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Auf Papier gebannte Empörung Käthe Kollwitz' unkonventionelles Leben

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Käthe Kollwitz in den 1920er-Jahren.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Käthe Kollwitz widmet ihre Kunst den Unterdrückten und Schwachen. Sie durchbricht gängige Rollenerwartungen und muss einen schweren Verlust verkraften. Ihre Motive sind bis heute aktuell.

Fast jeder kennt ihr "Nie wieder Krieg!"-Plakat, auf dem ein Junge die linke Hand aufs Herz legt und den rechten Arm zum Schwur in die Luft reckt, oder eines ihrer über 100 Selbstbildnisse. Viele Schulen, Straßen und Plätze tragen ihren Namen. Ihre "Mutter mit totem Sohn" steht in der Neuen Wache in Berlin, der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Käthe Kollwitz ist die wohl bedeutendste deutsche Künstlerin des 20. Jahrhunderts.

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Das Plakat "Deutschlands Kinder hungern" (Ausschnitt) entstand 1923 für die Internationale Arbeiterhilfe und gehört zu Kollwitz' berühmtesten Werken.

Am 8. Juli jährt sich ihr Geburtstag zum 150. Mal. In ihrer pünktlich zum Jubiläum erschienenen Biografie "Käthe Kollwitz. Die Liebe, der Krieg und die Kunst" entwirft die Historikerin Yvonne Schymura ein plastisches Bild dieser politisch engagierten Malerin, Grafikerin und Bildhauerin, deren Werke bis heute nicht an Wirkung und Aktualität eingebüßt haben.

Kollwitz, 1867 als Käthe Schmidt in Königsberg geboren, stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen, beschrieb sich selbst als "stumme und schwermütige Jugendliche" und wurde als junge Frau nach einem Mal- und Zeichenstudium in Berlin und München das, was sie sich immer erträumt hatte: Künstlerin.

Schon das allein war Ende des 19. Jahrhunderts für Frauen ein schwer zu realisierender Lebensentwurf. Als Künstlerin eine Ehe einzugehen und trotzdem ernstgenommen zu werden, war fast unmöglich. Doch Kollwitz wagte es: Sie heiratete den Arzt Karl Kollwitz, bekam mit ihm zwei Söhne - und startete eine beispiellose Karriere.

Als Frau in der ersten Kunstreihe

Mit ihrem "Weberzyklus", der in Anlehnung an das Drama von Gerhart Hauptmann die Not und das Elend der schlesischen Weber abbildet, eroberte sie sich 1898 einen Platz in der von Männern dominierten Kunstszene und wurde bald europaweit ausgestellt. In Berlin, wo sie mit ihrer Familie lebte, ernannte die "Preußische Akademie der Künste" sie als erste Frau zum Mitglied und gleichzeitig zur Professorin.

Die Zeichnungen zum Weberaufstand machten Kollwitz aber nicht nur zu einer Berühmtheit. Sie manifestierten auch ihren Ruf als sozialkritische Künstlerin. Kollwitz widmete sich in ihren Werken der Misere der Schwachen und Unterdrückten, die sie in ihrer direkten Nachbarschaft und in der Praxis ihres Mannes erlebte. Sie bannte ihre Empörung auf Papier und mahnte mit ihren Motiven soziale Verantwortung an.

Oft stellte Kollwitz Arbeiterinnen und deren Kinder ins Zentrum ihrer Bilder, zeigte Obdachlosigkeit, Hunger, Kindersterblichkeit und ungewollte Schwangerschaften. Es sind bittere Motive: Eine Mutter sitzt verzweifelt am Bett ihres kranken Kindes, eine Schwangere geht ins Wasser.

Trauer um Sohn Peter

Und immer wieder bildet sie Mütter ab, die um ihre toten Kinder trauern. Im Ersten Weltkrieg wurde sie selbst eine von ihnen: Ihr jüngster Sohn Peter fiel 1914 in der Ypernschlacht. Kollwitz hatte ihn darin unterstützt, sich freiwillig zu melden. Der Krieg schien ihr notwendig, um mit alten Strukturen zu brechen und einen gesellschaftlichen Neuanfang zu ermöglichen.

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"Trauerndes Elternpaar" auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Vladslo.

(Foto: imago/Jürgen Schwarz)

Im jahrzehntelangen Ringen um ein Denkmal für Peter spiegelt sich ihr Weg zur Pazifistin wider. Wollte sie zuerst den aufgebahrten Sohn abbilden, der sein Leben dem Vaterland geopfert hatte, stand am Ende der Schmerz der Zurückgebliebenen im Mittelpunkt. Die gebeugte Mutter und der erstarrte Vater tragen die Gesichtszüge von Käthe und Karl. Als die Skulptur "Trauerndes Elternpaar" 1932 auf dem belgischen Soldatenfriedhof, wo Peter begraben liegt, aufgestellt wurde, kündigte sich bereits der nächste Krieg an.

Da sie den "Dringenden Appell" des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes gegen den Nationalsozialismus unterschrieben hatte, zwangen die Nazis die inzwischen 66 Jahre alte Kollwitz 1933 zum Austritt aus der Akademie. 1936 entfernten sie ihre Werke aus einer Berliner Schau und belegten sie mit einem inoffiziellen Ausstellungsverbot.

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Käthe Kollwitz: Die Liebe, der Krieg und die Kunst
EUR 24,95

Das Kriegsende erlebte Kollwitz nicht mehr. Nachdem ihr Mann nach 50 Jahren Ehe gestorben, einer ihrer Enkel gefallen und ihre Wohnung zerstört war, floh sie nach Moritzburg bei Dresden. Dort starb sie einsam am 22. April 1945.

Leben voller Ambivalenzen

Dass die Familie bei Kollwitz' Tod zugegen war, ist eine der von den Nachkommen verbreiteten Geschichten, die Schymura ins Reich der Legenden verweist. Außerdem öffnet sie in ihrem Buch die teilweise immer noch enge Sichtweise auf das Leben der Künstlerin, die jahrzehntelang einseitig rezipiert wurde: Mal erschien sie als "überzeugte Sozialistin" (DDR), mal als "moralische Instanz" (Westdeutschland). Schymura arbeitet quellenkritisch, wertet Kollwitz' Tagebücher und Briefe aus und macht deren Zweifel und Erfolge, Leiden und Freuden sichtbar.

So entsteht eine sehr eindrückliche Biografie, die den unkonventionellen Lebensweg herausstellt, der so untrennbar mit den politischen Ereignissen verknüpft ist, und die vielen Ambivalenzen der Käthe Kollwitz nicht weichzeichnet. Denn genau die machen dieses Künstlerinnenleben so erzählenswert.

Quelle: n-tv.de

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