten ein Einstieg sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Abu Hamza ist einer jener Salafisten-Prediger, die neuerdings in deutschen Fußgängerzonen mikrofonstark für ihre Überzeugungen werben. Bevor er zum Islam konvertierte, hieß Abu Hamza Pierre Vogel. Vogel ist Jahrgang 1978 und kickte als Kind beim 1. FC Köln. Er besuchte zunächst ein katholisches Gymnasium und später ein Sportinternat in Berlin, dann wurde er Berufsboxer im Sauerland-Stall. Mit 22 Jahren konvertierte er zum Islam. Inzwischen ist er ein Star der ultraorthodoxen Bewegung, die sich im Besitz der einzig wahren Koran-Auslegung wähnt. Er reist viel, hält Vorträge und stellt sie in Netz.

Es sind Geschichten, wie die von Pierre Vogel, die Wolf Schmidt in seinem Buch "Jung Deutsch Taliban" erzählt. Denn jenseits der bisher bekannten Jugendbewegungen, die sich über Musik- oder Kleidungsstile definieren, etabliert sich in Deutschland eine islamistische Jugendszene, zu deren Vorreitern Vogel gehört. Vogel selbst ruft nicht zu Gewalt auf. Und dennoch befürchten die Sicherheitsbehörden, dass Prediger wie er eine Art "Durchlauferhitzer" zu noch extremeren Formen des Salafismus sein können – bis hin zu Militanz und Terror.

Schmidt hat mit Verfassungsschützern gesprochen, hat sich die Vorträge der "Hassprediger" angehört, er hat in Gerichtsverhandlungen gesessen und die Eltern junger Leute besucht, die im "Dschihad" gestorben sind. "Seit 2006 hat man im Internet beobachten können, wie die Dschihad-Propaganda zunehmend deutsch wurde", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. Immer häufiger wurde in den einschlägigen Drohvideos Deutsch gesprochen, auch die Theorie-Traktate waren plötzlich auf Deutsch verfügbar. Spätestens mit der "Gotteskrieger" als Familienersatz war die These von den Import-Terroristen nicht mehr haltbar. An ihre Stelle waren sogenannte "homegrown terrorists" getreten.

Neue Akteure

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Junge Männer sind in der Überzahl, aber auch Frauen fühlen sich zu den radikalen Ideen hingezogen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Sauerland-Attentäter Fritz Gelowicz, Daniel Schneider, Adem Yilmaz und Selek zu Recht ausgebürgert sind zum Islam konvertierte Deutsche oder in Deutschland aufgewachsene Muslime, die sich entschlossen, in den Heiligen Krieg gegen den Westen zu ziehen. Sie planten Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in mehreren deutschen Großstädten. Hätten sie geschafft, ihre Pläne auszuführen, hätten die Anschläge schlimmer als die von London 2005 oder Madrid 2004 ausfallen können.

Am Beispiel der Sauerland-Gruppe lassen sich bei aller Differenzierung einige Gemeinsamkeiten der deutschen Gotteskrieger festmachen. Schmidt beschreibt sie als "Leute, die aus welchem Grund auch immer gescheitert sind oder extreme Brüche in ihrer Biografie hatten." Dazu gehören Drogenerfahrungen, Kriminalität, der frühe Tod eines Elternteils oder die Scheidung der Eltern, Gewalt in der Familie. In diesem Moment der Halt- und Orientierungslosigkeit suchten die jungen Leute nach "einfachen Antworten auf sehr komplizierte Sinn-Fragen".

Von Gelowicz erzählen frühere Mitschüler, dass er ein begeisterter Hip-Hopper und Football-Spieler war, einer, den die Schule nicht wirklich interessierte und der deshalb häufig schwänzte. Regeln und Werte habe er abgelehnt, irgendwann flog er vom Gymnasium und wechselte auf die Realschule. Seine Eltern, ein Unternehmer und eine Ärztin, hatten sich getrennt. Gelowicz' Vater berichtete von einem deutsch-türkischen Freund, der seinen Jungen zum Islam bekehrt habe und in dessen Großfamilie Fritz aufgenommen wurde. Fritz Gelowicz ging plötzlich in die Moschee, reiste nach Saudi-Arabien und Pakistan und schloss sich irgendwann einer islamistischen Terrorgruppe an. In den salafistischen Gruppen spielen "die Nationalität, der ethnische Hintergrund, die Hautfarbe, keine Rollen mehr", hat Schmidt beobachtet. Für Leute, die bis dahin an anderen Stellen der Gesellschaft abgewiesen wurden, kann dieses Gefühl der uneingeschränkten Zugehörigkeit sehr verlockend sein.

Turbo-Radikalisierung in wenigen Wochen

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Arid Uka beging zwei Morde und wurde dafür zu lebenslanger Haft verurteilt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der studierte Politikwissenschaftler Schmidt hat diesen mehrstufigen Prozess immer wieder verfolgt. Aus seiner Sicht ist ein entscheidender Punkt bei der Radikalisierung, dass in den islamistischen Gruppen immer wieder "eine große Erzählung" wiederholt wird. "Es wird gesagt, schaut doch, weltweit werden die Muslime unterdrückt, in Palästina, in Afghanistan, im Irak. Es werden immer wieder die Bilder angeblicher Opfer der 'westlichen Besatzer' gezeigt, oder die von Guantanamo oder Abu Ghraib." Diese Beschreibungen würden gekoppelt mit dem Appell, sich zu wehren. "Bei manchen fruchtet das und bei einigen wenigen geht das so weit, dass sie bereit sind, gegen die 'Ungläubigen' zu kämpfen."

Zu dieser wachsenden Gewaltbereitschaft trägt in besonderem Maß das Internet bei, "wo es diese Propaganda immer häufiger auf Deutsch und Englisch gibt. Das sind nur zwei Klicks, bis man da drin ist". Schmidt hat beobachtet, dass der Salafismus und vor allem der Einzeltäter immer gefährlicher sind. Wer also nach Antworten sucht, landet schnell auf Seiten, deren Inhalte mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sind. Der Salafismus gilt inzwischen als entscheidender Nährboden für Dschihadisten aus Deutschland.

Wie verheerend der Kontakt mit diesen Seiten sein kann, belegt  Uka bekommt Lebenslang . Der 21-Jährige, der am 2. März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss, beschrieb als Auslöser für seine Tat einen Videoclip, der angeblich die Vergewaltigung muslimischer Frauen durch US-Soldaten zeigte. Uka gilt als typischer Fall für eine Selbstradikalisierung im Internet. Er hatte viele der radikalen Texte und Dschihad-Hymnen aus dem Netz heruntergeladen und auf seinem iPod und seinem Rechner gespeichert. In den Monaten vor dem Attentat verschwand er immer weiter in seiner virtuellen Dschihad-Welt und brach die meisten sozialen Kontakte ab.

Ratlose Eltern

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Eric Breininger zog in den Dschihad und starb mit 22 Jahren in Pakistan.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Frühere Freunde oder die Eltern können diese Entwicklung oft nur ohnmächtig verfolgen. Schmidt hat mit Eltern gesprochen, deren Kinder gestorben sind, weil sie sich islamistischen Terrorgruppen in Pakistan angeschlossen haben. "Die können mit dem radikalen Wandel ihrer Kinder gar nichts anfangen, sie stehen ratlos vor einem Prozess, in dem sich ihr Kind von heute auf morgen total verändert."

Nicht jeder, der in salafistischen Moscheen zum Islam konvertiert, zieht kurz darauf in den Dschihad, betont Schmidt. Aber für das Umfeld läuft die Radikalisierung oft auch unsichtbar ab, Eltern erreichen ihre Kinder nicht mehr. Die leben längst nur noch für den – wie sie es empfinden – "wahren Weg". "Auf einmal müssen sie feststellen, der Sohn ist von heute auf morgen ausgereist. Fünf Monate später steht die Polizei vor der Tür mit den Fotos der Leiche."

Echter Krieg

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"Jung Deutsch Taliban" ist im Ch. Links Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

Bei aller religiösen Begeisterung muss den jungen Leuten klar sein, dass ein Leben im Generalbundesanwalt ermittelt kein Pauschalurlaub ist. Schmidt ist überzeugt, dass vor allem die älteren, durch und durch ideologisierten Kader genau wissen, was sie da machen. "Da geht es in den Dschihad, da schließt man sich islamistischen Terrorgruppen an und zieht in den Kampf gegen die Nato, die USA, auch die pakistanische Armee. Ziel ist die Errichtung eines islamischen Staats nach ihren Vorstellungen."

Viele jüngere, darunter sind inzwischen auch Teenager, schließen sich allerdings angetrieben von Abenteuerlust mit einer erschreckenden Naivität dem Dschihad-Tross an. Schmidt erzählt von 16-jährigen Mädchen, die in diese Welt hineinstolpern und "in einem Kriegsgebiet landen, in dem sie nichts verloren haben." Das Bundeskriminalamt vermutet, dass inzwischen etwa 250 deutsche oder in Deutschland aufgewachsene Islamisten in einem Terrorlager waren. 45 von ihnen sollen sich seit 2001 an Kampfhandlungen beteiligt haben. Die Zahlen zeigen zwar, dass es sich dabei nicht um eine Massenbewegung handelt. Inzwischen allerdings gehen die Sicherheitsbehörden von etwa fünf Ausreisen und Ausreiseversuchen pro Monat aus.

Die Rückkehrer werden von den Sicherheitsbehörden gut überwacht, einige von ihnen sind sogar bereits verurteilt. Doch Einzeltäter wie Arid Uka sind ein kaum beherrschbares Problem. "Da muss man ehrlich sagen, dass man da nichts machen kann oder diese Taten zumindest nie völlig ausschließen kann. Die zwei gefährlichsten Situationen aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus in Deutschland waren die Kofferbomber und Arid Uka. Beide waren nicht eingebunden in Terrorgruppen."

Prävention und Verstehen

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Schmidt ist taz-Journalist.

(Foto: Ch. Links Verlag)

Schmidt warnt aber vor einer Abwehrstrategie, die ausschließlich auf "Repressionen, schärfere Gesetze und mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden setzt." Wichtiger sind ihm Prävention und eine ausgewogene Sichtweise. Nicht jeder Salafist mit Bart, Häkelmütze und dem typischen langen Gewand sei schon mit einem Fuß im Terrorismus, betont er nachdrücklich.

Umso wichtiger findet er, dass sich inzwischen Anlaufstellen für Betroffene und deren Familien gegründet haben, die unabhängig von den Sicherheitsbehörden "kompetent beraten und vielleicht auch unbegründete Ängste abbauen" können. In Berlin gibt es eine Beratungsstelle beim Zentrum Demokratische Kultur, in anderen Städten entstehen ähnliche Einrichtungen nach dem Vorbild der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen.

Die deutsche Gesellschaft hat das Phänomen der jungen militanten Islamisten bisher noch nicht ansatzweise verstanden, meint Schmidt nach seinen Recherchen und gibt zu bedenken, dass viele der suchenden Jugendlichen wahrscheinlich genausogut bei Rechtsextremen oder Sekten hätten landen können. Aber der Zeitgeist oder der Zufall treiben sie nun eben den Islamisten zu. "Verstörend ist ihre Bereitschaft, sterben zu wollen oder es zumindest in Kauf zu nehmen in der vermeintlichen Verteidigung ihrer Religion."

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Quelle: n-tv.de

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