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"Das KZ-Universum" Schöne Worte über das Morden

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Rousset war auch Häftling im KZ Wöbbelin in der Nähe von Ludwigslust.

(Foto: imago stock&people)

Der Franzose David Rousset verfasst 1945 kurz nach der Befreiung einen Bericht über seine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager. Nun erscheint der Augenzeugenbericht erstmals auf Deutsch. Die Schilderungen entfalten einen gespenstischen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Als David Rousset im August 1945 die letzten Zeilen seines Buches über seine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager verfasste, war er alles andere als ein gebrochener Mann. Er, der dem Tod knapp entronnen war, blickte zuversichtlich nach vorn. Auf der letzten Seite schrieb der Franzose, er verspüre "eine frische, sinnliche Freude, die auf dem umfassenden Wissen von der Vernichtung basiert". Seine Erkenntnis, "die Existenz der Lager ist eine Warnung", wollte er nicht auf Deutschland und die Nationalsozialisten beschränken: "Es wäre eine sträfliche Täuschung, so zu tun, als seien andere Völker zu derlei von Natur aus nicht imstande."

Vielleicht ist dieses Fazit einer der Gründe, warum das Werk mit dem bezeichnenden Titel "Das KZ-Universum" erst 2020 auf Deutsch erschien. Dass ein KZ-Überlebender, der im Oktober 1943 als Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer verhaftet wurde, unmittelbar nach Kriegsende auf mehr als 100 Seiten offen und schonungslos über seine Erlebnisse berichtete und "die Bilanz" der Elendszeit trotzdem als "nicht negativ" bezeichnete, dürfte für weite Teile der Öffentlichkeit ein doppelter Schock gewesen sein. Zudem publizierte Rousset Ende 1949 einen Artikel über Gulags, die sowjetischen Vernichtungslager, was dem weit verbreiteten, festen Glauben an den angeblich tadellosen stalinistischen Antifaschismus zuwiderlief. "Damit schleuderte er einen Brandsatz ins kommunistische Lager", schreibt der britische Germanist Jeremy Adler im Nachwort zur deutschen Ausgabe des Buches.

In der Tat ist "Das KZ-Universum" eine kluge Analyse des Systems der Konzentrationslager, die sich nicht auf Auschwitz und den Holocaust konzentriert. Erstaunlich ist, dass Rousset schon 1945 versuchte, den mörderischen Apparat der Nazis als Ganzes sowie die Mechanismen dahinter zu erklären. Er beschreibt die Befehlsketten einer stupiden Tötungsmaschinerie inklusive der irrsinnigen Bürokratie - "eine ganze Welt voller menschlicher Schreibmaschinen" -, in der nichts gefragt, geschweige denn hinterfragt wird. Befehl ist Befehl.

"KZ-Menschen" mit Überlebenswillen

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Das KZ-Universum
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Rousset war selbst in Buchenwald, Neuengamme und Wöbbelin. Er nutzte Augenzeugenberichte und Informationen politischer Gefangener in anderen KZs auf deutschem Boden, die dem Prinzip "Vernichtung durch Arbeit" folgten. Der Franzose schildert anhand dieser Erkenntnisse die Machthierarchie, bei der die SS ganz oben stand. Er nimmt allerdings die Häftlinge in herausgehobenen Positionen - etwa Kapos und Blockälteste - nicht aus. Ohne sie wäre das KZ-Universum zusammengebrochen.

Rousset versteift sich nie auf moralische Entrüstung und die Verdammung der Täter. Er erzählt von den Gräueln, ohne permanent über die Verbrecher zu richten. Dahinter steckt die am eigenen Leib gemachte Erfahrung, dass es für alle "KZ-Menschen", wie er die Häftlinge nennt, ums nackte Überleben ging. Menschen tyrannisierten Menschen. "Endlos treten die Stiefel, schwarz, blau und gelb sind die Rücken. Donnernde Beschimpfungen. Männer rennen und verlieren sich im Getümmel. Manche weinen. Andere schreien", schreibt Rousset, der 1912 zur Welt kam und 1997 starb.

Hass schimmert nie durch seine Erzählung, nicht einmal Verachtung. Selbst den brutalsten Häftlingen attestiert er Anflüge menschlicher Gefühle und bricht den Stab auch posthum nicht über sie. Über einen Kriminellen, der offenbar als Sexualstraftäter ("Schwäche für kleine Mädchen") ins KZ kam, schreibt er, dass er einer Gefangenen "heimlich Briefe und manchmal eine Kleinigkeit zu essen schickt. Das kann ihm 25 Stockhiebe einbringen, aber er ist verliebt."

Kaum zu ertragen

Es gibt nur wenige Bücher von KZ-Überlebenden, die das Grauen so eindringlich schildern. Roussets Werk entfaltet einen geradezu gespenstischen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann - falls man die Schilderungen überhaupt aushält. Allein seine Berichte über den ständigen Kampf um das wenige Essen und die niemals verschwindende Angst vor Schlägen, überharter Arbeit und Folter sind schwer auszuhalten. "Macht ist das Einzige, was zählt. Sie basiert auf physischer Kraft oder Hinterlist." Schläge und Gebrüll "zertrampeln und vernichten jeden Gedanken an eine Revolte". Das Individuum als Verkörperung von Anstand, Respekt und Moral verschwindet in der Welt des Bösen: "Im KZ löste der Mensch sich Stück für Stück auf." Die Furcht vor Pein war größer als die vor dem letzten Atemzug: "Der Tod verblasst, der Terror triumphiert."

Immer wieder wähnt man sich, auch weil das Buch im Präsens geschrieben ist, in einem Roman voller wunderbarer Sätze, fein übersetzt von Olga Radetzkaja und Volker Weichsel. Manchmal beschleicht einen beim Lesen das Gefühl, als habe Rousset der Hässlichkeit des Mordens die Schönheit der Sprache entgegensetzen wollen. Oft sind es Passagen, manchmal aber auch nur einzelne Sätze oder gar Halbsätze, die erschaudern lassen. "Wer das kümmerliche, stinkende Fleisch der Leichen isst, wird erschlagen. Unglaubliche Gerippe mit leeren Augen tasten sich blind über stinkenden Unrat. Sie lehnen sich gegen einen Pfosten und bleiben mit gesenktem Kopf stehen, still und stumm, eine Stunde, zwei Stunden. Irgendwann sackt der Körper zusammen", schreibt Rousset, um den Absatz mit dem grandiosen Satz zu beenden: "Aus dem lebenden Leichnam ist ein toter geworden."

Nach der Lektüre bekommt man eine Vorstellung davon, wohin Machtfülle, Totalitarismus, Terror, Niedertracht, Gier, Rassenwahn, Skrupellosigkeit und Feigheit führen. Darin liegt das Vermächtnis von David Rousset, das "auf dem umfassenden Wissen von der Vernichtung basiert".

Quelle: ntv.de