Essen und Trinken

Königlicher Kniefall Geben Sie sich die Kugel!

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Die getrockneten Wacholderbeeren sind unscheinbar - aber von guter Würzkraft.

(Foto: segovax/pixelio.de)

Was haben gruseliger Mundgeruch und die verheerende Pest gemeinsam? Schon klar, man wünscht natürlich beides keinem an den Hals. Doch keine Panik bei Befall: Es gibt tatsächlich ein "sonderlich Preservativum” dagegen.

Mutter Natur hält so Einiges an Mittelchen in ihrer Apotheke bereit, mit dem man so Manches relativ erfolgreich bekämpfen kann - von Appetitlosigkeit bis Unlust. Nehmen wir heute mal die unscheinbaren blau-schwarzen Beeren zur Hand, die prall und frisch am Zweig ganz lustig aussehen, getrocknet aber - wie wir sie zumeist kennen - machen sie einen eher dürftigen Eindruck. Das ändert sich schlagartig, wenn Sie ihnen mal mit dem Mörser oder einem Küchenmesser zu Leibe rücken. Ein Aroma entströmt ihnen, dem können Sie sich gar nicht entziehen! Es steigt Ihnen ein würzig-harziger, süßlich-herber Duft in die Nase, Ihnen läuft das Wasser im Mund zusammen und erinnert Sie nachdrücklich daran, dass Sie schon wieder das Mittagessen haben sausen lassen: Wacholder.

Weiblein und Männlein

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Ein schöner Anblick: Reife und unreife Beeren an einem Wacholderbusch.

(Foto: SueSchi/pixelio.de)

Vielleicht haben Sie bei Waldspaziergängen die etwas stachligen Büsche schon bemerkt und eventuell auch grüne (unreife) oder braun-schwarze, bläulich schimmernde (reife) Beeren daran. Und falls Sie in Ihrem Garten einen Wacholderbusch zu stehen haben und sich wundern, dass er zwar irgendwann blüht, aber niemals Beeren trägt - dann haben Sie einen männlichen Wacholder gepflanzt. Nur weibliche Büsche - der Wacholder ist zumeist zweihäusig - setzen Beeren an, die botanisch gesehen Scheinfrüchte sind.

Der Wacholder ist meist ein Strauch, kann aber auch als Baum ziemlich hoch in den Himmel ragen. Er steht unter Naturschutz, die Beeren aber dürfen gesammelt werden. Sie sind reif, sobald sie im Herbst eine blaue Farbe angenommen haben, werden gesammelt, gewaschen und sorgfältig getrocknet. In luftdichten Gefäßen halten sie ihr Aroma eine Weile, jedoch nicht sehr lange.

Nachzulesen auf Papyrus

Seit Urzeiten nutzen die Menschen den Wacholder als Heilmittel. Schon um 1550 v. Chr. teilten die Ägypter der Nachwelt auf Papyrusrollen mit, dass Wacholder bei Verdauungsbeschwerden, Harnleiden und Wassersucht hilft. Und ganz wichtig in dieser zahnbürstenlosen Zeit - sie stellten ein Mundwasser für frischen Atem unter Verwendung von Wacholderbeeren her. Auch das Kauen der Beeren soll helfen. Noch heute sind Extrakte der Beeren Bestanteil von Nieren- und Blasentee und in Präparaten gegen Sodbrennen und Völlegefühl enthalten. Weitere Einsatzgebiete in der Volksmedizin sind Gicht und rheumatische Beschwerden.

Im Mittelalter war in die Suche nach Arzneien gegen die allgegenwärtigen Seuchen auch der Wacholder einbezogen. In seinem "New Kreuterbuch” schrieb P. A. Matthiolus ihm Schutzwirkungen gegen die ansteckende Pest zu: Wacholder "... ist ein sonderlich Preservativum zur Zeit der Pestilenz in Germania". Große Wacholder-Holzstöße wurden in den von der Pest betroffenen Landstrichen und Städten aufgestapelt und gezündet, Krankenzimmer ausgeräuchert. Der Rauch mit seinem typischen harzigen Geruch sollte die Luft reinigen, Ansteckung und Ausbreitung der "Pestilenz” verhindern. Die große Bedeutung des Wacholders im Volksglauben zeigt auch der Spruch: "Vor dem Holunder zieh’ den Hut, vor dem Wacholder geh’ in die Knie".

Ein Gläschen in Ehren ...

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Queen Mum wurde 101 Jahre, 7 Monate und 26 Tage alt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Und was hätte eigentlich Queen Mum getrunken, wenn es keinen Wacholder gäbe? Denn ohne Wacholder keinen Gin oder Genever - soviel ist klar. Dem Vernehmen nach hat die britische Königinmutter täglich ihr Gläschen Gin genippelt - und wurde dabei 100 Jahre alt. Falls Sie sich auch konservieren wollen: Gehen Sie das Projekt mit Vorsicht an, Wacholderschnäpse können je nach genossener Menge schnell vom Genuss- zum Betäubungsmittel werden …

Falls Sie jetzt einen Riesen-Hunger, aber immer noch keine zündende Idee für das nächste Mittagessen haben, hier ist ein Vorschlag, einfach, schnell und schmackhaft: "Wacholder-Braten”:

Zutaten (4 Personen):

1 Pfund Kassler
10 Wacholderbeeren
10 schwarze Pfefferkörner
1 TL brauner Zucker
1 große Zwiebel
etwas Öl

Zubereitung:

Die Wacholderbeeren und den Pfeffer zusammen mit dem Zucker in einem Mörser zerstoßen (oder siehe Tipp). Das Fleisch damit gut einreiben.

In einem Bräter etwas Öl erhitzen. Die Zwiebel schälen und vierteln. Zusammen mit dem Fleisch in das heiße Öl geben. Den Braten rundherum anbräunen und dann für eine Stunde bei Mittelhitze im Herd schmoren.

Wer eine Soße wünscht, muss ab und zu etwas Wasser angießen. Ist der Braten gar, den Bratenfond abkochen und zur Soße binden. Dazu schmecken Sauerkraut (dem Wacholder auch sehr gut tut), Rosenkohl und mehlig-kochende Salzkartoffeln.

Ohne Soßenzubereitung schmeckt der Braten zu allen Gelegenheit: warm und kalt, zum Brot oder zum Kartoffelsalat.

Tipp: Haben Sie relativ frische Wacholderbeeren, ist das Mörsern ein wenig schwierig, weil sie noch "harzig” sind. In diesem Zustand allerdings haben sie das beste Aroma. Sie zerkleinern die Beeren in diesem Falle mit einem Küchenmesser, natürlich ohne Verlust des Daumens, und vermengen die Stückchen mit dem zerstoßenen Pfeffer und dem Zucker.

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Queen Mum starb am 30. März 2002 in Windsor. Mitfühlende legten Blumen - und eine Flasche Gin - an Clarence House nieder.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Viel Spaß wünscht Heidi Driesner

Quelle: ntv.de