Essen und Trinken

Putzteufel mit zauberhafter Wirkung C'est la vie mit céleri

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Es möge gelingen!

(Foto: imago stock&people)

Wer in der Silvesternacht mit einem Kätzchen ins Bett gesunken ist, steht oft am Neujahrstag mit einem ausgewachsenen Kater auf. Da muss so manches bereinigt und wiederbelebt werden.

Nach dem Feiern kommt das Aufräumen, das ist auch nach den Weihnachtstagen und der Silvester-Knallerei so. Was in der letzten Nacht des alten Jahres so schön bunt glitzerte am Himmel, findet sich am ersten Morgen des neuen Jahres als reichlich Müll auf den Straßen wieder. Wobei sich die Verursacher längst aus dem Staub gemacht haben, ihren Silvesterrausch ausschlafen und das Aufräumen bestenfalls der städtischen Müllabfuhr und schlimmstenfalls den Nachbarn überlassen. Und wenn das Wetter nicht mitspielt, verhüllt nicht einmal unschuldig-weißer Schnee den ganzen Dreck, sondern Regen verwandelt alles in einen schmierig-grauen Schlamm.

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Die Stunde der Stadtreinigung: Berlin nach der Party am 1.1.2015.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Aufräumen!", lautet also die Devise in den ersten Tagen des Jahres! Das gilt auch für den feiernden Menschen an sich, der sich mit Gans und Karpfen, Schoko-Männern und Stollen, Schampus und Glühwein und diversen anderen schmackhaften, aber nicht gerade gesundheitsfördernden Leckereien vollgestopft hat: Im Bauch grummelt's, im Kopf hämmert's, die Waage wird gemieden, Müdigkeit setzt auch den besten guten Willen matt. Da helfen frische Luft (Straße fegen!) - und Sellerie. Kaum zu glauben, doch mit der unscheinbaren Pflanze tut man sich in jedem Fall etwas Gutes an: Sellerie putzt das menschliche Innere, belebt und greift bei Bedarf sogar helfend unter die Arme. Genauer gesagt, die aufhelfende Wirkung setzt nicht unter den Armen ein, sondern noch ein Stückchen weiter unten.

Bereits vor drei Jahrtausenden wurde der Grundstein für den legendären Ruf der Pflanzengattung Apium gelegt: Homer besang in seiner "Odyssee" den Sellerie als Lieblingsgemüse der Zauberin Kalypso. Der antike Dichter glaubte offenbar fest an die aphrodisierende Wirkung des Selleries, denn immerhin gelang es der "hehren" und "schöngelockten" Kalypso, den schiffbrüchigen Odysseus sieben Jahre lang an sich zu binden. Wie viel die Meernymphe und/oder der griechische Held davon aßen, darüber schweigt sich der antike Dichter aus. Nach sieben Jahren war jedenfalls Schluss mit der Dauerliebe, aber nicht, weil der Sellerie alle war, sondern weil es dem Göttervater Zeus reichte und er Kalypso befahl, ihren Geliebten ziehen zu lassen. Was ganz am Rande die Frage aufwirft, ob wir Zeus das verflixte siebte Jahr zu verdanken haben.

Nix für Junggesellen

Obwohl bis heute die erotisierende Wirkung von Sellerie nicht nachgewiesen werden konnte, ist der Glaube daran nicht auszurotten. Pech haben diejenigen, die eine Gluten-Unverträglichkeit, eine Histamin- oder eine Laktose-Intoleranz  haben. Bei diesen Menschen wirkt Sellerie allergen. Untersuchungen der Uni Zürich haben ergeben, dass Sellerie mit einer Häufigkeit von 43 Prozent an der Spitze der allergieauslösenden Lebensmittel steht. Was nicht gegen den Sellerie spricht, sondern nur dafür, dass Allergiker ihn meiden müssen. Wegen der häufigen  Unverträglichkeitsreaktionen sind deshalb Waren aus oder mit Sellerie kennzeichnungspflichtig.

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Sellerie-Ernte in Schöneiche bei Berlin.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn die Männer im antiken Rom und Griechenland massenweise Selleriesalat in sich hineinfutterten, so war es später Madame de Pompadour, die gleiches mit Suppe probierte. "Ich bin, o weh, von Natur aus kalt", klagte sie freimütig, erfand ein Selleriesüppchen und löffelte es täglich literweise aus. Da inzwischen auch das Feuer Ludwigs zu trister Asche heruntergebrannt war, bekam auch "der Vielgeliebte" céleri vorgesetzt. Noch heute flüstert man sich in Frankreich zu: "Wenn der Mann um die Wirkung des Selleries wüsste, er würde seinen ganzen Garten damit vollpflanzen."

Der schnoddrige Berliner nennt die Sache beim Namen, nämlich "Stehpiepelsalat" und kräht dazu den Gassenhauer "Fritzchen freu dich, Fritzchen freu dich, morgen gibt’s Selleriesalat!" In anderen Regionen trägt Sellerie den Namen "Geilwurz" oder "Stehwurzel", was schließlich auch auf den einschlägigen Ruf hinweist. Grimod de la Reyniere, Autor des Gourmet-Almanachs 1810, warnte jedenfalls alleinstehende Herren vor dem Sellerie-Genuss.

Entschlackt und macht eine schlanke Linie

Die meisten Dinge, die harntreibend sind, gelten in der traditionellen Volksmedizin auch als Potenzmittel. Auch wenn die liebenswerten Nebenwirkungen von Sellerie wissenschaftlich (!) nicht bewiesen sind, so steht doch einem Praxistest nichts im Wege. "Versuch macht kluch", wie der Volksmund sagt, und der hat meistens recht. Denn gesund ist Sellerie allemal. Seinen Wert hat Sellerie den ätherischen Ölen zu verdanken, die auch für den typischen würzigen Geschmack und Geruch verantwortlich sind. Hauptbestandteil des Sellerieöls sind Terpene, die das Krebsrisiko senken und das Wachstum von Mikroorganismen hemmen. Die krebstherapeutische Wirkung der Terpene wird derzeit in klinischen Studien untersucht. Die antientzündlichen Inhaltsstoffe helfen in Kombination mit dem kräftigen Aroma des Selleries gegen Mundgeruch. Sellerie liefert darüber hinaus Vitamin C, E und B-Vitamine sowie Carotinoide, die gut sind für Augen und Haut. Hinzu kommen viel Kalium sowie Kalzium, Phosphor, Eisen und Magnesium. Insgesamt regt Sellerie den Stoffwechsel an, fördert dank des hohen Kaliumgehalts die Entwässerung und wirkt stimmungsaufhellend. Ein Glas Selleriesaft täglich kann einen trägen Darm wieder in Schwung bringen.

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Eine Variante des berühmten Waldorf-Salats, hier mit blauen Weintrauben.

(Foto: imago stock&people)

Geschichten und Mythen rund um den Sellerie ziehen sich durch die gesamte Weltgeschichte: Die Ägypter legten Sellerie ihren Toten fürs Jenseits mit ins Grab, die Griechen flochten Siegern Kränze aus den Stängeln. In den Klöstern des Mittelalters wurde der Sellerie zum Star unter den Heilmitteln. Hildegard von Bingen berichtete im 12. Jahrhundert, dass Sellerie "gute Säfte" macht, denn schon früh erkannte man, dass damit Nieren und Blase gereinigt werden, weil der Harnfluss angeregt und dadurch der Steinbildung vorgebeugt wird. Verwendet wurden Blätter, Stängel und die Wurzeln, roh oder gesotten - so wie wir es heute noch tun.

Urvater aller Selleries ist der wilde Sumpf-Sellerie, der an den Mittelmeerküsten wuchs. Da er aber ziemlich scharf schmeckte, setzte alsbald die Züchtung von Kulturformen ein. Unsere heutigen Sorten sind auf italienische Züchtungen aus dem 17. Jahrhundert zurückzuführen. Heutzutage wird Sellerie in drei Kulturvarianten verwendet: Knollensellerie, Staudensellerie und Schnittsellerie.

Allrounder in der Küche: Knollensellerie

Knollensellerie ist in Deutschland ein traditionsreiches Gemüse und unverzichtbarer Bestandteil im Suppengrün. Staudensellerie, obwohl seit langem in fast jedem Supermarkt zu bekommen, gilt mancherorts immer noch als "Exot". Doch setzt sich durch Urlaubsreisen in Mittelmeeranrainer immer mehr das Wissen um seine vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten durch. Im Gegensatz zum intensiven Geschmack der Knolle schmecken die Stangen milder und frischer, dennoch typisch sellerieartig. Der Schnittsellerie bildet nur eine dünne Wurzel aus, seine Blätter aber sind besonders würzig und sind getrocknet Teil des Selleriesalzes. Schnittsellerie gilt hierzulande als ausgesprochene Gewürzpflanze, in anderen Ländern wird er vielseitiger verwendet: In Belgien und den Niederlanden als Garnitur auf Gerichten, in Griechenland in Fisch- und Fleischtöpfen, in Asien in Suppen, Schmorgerichten, Nudeln und Reis; in Indien kommen die Samen in die Currys.

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Seit einem Jahr hat auch Berlin ein Luxushotel Waldorf Astoria. Zimmer sind ab 300 Euro zu haben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Knollensellerie ist das eigentliche Multitalent, er verleiht Suppen die richtige Würze, veredelt Kartoffelpüree aufs Feinste, wenn man einen Teil der Kartoffeln durch Sellerie ersetzt, und schmeckt als paniertes und gebratenes Sellerieschnitzel sogar als Burger-Einlage. Und natürlich als Salat! Ein echter Klassiker ist der berühmte Salat aus dem New Yorker Hotel "Waldorf=Astoria" (nur echt mit dem traditionellen doppelten Bindestrich). Der "Waldorf-Salat" verdankt seinen Namen Johann Jakob Astor, Metzgersohn aus dem nordbadischen Walldorf bei Heidelberg, der 1784 wegen der Not in seinem Heimatdorf nach Amerika auswanderte und zum ersten Millionär Amerikas wurde; allerdings nicht gerade auf die feine Art.

Astors Urenkel gründeten 1893 das berühmte Nobel-Hotel. Die Idee für den Salat hatte der Maître d'hôtel und gebürtige Schweizer Oscar Tschirky, der 1896 das Rezept in seinem Kochbuch "The Cook Book By Oscar Of The Waldorf" veröffentlichte. Die klassische Mischung hat nur wenige Zutaten: Äpfel, Sellerie und reichlich Mayonnaise; Walnüsse fehlten damals. Inzwischen gibt es außer den gehackten Nüssen noch andere unterschiedliche Zutaten in wohl unzähligen Varianten des Waldorf-Salats: mit Hähnchenbrust, Räucherfisch, Bündnerfleisch oder Camembert, mit Trauben, Mandarinen, Ananas oder Granatapfelkernen, würziger mit Curry oder rosa Pfeffer. Auch "ersäuft" der Salat heutzutage nicht mehr in der Mayonnaise, sondern das Dressing wird oft durch Joghurt etwas weniger mächtig. Doch fehlen dürfen nie: Äpfel, Mayo und Sellerie.

Waldorf-Salat:

Zutaten (4 Pers):

1 Sellerieknolle (ca. 200 g)
2 säuerliche Äpfel
½ Orange
½ Zitrone
40 g Mayonnaise
40 g Schlagsahne
50 g Walnusskerne
1 Stange Bleichsellerie (mit etwas Kraut)
Salz, weißer Pfeffer, Zucker

Zubereitung:

Die Walnüsse hacken. Die Selleriestange säubern und evtl. Fäden abziehen. Ein paar schöne Blättchen beiseitelegen und die Stange in hauchdünne Scheibchen schneiden. Sellerieknolle schälen, waschen und gut abtrocknen. Äpfel schälen und entkernen. Sellerie und Äpfel in sehr feine Streifen (Julienne) von etwa 2 cm Länge schneiden und sofort mit dem Saft einer halben Orange und etwas Zitronensaft vermengen. Die gehackten Walnüsse und die Stangenscheibchen untermischen.

Für die Marinade die Sahne mit Salz, weißem Pfeffer und einer Prise Zucker leicht anschlagen und unter die Mayonnaise heben. Den Salat damit anmachen und für eine halbe Stunde zugedeckt in den Kühlschrank stellen. Den durchgezogenen Salat portionieren und mit den Sellerieblättern garnieren.

Tipp: Statt Knollensellerie kann auch nur Stangensellerie in dünnen Scheiben verwendet werden. Mayonnaise und Schlagsahne können durch Creme fraiche ersetzt werden.

Gutes Putzen, Entschlacken und so weiter (also ein gesundes 2015) wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de