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Buchmesse blickt nach Norden "Zu finnisch oder zu wenig finnisch"

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Unter dem Motto "Finnland. Cool." bringen die Finnen ihre Literatur von Frankfurt aus in die Welt.

(Foto: REUTERS)

Mehr als 210 neue Titel rund um Finnland erscheinen zur Frankfurter Buchmesse allein in deutschsprachigen Verlagen. Übersetzer wie Stefan Moster hatten in den vergangenen Monaten alle Hände voll zu tun. Wer nur Geschichten von Sauna und Eis erwartet, wird überrascht sein.

n-tv.de: Bisher kennen deutsche Leser nicht besonders viele finnische Autoren. Bekommen wir jetzt das ganze Spektrum zu sehen?

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"Alles frisch" ist bei dtv erschienen und kostet 9,90 Euro.

Stefan Moster: Immer wenn ein Gastland auf der Frankfurter Buchmesse auftritt, bekommt man gewissermaßen die Auswahl aus einem kleinen Zeitraum von ein, zwei Jahren. Wenn man ein Land und seine Literatur kennenlernen will, müsste man das schon über mehrere Jahre hinweg begleiten. Es gab auch in den letzten Jahren schon interessante finnische Autorinnen und Autoren in Deutschland. Die sind aber vom Feuilleton und vom Buchhandel nicht so stark wahrgenommen worden. Deshalb kann man jetzt ein paar Entdeckungen machen, die es sich zu lesen lohnt.

Sie haben eine Reihe von Texten aus dem Finnischen für die deutschen Leser übersetzt. Wer war Ihr persönlicher Favorit?

Das sollte vielleicht keine so große Rolle spielen. Aber in diesem Herbst ist mein Favorit der Roman "Kontinentaldrift" von Hannu Raittila. Weil das ein Roman ist, der sich mit der Gegenwart auseinandersetzt, der etwas über Globalisierung zu sagen hat und darüber, wie man sich heute als Mensch auf der Welt bewegt und wie die Welt organisiert ist. Ich halte es für ein sehr relevantes Buch.

Welche besonderen Schwierigkeiten gibt es bei der Übersetzung aus dem Finnischen ins Deutsche?

Die Kulturunterschiede zwischen Finnland und Deutschland sind geringer, als man denken mag. Es gibt aber immer zwischen Ländern und Sprachen Dinge und Worte, die nicht ganz kompatibel sind. Die größte Schwierigkeit, wenn man aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt, besteht darin, dass die Sprachfamilien so verschieden sind. Finnisch ist eine finnisch-ugrische Sprache, so wie Ungarisch oder Estnisch. Finnisch funktioniert wie ein Baukasten, bei dem die Endungen wichtig sind. Deutsch ist eine indoeuropäische Sprache mit einer ganz anderen Struktur. Man kann sich, wenn man übersetzt, überhaupt nicht an das Original anlehnen, sondern muss völlig herausgehen aus dem Finnischen und ganz ins Deutsche hinein, damit nichts von der finnischen Struktur haften bleibt. Dann gibt es kleinere Tücken, im Finnischen gibt es kein Genus, kein er und sie. Es gibt keine Präpositionen, aber das gehört zum Rüstzeug des Übersetzers, dass er diese Sachen zu lösen versteht. Ansonsten gilt das Gleiche, was für alle Übersetzungen gilt: Entscheidend sind nicht die Sprachen, sondern der Ton des Textes. Den Sound des Autors muss man erwischen, ganz unabhängig von den sprachlichen Schwierigkeiten.

Mir ist beim Lesen der lakonische Unterton aufgefallen, den viele der Texte hatten. Selten tut sich das ganz große Drama auf, die Dinge passieren einfach, wenn auch oft mit weitreichenden Folgen. Ist das typisch finnisch oder nur ein Zufall?

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Der Autor und Übersetzer Stefan Moster lebt seit 12 Jahren in Finnland.

(Foto: Mathias Bothor)

Es gibt sicher auch finnische Bücher, in denen es anders ist. Es ist trotzdem eine ganz gute Beobachtung, wenn es auch vielleicht nicht typisch finnisch, sondern eher typisch skandinavisch ist. Es gibt in Finnland nicht den Geniegedanken, also dass der Schriftsteller ein besonderes Individuum ist, das besondere Zusammenhänge besonders spektakulär aktivieren kann. Deshalb ist der Gestus etwas zurückgenommener, als es im Deutschen ist. Es gibt auch nicht die große Weltumarmung, diese Omnipotenz wie in Amerika. Auch ich würde mir als mitteleuropäischer Leser oft wünschen, dass es mehr knallt. Aber es hat natürlich auch Vorteile, weil das Augenmaß in diesen Texten zu seinem Recht kommt und klar wird, was wirklich dramatisch ist und was nur scheinbar.

Viele Geschichten, die die finnischen Autoren erzählen, könnten genauso gut auch in Deutschland passieren. Ist das ein Punkt, an dem deutsche Leser finnische Literatur leicht annehmen können?

Das könnte man so sehen, es kann aber natürlich auch den Wunsch geben, über Literatur gerade das andere kennenlernen zu wollen. In den mehr als 20 Jahren, in denen ich inzwischen finnische Texte übersetze, habe ich immer zwei Argumente gehört, wenn ein finnisches Buch von einem deutschen Verlag abgelehnt wurde: Das eine Argument war, es ist zu finnisch, das andere, es ist zu wenig finnisch. Die Universalität der Geschichte sorgt nicht unbedingt dafür, dass ein Buch mehr Leser findet. Ich glaube eher an die Kraft des Textes. Aber in Literatur geht es immer um die terra incognita, egal, ob das in der Nachbarschaft stattfindet oder anderswo. Universal kann öde oder spannend, das Fremde kann schwer zugänglich sein, aber auch einen großen Reiz haben. Letztendlich gibt die Brisanz, die für den Autor in dem Text steckt, den Ausschlag. Ein Buch wie Philipp Teirs "Winterkrieg" ist relativ stromlinienförmig und zeitgeistig, aber in Finnland wichtig, weil es diese Art von Büchern dort noch nicht gibt. Wir kennen das dagegen schon aus anderen Ländern oder von deutschen Autoren. Bei Ulla-Lena Lundberg ("Eis", Anm.d.Red.) geht es darum, tatsächlich etwas Profundes über den Menschen einzufangen. Das vermittelt sich.

Gibt es einen finnischen Autoren oder eine Autorin, die Sie den deutschen Lesern besonders ans Herz legen möchten?

Wenn man nur ein finnisches Buch liest, dann am besten eines, das schon vor vier Jahren auf Deutsch erschienen ist: "Vierzehn Knoten bis Greenwich" von Olli Jalonen.

Warum ausgerechnet das?

Es ist ein Roman mit einem interessanten Setting, eine Reise um die Welt entlang des Null-Meridians. Aber vor allem erzählt Jalonen davon, was mit Menschen passiert, wenn sie sich Aufgaben stellen oder wenn ihnen welche gestellt werden. Es zeigt, wie Menschen versuchen, sich ein Bild von der Welt zu machen. Das geschieht mit einem gewissen Unterstatement, aber mit einem sehr existenziellen Unterfutter.

Mit Stefan Moster sprach Solveig Bach

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Quelle: ntv.de