Essen und Trinken

Wildwest im Osten Winnetou lebt ewig

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Die Blutsbrüder Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) im "Im Tal des Todes". Brice hat zwischen 1962 und 1968 in elf Karl-May-Filmen den Apachenhäuptling gespielt.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Indianerträume bleiben unvergessen. Karl Mays edle Helden Winnetou und Old Shatterhand, ihre skurrilen Freunde Sam Hawkens und Hobble Frank und all ihre Abenteuer prägten die Vorstellungskraft der Deutschen, wie es kein zweiter Autor vermocht hat. Und sogar kochen kann man mit ihnen, "wenn ich mich nicht irre".

Zeit meines Lebens wurde ich nachsichtig belächelt, wenn ich mich als Karl-May-Fan outete. Und natürlich immer von Leuten, die noch nie ein May-Buch gelesen hatten, denn die "Spinnerei" eines Hochstaplers war ja unter ihrer Würde. Wie schade, denn ihnen ist eine Menge an Spannung, Fabulierkunst und großartiger Fantasie entgangen. Außerdem waren viele meiner Klassenkameraden ebenfalls enthusiastische May-Leser und heute weiß ich mich in prominenter Gesellschaft, denn zum Beispiel die Theologin Margot Käßmann und Filmregisseur Dieter Wedel haben sich längst als Karl-May-Fans geoutet. Nicht nur kleine Mädchen lieben edle Helden! Natürlich betrachtet man als erwachsener Mensch vieles in Mays Werk eher kritisch, findet manches naiv, dennoch ist ein großer Teil der jugendlichen Faszination geblieben. Denn Mays Themen - die Gier nach Gold, Reichtum und Macht, Respekt vor Menschen anderer Herkunft, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Liebe - bleiben wohl immer aktuell. Wenn es auch Geschmackssache ist, die Beweggründe, warum Eltern ihrem neugeborenen Stammhalter den Vornamen "Winnetou" geben, dürften klar sein.

Für meine erste May-Lektüre habe ich Omas Hilfe gebraucht, denn die alten Bücher waren eng in Fraktur gedruckt, mit ziemlich kleinen Buchstaben und schon arg abgegriffen und vergilbt. Meine Mutter schimpfte zwar, wenn ich nach dem "Licht aus!" unter der Bettdecke mit der Taschenlampe weiterlas, aber sie hatte dennoch Verständnis: schließlich selbst Karl-May-Fan von Kindesbeinen an! Später, als ich nicht nur seine Bücher verschlang, sondern mich auch für den Menschen Karl May interessierte, war es mir egal, dass alles ausgedacht, der Autor nie im wilden Kurdistan, am Rio de la Plata oder gar ein begnadeter Reiter und Schießkünstler war. Im Gegenteil, ich habe den Mann wegen seiner überwältigenden Fantasie noch mehr bewundert und ihn wegen seines verkorksten Lebens bedauert. Noch später versuchte ich auf Reisen in den Ländern, in denen May nie war, Landschaften zu sehen, die er so überaus eindrucksvoll beschrieben, aber nie gesehen hatte.

Heute habe ich fast alle May-Bände im Schrank, auch die weniger bekannten und geliebten mit den Geschichten aus seinem heimatlichen Erzgebirge. Und natürlich ist mir keiner der alten Filme mit Winnetou, Old Shatterhand und all den anderen Weltenrettern und den diversen Fieslingen entgangen, wenn auch die Schauspieler der "ersten Stunde" inzwischen hochbetagt sind oder gar schon in den ewigen Jagdgründen weilen. Winnetou wird ewig leben!

Winnetou reitet und reitet und …

Dafür sorgt sogar ein Gerichtsbeschluss. 2002 entschied der Bundesgerichtshof (BGH), dass der rote Bruder Winnetou trotz seines literarischen Todes im 3. Band der Winnetou-Saga in Filmen und Büchern zurückkehren darf. Die Richter wiesen eine Beschwerde ab, mit der sich die mit dem Bamberger Karl-May-Verlag verbundene Karl May Verwaltungs- und Vertriebs-GmbH den exklusiven Markenschutz an der Bezeichnung "Winnetou" sichern wollte.

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Lex Barker als Old Shatterhand, Pierre Brice als Winnetou und Ralf Wolter als Sam Hawkens in dem Film "Der Schatz im Silbersee", der ein Riesenerfolg wurde.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der weithin bekannte Name stehe als Synonym für den edlen Indianer und könne deshalb nicht als Marke für Waren oder Dienstleistungen benutzt werden, befand der BGH. Damit gaben die Richter dem ZDF recht, das auf den Kriegspfad gezogen war und die Löschung der "Marke Winnetou" beantragt hatte. Hintergrund des Verfahrens ist der Mitte der 1990er-Jahre ausgestrahlte Fernsehfilm "Winnetous Rückkehr", mit dem der langjährige Winnetou-Darsteller Pierre Brice als Drehbuchautor und Hauptdarsteller die Geschichte des eigentlich ermordeten Indianers fortgeschrieben hatte und ihn als alten Mann zurückkehren ließ. Der Name "Winnetou" sei keine Marke, urteilte der 1. Zivilsenat, sondern sei vielmehr derart "durchtränkt" von dem Charakter der Romanfigur, dass er im allgemeinen Bewusstsein für einen bestimmten Menschentyp stehe.

Zweieinhalb Jahre zuvor hatte bereits das Bundespatentgericht den Markenschutz ebenfalls abgelehnt und Winnetou mit literarischen Figuren wie Don Quichote, Sherlock Holmes und Michael Kohlhaas verglichen. Das Urheberrecht an den Werken Karl Mays war bereits 1963 abgelaufen und nachdem 2002 die Reservierung der Markenrechte gescheitert war, konnte der Karl-May-Verlag die Rechte am Namen des Indianerhäuptlings nicht für sich monopolisieren und jedwede kommerzielle Nutzung mit Lizenzgebühren belegen. Winnetou bleibt frei! Und reitet weiter in Videos, Filmen und Büchern durch die "wilden Schluchten" Bad Segebergs,  Radebeuls, Rathens und diverser anderer Städte und Städtchen. Der 1912 in Radebeul gestorbene Autor hat es inzwischen sogar auf die Opernbühne geschafft: Im vergangenen Juni hatte die Oper "Karl May, Raum der Wahrheit" (Musik: Manos Tsangaris, Libretto: Marcel Beyer) an der Semperoper in Dresden ihre Uraufführung, wobei es hier um das Innenleben und die schillernde Persönlichkeit Karl Mays geht, nicht um Winnetou, Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi.

Karl May als "harte" Währung in der DDR

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Ein beklebter Trabi warb 2002 für die Sonderausstellung "Karl May in der DDR".

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Der Karl-May-Verlag (KMV) war 1913 in Radebeul in Sachsen gegründet worden, siedelte 1959 wegen des zwiespältigen Verhältnisses der DDR zu den Werkes des Autors nach Bamberg über, ist seit 1996 aber wieder in Radebeul vertreten. In der DDR war Karl May zwar nie verboten, bis 1982 aber auch nicht erlaubt. In diesem Nebel rechtlicher Unsicherheit wurde May heimlich gelesen; alte Bücher der Eltern hatten möglicherweise die Kriegszeit überdauert oder man war dank "Westverwandtschaft" an neuere Auflagen gekommen. Kuriose Zeitungsannoncen zeigen den "Marktwert" der Bücher in der DDR - gegen 51 Bände und 4 Jahrbücher konnte man schon mal einen "Trabant" eintauschen und die Wartezeit von 12 Jahren drastisch verkürzen. Bis Anfang der 1980er-Jahre wurden die Bücher Karl Mays von der DDR-Partei- und Staatsführung bestenfalls nur als "billige Räuberromantik" abgetan, die die Jugend zu "kritikloser Anhimmelung" verführe und ihren Blick für die Auseinandersetzungen mit dem wirklichen Leben trübe.

Einen Trost gab es immerhin: die fantasievollen Indianerbücher von Liselotte Welskopf-Henrich. Ihr Roman "Die Söhne der großen Bärin" wurde massenhaft gelesen, von der DEFA mit Gojko Mitić in der Hauptrolle verfilmt und zog neun Millionen Zuschauer in die Kinos. Mitić wurde durch zahlreiche weitere DEFA-Indianerfilme so eine Art "Winnetou des Ostens", ritt später aber tatsächlich als Apachenhäuptling im wilden Westen, sprich Bad Segeberg.

Im Gefolge innen- und außenpolitischer sowie innerdeutscher Veränderungen wandelte sich auch die Kulturpolitik der DDR, was 1982 zur Auferstehung der "Unperson" Karl May und seiner Rückverwandlung in eine "historische Persönlichkeit" führte. Der Verlag Neues Leben legte eine schnell vergriffene Serie von Karl-May-Büchern auf, die 20 Jahre alten "Winnetou"-Filme aus dem Westen liefen im Fernsehen und in Kinos. Der "herrlich sächsische Lügenbold", der "geniale Spinner aus Hohenstein-Ernstthal" (Herrmann Kant) durfte wie aus heiterem Himmel wieder nach Hause.

"Unter Lämmern" frei nach May

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Gojko Mitić1973 als Ulzana im DEFA-Film "Apachen". Mitić gab ab 1966 in den Produktionen der DDR den heldenhaften Indianer mit verschiedenen Rollennamen.

(Foto: imago stock&people)

Die Sachsen haben gottlob nie von "ihrem" Karl May gelassen und die Tradition in Dresden, Radebeul, Rathen und Hohenstein-Ernstthal gepflegt. Seit 1985 befindet sich im Geburtshaus des Schriftstellers in Hohenstein-Ernstthal ein Museum mit einer Dauerausstellung zu Karl Mays Leben und Werk. Das wunderliche Verhältnis der DDR zu ihm wurde unter anderem in einer vielbeachteten Sonderausstellung "Karl May in der DDR" dokumentiert, in der zum Beispiel die 21 abgeschriebenen Karl-May-Bände gezeigt wurden, die der Zwönitzer Heinz Thümmler auf einer "Erika"-Reiseschreibmaschine ab 1962 in vielen Jahren mühevoll abtippte, weil die Originale in der DDR nicht gedruckt wurden.

Am kommenden Osterfest hat das Karl-May-Haus in Hohenstein-Ernstthal zwar noch nicht wieder geöffnet, denn umfangreiche Bauarbeiten dauern wohl noch bis zum Mai an, doch die Feiertage mit viel Freizeit und süßen Naschereien verlocken garantiert zum Schmökern. Es darf auch mal wieder May sein! Und weil auch edle Helden essen müssen, muss dennoch jemand in die Küche.

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Der Leiter des Karl-May-Hauses in Hohenstein-Ernstthal, André Neubert, zeigt eine Auswahl der 21 abgeschriebenen Karl-May-Bände.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Winnetou und seine weißen Brüder Old Shatterhand, Sam Hawkens ("wenn ich mich nicht irre, hihihihi") oder Hobble Frank waren schließlich keine Kostverächter und spachtelten was weg: "Ellenlange Forellen, im kalten Seewasser gefangen, wurden im heißen Wasser gesotten, welches nur wenige Fuß entfernt aus dem Boden hervorkochte. Der kleine Sachse bildete sich nicht wenig darauf ein, am Nachmittag ein wildes Schaf geschossen zu haben. Es gab infolgedessen gekochtes Schöpsenfleisch voran und Forellen als Dessert. Die heiße Quelle war von so geringem Umfang, dass sie geradezu als Kochtopf diente, und das abfließende Wasser hatte dadurch einen solchen Bouillongeschmack, dass es mit den wenigen vorhandenen Lederbechern geschöpft und mit großem Appetit getrunken wurde." (Aus: "Unter Geiern")

Der "kleine Sachse" ist Hobble Frank aus Moritzburg, und in Sachsen wurde schon immer gerne Schöps, also Hammel, gegessen; auch heute noch, wobei die Hammel jünger und zu Lämmern geworden sind. Meistenteils (Hobble Frank würde sagen: "mehrschtenteels") wird der Braten nicht mehr geschossen, sondern artig beim Fleischer gekauft. Da vermutlich weder in Ihrem Wohnzimmer noch im Garten eine heiße Quelle sprudelt, tut's auch ein Römertopf. Da bleibt viel Zeit zum Lesen - und wenn der Römertopf auf dem Tisch steht, kommt ein Hauch Wildwest-Romantik dazu, auch im "wilden" Osten:

Lammhaxen im Römertopf

Zutaten (4 Pers):

4 Lammhaxen
4 Knoblauchzehen
10 Wacholderbeeren
1 Becher Creme fraiche
200 g braune Champignons
1 große Zwiebel
4 cl Whiskey
1 Bund Petersilie
Salz, frisch gemahlener Pfeffer

Zubereitung:

Die gesäuberten Haxen mit Salz, Pfeffer, den zerdrückten Knoblauchzehen und den zerkleinerten Wacholderbeeren kräftig einreiben. Über Nacht im Kühlschrank ziehen lassen.

Vor der Zubereitung den Tontopf eine Viertelstunde wässern. Die Haxen in den Tontopf legen und ¼ Liter Wasser angießen. Den ebenfalls gewässerten Deckel darauf legen, den Rost in die untere Einschubleiste des nicht vorgeheizten Herdes einschieben und darauf den Römertopf stellen. Wie folgt den Ofen hochfahren: Gasherd 5 Minuten auf Stufe 1, 5 Minuten auf Stufe 2 und dann auf 250 Grad (Stufe 5-6) einstellen. Ein E-Herd heizt langsamer auf als ein Gas-Herd, er kann sofort auf 250 Grad eingestellt werden.

Die Haxen circa 1 Stunde schmoren lassen. Kontrolle ist unnötig, es brennt nichts an. Nach 1 Stunde die in Scheiben geschnittene Zwiebel und die Pilze (auch in Scheiben) dazugeben. Die saure Sahne erhitzen (Nie kalte Zutaten in einen heißen Römertopf geben!) und darüber gießen. Alles nochmals 1 Stunde schmoren lassen. 15 Minuten vor Ende der Bratzeit (insgesamt reichlich 2 Stunden) den Deckel abnehmen und die Haxen offen überkrusten.

Dazu schmecken am besten Klöße (typisch sächsisch) oder Naturreis (eher westmännisch). Ich bevorzuge Reis, und zwar auf die folgende Weise: Den Reis fast gar kochen. Mit der gehackten Petersilie mischen. Wenn der Deckel für das Überkrusten abgenommen wird, den Reis in den Bratenfond geben, die Haxen darauf legen und dann alles 15 Minuten überkrusten.

Zum Schluss den Römertopf aus dem Herd nehmen, den Whiskey in einer Kelle erhitzen, anzünden und brennend über das fertige Fleisch gießen - ein bisschen offenes Feuer muss schließlich sein im "Wilden Westen" bei Hobble Frank und im Osten bei seinen sächsischen Nachkommen auch. Falls Winnetou zu Ihren Gästen zählt, lassen Sie das Feuerwasser eben weg.

Gutes Gelingen wünscht Heidi Driesner. Howgh!

Quelle: ntv.de