Essen und Trinken

Pro age, nicht anti Auch eine schrumplige Chili ist scharf

31553761.jpg

Der 80 Jahre alte Benno Schmidt aus Wernigerode mit seiner Frau Helga auf dem Brocken. "Brocken-Benno" wanderte bisher 6760 mal auf den Harzgipfel (Stand 28. August 2012). Das sind 91.222 km und 3,38 Mio Höhenmeter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Man nennt sie Best Ager, Silver Liner oder auch Generation Gold, was längst nicht für alle zutrifft, da viele von ihnen zwar Silber auf dem Kopf, aber kein Gold im Banksafe haben. Nicht einmal genügend Kies im Portemonnaie. Doch vor Inkontinenz und Impotenz können Rentner durchaus Haare auf den Dritten haben.

Dass Rentner irgendwann "Gewinner" waren, ist schon eine ganze Weile her. Auch, dass die Rente "sicher" sei. Jetzt greift die Rente mit 67, und bei Strafe der späten Geburt dürfte das nicht das Ende sein. Nur ganz wenigen Generationen waren ein sorgloses Arbeitsleben und ein geruhsames Altern vorbehalten. Heute sorgt schon die Politik dafür, dass es immer enger wird. Fürs Riestern oder eine andere Art der privaten Vorsorge bleibt selbst dem Mittelstand nach Abzug aller Lebenshaltungskosten kaum etwas übrig. Auch die Zahl derjenigen, die es überhaupt schaffen, 40 Jahre kontinuierlich in die Rentenkasse einzuzahlen, schrumpft immer mehr: Erst eine lange Ausbildungszeit, und hat man dann endlich das Hochschulexamen in der Tasche, hat man aber noch längst keinen Job. Von einem hohen Einkommen ganz zu schweigen. Kinder sollen auch mal kommen. Irgendwann. Klappt es dann endlich mit einem Arbeitsplatz, ist Ackern angesagt.

32132968.jpg

Auch am PC sind Pausen nötig.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Der Arbeitsplatz gilt als Stressfaktor Nummer eins", heißt es beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Kein Wunder also, dass immer mehr Arbeitnehmer vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden oder nur als Kranker ihre Rente erreichen. Laut DGB geben 52 Prozent der Beschäftigten an, sehr häufig oder oft gehetzt zu arbeiten; 63 Prozent sagen, dass sie seit Jahren immer mehr Arbeit in der gleichen Zeit verrichten müssen. 37 Prozent können nach Feierabend nicht abschalten, sondern müssen auch zu Hause an Schwierigkeiten in der Firma denken; von vielen wird zudem ständige Erreichbarkeit erwartet. (Die Daten der repräsentativen Umfrage wurden unter 6083 abhängig Beschäftigten 2011 erhoben.)

Krankenkassen und DGB warnen: Stress und Hetze avancieren zum größten Gesundheitsrisiko - Burnout ist in der Arbeitswelt auf dem Vormarsch. Seit 1994 seien die Fehlzeiten in den Betrieben aufgrund psychischer Leiden um 80 Prozent gestiegen.

Die besten Jahre - aber nicht für alle

Die Feststellung von Politik und Wirtschaft, dass die Deutschen immer älter werden und somit auch länger arbeiten können, verzerrt die Wahrheit. Es wird nämlich nicht jeder deutlich älter. Im Gegenteil: Wer lange gearbeitet und wenig verdient hat, trägt ein hohes Risiko früher zu sterben. Bei Geringverdienern sank 2010 die durchschnittliche Lebenserwartung auf 75,5 Jahre von noch 77,5 Jahren 2001. In den neuen Bundesländern ist der Unterschied noch gravierender: Statt 77,9 Jahre (2001) leben Arbeitnehmer mit geringem Einkommen im Durchschnitt nur noch 74,1 Jahre.

566877_web_R_by_Randolf Feiertag_pixelio.de.jpg

Gebrechlichkeit setzt in Deutschland eher ein als in den meisten anderen EU-Ländern.

(Foto: Randolf Feiertag/pixelio.de)

Nach Angaben der Statistikbehörde Eurostat werden Deutsche am Ende ihres Lebens schneller krank als die meisten anderen EU-Bürger. Demnach wird eine 65-jährige Deutsche noch 20,9 Jahre leben, davon sind allerdings nur 7,1 Jahre "gesunde Lebensjahre". Bei Männern ist das sogar noch weniger: Von den 17,8 Jahren, die ein 65-Jähriger im Durchschnitt noch leben wird, erfreut er sich nur 6,9 Jahre an einem gesunden Dasein. Eurostat definiert gesunde Lebensjahre als Jahre in "Abwesenheit von Funktionsbeschränkungen beziehungsweise -beschwerden".

Derzeit schwankt das reguläre Renteneintrittsalter in der EU zwischen 58 Jahren in Slowenien und 68 Jahren in Finnland. Die meisten gesunden Lebensjahre haben 65-Jährige aus Norwegen, Schweden und Island vor sich. Schlechter als für die Deutschen sind die Aussichten nur noch für die Portugiesen. So ziehen es viele über 60-Jährige hierzulande vor, bei finanziellen Einbußen früher in Altersrente gehen: Lieber weniger Rente, aber dafür einigermaßen fit - wer es sich leisten kann …

Mehr Geld fürs Auto als fürs Essen

Dass die Erwartung eines gesunden Lebens in der Rente bei Griechen, Spaniern, Italienern und Franzosen signifikant höher ist als bei den Deutschen, liegt möglicherweise daran, dass Deutsche länger und härter arbeiten. Aber das dürfte nur eine Seite der Medaille sein.

Eine Rolle spielen auch Lebenseinstellung und gesunde Lebensführung, soziales Umfeld und Familie, der Umgang mit Stress, das Essen. Tomatensalat mit Olivenöl, Meeresfrüchte und Rotwein sind nun mal gesünder als Holzfäller-Nackensteak, Bratkartoffeln und Bier. Noch immer ist es so, dass Deutsche im EU-Vergleich wenig Geld für Essen und Trinken ausgeben. Hauptsache billig, heißt das Motto - doch gute Qualität und billige Produktion schließen einander aus. Wichtiger sind Haus und Auto. Südeuropäer lassen sich dagegen Essen und Trinken deutlich mehr kosten. Österreicher, Briten und Irländer geben zwar weniger im Handel aus, lassen es sich aber öfter außer Haus schmecken.

Sex hat kein Verfallsdatum

Zwar haben Werbung, Reiseunternehmen und Kosmetikfirmen die "Best Ager" längst als Zielgruppe entdeckt, doch wird eher für anti statt für pro age geworben, mehr für Mittelchen gegen Inkontinenz und Impotenz, für Treppenlift und Badewanneneinstieg. Erotik im Alter ist ganz und gar ein Tabuthema. Sex bei Oma und Opa? Gott bewahre! Nur wenige Filme (zum Beispiel "Wolke 9") widmen sich diesem Thema. Ein Großteil der Bevölkerung dürfte verblüfft sein angesichts der Tatsache, dass laut Ärzte Zeitung jeder zweite Bundesbürger ab 50 mit seinem Liebesleben "sehr zufrieden" ist. Aus Umfragen ist bekannt, dass mit 70 Jahren noch ein Drittel der verheirateten Frauen Sex hat. Bei den Männern sind es sogar 50 Prozent, und viele Männer erhalten sich ihre Potenz bis ins hohe Alter. Oder um es mit den Worten der 15-jährigen Enkelin meiner Freundin Karla zu sagen: "Auch eine schrumplige Chili ist scharf."

32705741.jpg

Protest in Berlin-Pankow gegen die Schließung des Rentnerklubs in der Stillen Straße Nr. 10.

(Foto: picture alliance / dpa)

Rentenalter bedeutet zum Glück für die meisten Männer und Frauen nicht das sofortige Einsetzen des körperlichen Verfalls und des seelischen Notstands. Bevor "die Alten"" betüddelt werden müssen, können sie durchaus Haare auf den Dritten haben. Dafür, ernst genommen zu werden, gehen sogar immer mehr Rentner auf die Straße. Das zeigen die Demonstrationen gegen Stuttgart 21 und Bankenproteste. In Berlin haben Rentner eine Villa im Stadtteil Pankow besetzt und wollen so ihren Seniorenclub retten.

Rentner haben also durchaus "Biss". Sollten Sie bei der nächsten Demo oder Hausbesetzung eine kräftigende Suppe fürs Durchhalten brauchen, empfehle ich Ihnen eine Bohnensuppe, bunt wie das Leben, macht viel Wind und warme Füße. Für die Älteren können Sie ja ein paar Kautabletten gegen Verdauungsprobleme neben die Teller legen:

Bohnensuppe "Scharfe Oma"

Zubereitung:

Die gut gewaschenen Bohnen am Vorabend einweichen. Am nächsten Tag die Bohnen abgießen. Vitaminbewusste fangen das Einweichwasser auf und benutzen es später zum Zugießen, Blähungsempfindliche schütten es weg und verwenden frisches Wasser.

Zutaten (4 Pers):

200 g trockene Bohnen (Wachtel oder schwarze)
4 Möhren
4 Petersilienwurzeln
4 rote Paprikaschoten
4 große, vollreife Tomaten
½ Habanero (oder mehr…)
2 Knoblauchzehen
2 Zwiebeln
1 Lorbeerblatt
300 g spanische Paprikagrillwürstchen
1-1,5 l Fleischbrühe
1 Becher Schmand
1 EL edelsüßer Gewürzpaprika
Salz, Pfeffer, Petersilie
etwas Mehl, Öl oder Schmalz

In ein wenig Schmalz oder Öl das in Scheiben geschnittene Wurzelwerk anrösten. Nimmt es Farbe, Bohnen und Fleischbrühe (am besten von gepökeltem Eisbein oder von Kassler) dazugeben. Lorbeerblatt, Knoblauch in Scheibchen, die gewürfelten Paprikaschoten und Tomaten sowie die halbe Habanero-Schote im Ganzen zufügen und zum Kochen bringen. Auf kleiner Flamme garen. Dabei nach Bedarf zugießen.

Die Würstchen in etwas Fett braten, herausnehmen und in Scheiben schneiden. Sind die Bohnen gar, die kleingeschnittenen Zwiebeln in das Bratfett geben und garen. Sie sollen nicht bräunen. Mehl zufügen und eine helle Mehlschwitze herstellen. Erst im letzten Moment den Gewürzpaprika zugeben (damit er nicht bitter wird) und verrühren. Die Mehlschwitze in die Suppe einrühren, die Wurstscheiben zugeben und aufkochen. In die fertige Suppe den Schmand einrühren. Ist die Suppe nicht sämig genug, vorher nochmals etwas Mehl in den Schmand rühren und erst dann in die Suppe geben. Die Habanero entfernen, mit gehackter Petersilie bestreuen und servieren.

Behalten Sie Biss und Schärfe - das wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de