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"Little Nemo" im Schlummerland Träume kennen keine Grenzen

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Little Nemo (l.) und seine Freunde Flip (r.) und The Imp, ein Afrikaner im Bastrock. (The New York Herald, Sunday, September 8, 1907)

Ein kleiner Junge fällt aus dem Bett, immer wieder. Aufgeschreckt durch seine Träume. "Little Nemo" heißt dieser Protagonist eines so fantasievollen wie surrealen Comicstrips. Nun erscheint er erstmals komplett - und lädt zu Entdeckungen ein.

Es gibt diesen Moment am Morgen. Man wacht auf und erinnert sich noch einen Augenblick lang an den Traum der Nacht. Im nächsten Moment jedoch ist er verschwunden, meist für immer. Little Nemo geht es ähnlich. Jeden Morgen fällt der Junge aus dem Bett oder beginnt zu schreien, womit seine Träume auf recht rabiate Weise enden.

Doch seine fantastischen Abenteuer im Schlummerland, die Träume, die er erlebt hat, bleiben erhalten. Winsor McCay hat sie aufgezeichnet. "Little Nemo in Slumberland" heißt dessen klassischer Comicstrip, der das Medium prägte wie nur wenige andere. Sagt man.

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Die Welt schrumpft - Strip zum Jahreswechsel 1908/09. (The New York Herald, Sunday, December 27, 1908)

(Foto: Taschen-Verlag 2014)

Denn "Little Nemo" ist auch einer jener Comicstrips, von denen man stetig hört und auf die immer wieder verwiesen wird, wenn es um die Geschichte des Mediums geht. Von denen man aber andererseits meist nur Beispiele kennt, Einzelseiten. Der Strip erschien immerhin bereits vor 100 Jahren in verschiedenen US-Zeitungen, von 1905 bis 1927, inklusive einer zehnjährigen Pause.

Alles ist möglich

Der Taschen-Verlag macht nun eine umfangreiche Neuentdeckung von "Little Nemo" möglich. Erstmals werden die kompletten 549 jeweils ganzseitigen und farbigen, englischsprachigen Strips zu einem Buch zusammenfasst. Zu einem Band von enormen Ausmaßen: 34,4 mal 44 Zentimeter misst das in Leinen gebundene Werk, 708 Seiten umfasst es. Dazu gehört ein ebenfalls großformatiges Beiheft mit einer sehr ausführlichen Einführung des Kunst- und Comic-Historikers Alexander Braun zu Leben und Werk McCays.

Seine "Little Nemo"-Strips erschienen einmal wöchentlich in den großen, bunten Sonntagsbeilagen der Zeitungen. Deshalb fällt zunächst auch ihre ungeheure Farbigkeit auf. Dank der Reproduktion für den Band strahlen die Farben nun in aller Frische. Die stimmige Kolorierung durchzieht die ganze Geschichte des Strips, auch wenn die großflächige Farbgebung in späteren Jahren wich und detaillierteren Hintergründen Platz machte.

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Little Nemo bereist nicht nur surreale Welten, sondern begegnet auch fantastischen Wesen. (The New York Herald, Sunday, July 31, 1910)

(Foto: Taschen-Verlag 2014)

Überhaupt zeugen vor allem die frühen Strips von der ungeheuren Experimentierfreude und dem Ideenreichtum McCays. Kaum ein Strip gleicht hier im Layout dem anderen. Kaum eine Möglichkeit der Seitenaufteilung wird ausgelassen. Hier sieht man, wie groß der Einfluss des Zeichners auf spätere Comicschaffende ist, welche Möglichkeiten er dem jungen Medium eröffnete.

Ein wichtiger Wegbereiter war er aber auch in der Dynamik, die er seinen Figuren verlieh. Wo andere frühe Strips von statischen Figuren geprägt sind oder Bewegungen nur skizzenhaft andeuten, sind sie bei McCay äußerst plastisch. Nur im letzten Panel, der Little Nemo in oder neben seinem Bett zeigt, wirkt die Figur etwas steif. Es ist eben nicht die Realität, sondern die Traumwelt, in der alles möglich ist. Da wird das Bett zum Gefährt, auf dem sich Nemo zusammen mit dem Clown Flip (stets mit Zigarre) durch die Stadt bewegt, um schließlich abgeworfen zu werden.

Riesenpilze und Paläste

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"Winsor McCays Little Nemo - Gesamtausgabe", erschienen bei Taschen, 708 Seiten, 34,4x44 cm, 150 Euro.

So durchstreift die Hauptfigur ausgehend von ihrem Schlafzimmer viele fantastische, surreale, ja psychedelische Welten mit Riesenpilzen, prächtigen Palästen, urbanen Szenen und reist schließlich zum Mars. Er trifft auf Tiere und mythische Gestalten, auf Monster und Drachen. Anfangs ist er dabei auf der Suche nach der Prinzessin von Schlummerland, um ihr Spielgefährte zu werden. Später wird das Traumland zerstört, so sucht sich Nemo neue Spielwiesen. Das Prinzip bleibt jedoch gleich: Nie erreicht er sein Ziel, nie kann er lange verweilen. Stets lässt ihn ein unüberwindliches Hindernis scheitern - und erwachen.

Natürlich erinnert das Traumthema an Sigmund Freud, der 1899 das Buch "Die Traumdeutung" vorgelegt hatte. Doch nicht nur daran erkennt man, wie sehr McCays Strip in der Zeit seiner Entstehung verwurzelt ist. Er nimmt Elemente von Klassizismus und Jugendstil auf, etwa in den vielen architektonischen Darstellungen, mischt sie aber auch mit der Dynamik von Artistik und Varieté.

Pionier des Trickfilms

Kein Wunder, dass der Künstler, der von 1871 bis 1934 lebte, auch als Vorreiter des Animationsfilms gilt. Lange vor Disney produzierte er in mühevoller Kleinarbeit einige der ersten Trickfilme, darunter 1911 eine animierte Version von "Little Nemo": In elf Minuten wird auch die Entstehung des Films gezeigt, bevor die Trickfiguren auf dem Papier zu Leben erwachen. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist "Gertie the Dinosaur" von 1914. Diese Filme zeigte er dann auf Tourneen in den gesamten USA.

"Little Nemo" ist allerdings bis heute McCays bekanntestes Werk, auf das die verschiedensten Künstler immer wieder anspielen. Dass nun eine umfangreiche und sorgsam editierte Gesamtausgabe vorliegt, dürfte vor allem Comicfans und Anhänger surrealer, fantastischer Kunst freuen. Sie können ganz eintauchen in Little Nemos Traumwelten. Allerdings sollte man etwas Zeit mitbringen. Schon weil der große Band nur auf einem Tisch gelesen werden kann. Im Bett würde man wegen seines Gewichts wohl das Gleichgewicht verlieren - und herausfallen.

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Quelle: n-tv.de

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