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Mehr als Pelztasse und Nacktfoto Meret Oppenheim wollte kein Engel sein

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Fotografien, die Meret Oppenheim zwischen 1971 und 1982 zeigen, sind bei der Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die mit Fell überzogene Tasse und die Nacktaufnahmen neben der Druckerpresse gehen Kunstinteressierten bei Meret Oppenheim als Erstes durch den Kopf. Aber das Werk der rebellischen Deutsch-Schweizerin hat mehr zu bieten. Es steckt voller Überraschungen - ebenso wie die Künstlerin selbst.

Meret Oppenheim hatte keine Lust als Muse der Surrealisten und als "die mit der Pelztasse" in den Kunstgeschichtsbüchern zu enden. Ihr Lebensmotto lautete: "Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen." Und genau das tat sie. Die am 6. Oktober vor 100 Jahren in Berlin geborene Oppenheim rebellierte und wurde zu einer der originellsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die ein Werk voller Fantasie und eigenwilligem Witz geschaffen hat.

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Oppenheim 1975 mit ihrem bekanntesten Werk, der Pelztasse.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bereits als 16-Jährige ging Oppenheim Probleme auf ihre ganz spezielle Art an: "x =  Hase" zeichnete sie in ihr Rechenheft. Eine rätselhafte Lösung, die durch die mathematische Probe auch nicht bestätigt wurde. Dort ergab der jetzt auf den Kopf gestellte orangefarbene Hase einen Sahnebeutel. Von Algebra und Co. hatte Oppenheim bald genug. Eineinhalb Jahre vor der Matura schmiss sie die Schule hin und verließ die Schweiz, wo sie ihre Jugend verbracht hatte, in Richtung Paris. Ihr erklärtes Ziel: Künstlerin werden.

In der französischen Hauptstadt knüpfte die 18-Jährige schnell Kontakt zum dortigen Kreis der Surrealisten, lernte unter anderem André Breton kennen, Max Ernst - mit dem sie eine kurze aber heftige Liebesbeziehung verband - und Alberto Giacometti. In ihnen fand sie Gleichgesinnte, die ebenso experimentierfreudig waren, wie sie selbst. Die Künstler aber scheinen etwas ganz anderes in ihr gesehen zu haben, wie die berühmten Fotos zeigen, die Man Ray 1933 von ihr schoss: Nackt steht sie auf ihnen hinter einer Druckerpresse, schaut lasziv-unschuldig in die Kamera. Und erfüllte damit die stereotype Vorstellung der "femme-enfant", wie die Surrealisten sie sich erträumten - eine Ikone war geboren.

Pelztasse ist Fluch und Segen zugleich

Und noch etwas entstand zu dieser Zeit: die berühmte Pelztasse. Einer Anekdote zufolge soll es Pablo Picasso gewesen sein, der Oppenheim auf die Idee brachte. Gerade hatte sie einen Messingarmreif mit Fell kombiniert. Ob man denn alles mit Pelz  überziehen könne, soll Picasso gefragt haben. Klar, erwiderte Oppenheim provokant, und entwarf das "Frühstück im Pelz". Kaffeetasse, Untertasse und Löffel, mit dem Fell einer chinesischen Gazelle überzogen, wurden umgehend vom New Yorker Museum of Modern Art gekauft. Schlagartig war Oppenheim eine berühmte Frau.

Das haarige Gedeck war allerdings nicht nur Segen, sondern auch Fluch, denn es stellte alle anderen Werke, die Oppenheim in ihrer Pariser Zeit geschaffen hatte, in den Schatten. Und auch die Nacktaufnahmen drängten sie in eine Rolle, die sie nicht ausfüllen wollte, das starre Frauenbild der Surrealisten kollidierte mit ihrem Drang nach Unabhängigkeit.

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Verspielt und mit Humor: "Das Paar" ist Teil der Retrospektive in Berlin.

(Foto: picture alliance / dpa)

Oppenheim stürzte in eine Krise und ging 1937 zurück in die Schweiz. Nach eigenem Bekunden fühlte sie sich, "als würde die jahrtausendealte Diskriminierung der Frau auf meinen Schultern lasten - nicht etwas infolge einer Reaktion der Umwelt auf meine Arbeit, sondern als ein in mir steckendes Gefühl von Minderwertigkeit". Hatte sie sich der Kunst bisher als Autodidaktin genähert, besuchte sie jetzt Mal- und Zeichenkurse. Um ihr Leben zu finanzieren, arbeitete sie nebenbei als Restauratorin.

Erst Mitte der 1950er Jahre fand sie zu neuem künstlerischen Tatendrang. Ihre Inspirationsquellen: Protokolle, die sie seit ihrer Jugend über ihre Träume führte, Mythen, Fabeln und die Schriften des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung. 1967 wurde ihre erste große Einzelausstellung in Stockholm eröffnet, Oppenheim erhielt diverse Kunstpreise und nahm, drei Jahre vor ihrem Tod am 15. November 1985, an der documenta in Kassel teil.

Röntgenbild, Tattoos und ein besonderes Bierglas

Dass die Kreativität von Oppenheim keine Grenzen kannte, ist aktuell in der Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Die Kuratoren machen es sich zur Aufgabe, die vielfältigen Facetten der Malerin, Bildhauerin, Dichterin, Mode- und Schmuckdesignerin Oppenheim zu zeigen und haben dafür über 200 Werke zusammengetragen. Ein Objekt allerdings glänzt durch Abwesenheit: die Pelztasse. Das MoMA wollte sie im Jubiläumsjahr der Künstlerin nicht über den großen Teich fliegen lassen. Dem Konzept der Ausstellung tut das gut, denn so können die anderen Werke umso stärker schillern.

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Der Katalog ist beim Hatje Cantz Verlag erschienen, hat 312 Seiten und kostet 15,80 Euro.

Da sind zum Beispiel Selbstporträts, ein Röntgenbild ihres Kopfes, mit Ohrringen geschmückt, und die bekannte Fotografie, auf der Oppenheim sich Stammesabzeichen wie Tattoos über das Gesicht gelegt hat; Masken, die sie in Anlehnung an Naturvölker und wegen ihrer Liebe zur Basler Fasnacht entwarf; Objekte mit stark erotischer Konnotation wie die beiden Schuhe, die an den Spitzen miteinander verschmolzen sind, oder das Bierglas mit dem puscheligen Eichhörnchenschwanz. Alltagsmaterialien einen neuen Sinn zu verleihen, wurde Oppenheims Markenzeichen - Augenzwinkern stets inbegriffen.

Und immer wieder beschäftigte sich Oppenheim in ihren Werken mit der Rolle der Frau. Sie malte einen Würgeengel, der einem Kind die Kehle aufschlitzt, konstruierte eine Frau aus Steinen, die mit den Füßen im Wasser baumelt. Jung hatte ihr bei einem Treffen einmal gesagt, dass man von Frauen immer verlange, dass sie Engel seien. Gegen solche weiblichen Rollenzuschreibungen setzte Oppenheim sich zur Wehr, ohne sich jemals zum Aushängeschild des Feminismus machen zu lassen.

"Läck mi a. A."

Noch tiefer in die Welt der Meret Oppenheim lässt den Besucher der die Schau begleitende Katalog eintauchen, der ein echtes Kleinod geworden ist. Zusammen mit anderen Kunstwissenschaftlern haben die Kuratoren den Abbildungen der Ausstellungsstücke informative Essays zu unterschiedlichen Themenbereichen an die Seite gestellt. Keine Frage: Jenseits der Pelztasse gibt es noch viel Überraschendes und auch Rätselhaftes zu entdecken.

Wer also wissen möchte, warum Oppenheim "Läck mi a. A." schrieb, was es mit dem Unsichtbaren in ihrem Werk auf sich hat und wie Sprache und Malerei in dem Bild "Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich" zusammenspielen, der sollte einen Blick in die Publikation werfen und sich auf die Spuren einer spannenden Frau begeben, die sich weigerte, Erwartungen zu erfüllen, und sich traute, ihre Nonkonformität zu leben.

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Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ist noch bis zum 1. Dezember zu sehen.

Quelle: ntv.de