Essen und Trinken

Friesenpalme contra Merkelphone Norddeutscher Klassiker erobert USA

Grünkohl.jpg

In Schleswig-Holstein wird Grünkohl auf rund 40 Hektar angebaut.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Deutschland ist in den USA so beliebt wie nie zuvor, beide Länder verbindet seit Jahrzehnten eine enge Freundschaft. Der einstige Feind Nr. 1 ist auf Platz 4 der beliebtesten Länder bei US-Amerikanern aufgerückt. Das war 2012, in der "Vor-Snowden-Ära". Und nun? Ende der Freundschaft?

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hat es der damalige Feind Deutschland auf Platz 4 der beliebtesten Länder bei den US-Amerikanern geschafft. Laut einer Umfrage des Gallup-Meinungsforschungsinstituts von 2012 haben 86 Prozent ein positives Bild von Deutschland, nur Kanada (96 Prozent), Australien (93) und Großbritannien (90) liegen noch vor den Deutschen.

"Made in Germany" steht für Qualität und Zuverlässigkeit und hoch im Kurs. Beliebt in den USA sind deutsche Autos und Waschmaschinen, Bier, Fußball(er) und der lange Dirk sowieso. Wir wiederum lieben Coca-Cola, Hamburger, Ketchup und Hollywood-Kino.

3ern4656.jpg4454057919186952738.jpg

Auch bei Kanzlerin Merkel hören ein paar zu viel mit.

(Foto: dpa)

All das wird auch so bleiben zwischen den Normalos beider Länder, wenn auch Uncle Sam ein größeres Interesse hat an geheimen Regierungsdaten als an einer echten Berliner Currywurst. Die ganze Aufgeregtheit über "Handy-Gate" ringt Insidern sowieso nur ein müdes Grinsen ab: Nicht das Schnüffeln ist verwerflich (was sollen die Geheimdienste aller Länder sonst auch machen), sondern dass einer gequatscht hat. Ex-US-Botschafter John Kornblum sagte kürzlich im deutschen Fernsehen: "Wir sind keine Freunde, sondern Partner." Und mitunter auch Konkurrenten.

Doris zieht die Jeans an und William die Lederhose

Dorothy und Doris, William und Wilhelm aber bleiben Freunde. Wenden wir uns also den wirklich wichtigen deutsch-amerikanischen Herzensangelegenheiten zu: dem Festhalten an Traditionen. Wobei die Übergänge fließend sind. Aus einem kleinen deutschen Holzkohle-Grill ist oft schon ein Barbecue geworden, und der Amerikaner, der seine "Krauts" liebt, entdeckt, dass mehr dahintersteckt als Sauerkraut. Derzeit macht Grünkohl in den USA das Rennen. Allerdings nicht so, wie die Norddeutschen ihre "Friesenpalme" gern essen: deftig mit Backe oder Pinkel. In den USA bieten Bio-Läden und Szene-Cafés das gesunde Gemüse zumeist für Kalorienbewusste als Chips oder Smoothie an. Auch Hollywood hat das norddeutsche Traditionsgemüse entdeckt und "Kale" zum Trend gemacht. Jennifer Aniston und Gwyneth Paltrow schwören darauf. Eine Bürgerbewegung will sogar erreichen, dass der 2. Oktober zum "National Kale Day" erklärt wird.

Da sind die Amerikaner wieder mal flinker als wir selbst, denn was von New York bis Kalifornien hip ist, stößt bei Bayern und Württembergern, Badenern und Hessen auf Kopfschütteln. Und dann noch Pinkel! Nur Nicht-Bremern kommt dieser Name für eine spezielle Grützwurst genierlich vor. Die Gelehrten streiten sich, woher die Wurst den Namen hat. Er kann aus dem Niedersächsischen kommen: Pinkel oder Pinker = Mastdarm, den Darm der Rinder nutzt man zur Wurstherstellung. Oder der Name stammt aus der Seefahrt: Pinke war die niederdeutsche Bezeichnung für Dreimast-Segelschiffe, auf denen die Mannschaft mit den nahrhaften und haltbaren Grützwürsten verpflegt wurde. Aus der Pinken-Wurst wurde im Laufe der Zeit die Pinkel-Wurst. Oder eine dritte Erklärung: Früher wurden die Würste zur Lagerung an Balken aufgehängt und alsbald begann das Fett aus ihnen zu tropfen - die Wurst pinkelte.

Gelebtes Weltkulturerbe

Norddeutscher Grünkohl wird mit ordentlich Schmalz angesetzt - nix für Jennifer und Gwyneth! Dazu kommen je nach Region fettglänzende Pinkel oder Schweinswürste mit Bregen (Brägen) oder Lunge (heutzutage auch ohne diese Innereien), Kassler, Schweinebauch oder -backe, Salz- oder Bratkartoffeln und scharfer Senf. In Schleswig-Holstein werden als Beilage kleine runde Bratkartoffeln zusätzlich mit Zucker karamellisiert. So gesund Grünkohl mit seinen hohen Anteilen an Kalzium, Magnesium und Vitamin C auch ist, so anstrengend ist der Verzehr des norddeutschen Klassikers.

Das Essen von Grünkohl und anderem grünen Gemüse kann Auswirkungen auf Blutgerinnungshemmer haben. (Bild: dpa-infocom)

Nur echt mit Pinkel: Grünkohl gilt als die vitamin- und eiweißreichste Kohlart.

(Foto: dpa)

Das Kohl- und Pinkelessen ist aber nur eine Seite der  Tradition. Bevor nämlich geschlemmt wird, geht‘s auf Kohlfahrt. Diese winterlichen alkoholgeschwängerten Kohl- und Pinkeltouren sind so fest verankert im Leben und Herzen eines jeden Norddeutschen, dass sich sogar die Unesco darum kümmern soll. Schließlich gibt es ein Unesco-Programm "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Kulturerbes", wozu auch gesellschaftliche Rituale und Feste gehören. Nachdem sich bereits die Karnevals-Hochburgen Köln, Aachen, Düsseldorf und Mainz mit ihrer Fastnachts-Tradition bei der Unesco um Aufnahme in die Erbe-Liste beworben haben, wird es langsam Zeit, dass sich der Norden auf seine Grünkohl-Tradition besinnt. Sonst haben die Narren mit ihren Masken und die Amerikaner mit einem nationalen Kale-Tag die Nase vorn.

Es muss ja nicht mit Pinkel sein, wenn sich mal ein Nicht-Norddeutscher an Grünkohl versuchen will. Wie immer im Leben (und in der Küche) gibt es auch hier Kompromisse. Eine Liaison zwischen südlichem Strudel (ursprünglich beheimat in Österreich) und nördlichem Grünkohl sollte überzeugend genug sein:

Kartoffel-Grünkohl-Strudel

Zutaten (4 Pers):

800 g mehlig kochende Kartoffeln
150 g Mehl
600 g Grünkohl
100 g durchwachsener Speck
2 Zwiebeln
3 Eier
2 EL Semmelmehl
Salz, Pfeffer, Muskat

Zubereitung:

Kartoffeln schälen, kochen und durch eine Presse drücken. Mehl, 2 Eier, Salz, Pfeffer und Muskat untermengen und alles zu einem Teig verarbeiten.

Den Kohl verlesen, Strünke herausschneiden, waschen. Die Blätter in feine Streifen schneiden oder grob hacken und blanchieren. Sehr gut abtropfen lassen. Speck und Zwiebeln würfeln. Speck auslassen, die Zwiebelwürfel anschwitzen und mit dem Grünkohl, dem Semmelmehl und 1 Ei vermengen.

Tipp:

Noch besser schmecken die Strudelscheiben, wenn sie mit Butter bestrichen und in einer Pfanne von beiden Seiten einige Minuten gebraten werden.

Die Teigmasse auf Frischhaltefolie zu einer Platte ausrollen (ca. 1 cm dick). Darauf die Kohlmasse geben; am oberen Rand 3 cm Platz lassen. Mit der Folie aufrollen, die Enden mit Bindfäden fest verschließen. Die Rolle im heißen, aber nicht kochenden Wasser (80 bis 90 Grad) etwa 30 Minuten ziehen lassen. Aus dem Topf nehmen und etwas ruhen lassen. Die Folie entfernen und die Strudelrolle in dicke Scheiben schneiden.

Dazu schmecken ein deftiger Kasslerbraten und ein frischer Feldsalat sehr gut. Ein fröhliches Grünkohl-Essen mit guten Freunden wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de