Essen und Trinken

Olé, Olé, Olé Zwitschern Sie auch oder pfeifen Sie drauf?

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Den Spaniern ist es keinesfalls Wurst, was in die Paella kommt, auch keine Chorizo.

(Foto: imago/Westend61)

George Clooneys Prostata hat nicht wirklich etwas mit Jamie Olivers Kochkünsten zu tun, es gibt da eigentlich nichts Verbindendes. Oder doch? Ein paar Überlegungen ist die Sache schon wert.

Twitter, Facebook & Co. halbieren selbst Familien in Nutzer und Totalverweigerer. Ich weiß, wovon ich rede, auch meine Familie campiert in getrennten Lagern, wobei ich selbst zum zähen Teil der Communitylosen gehöre. Das Beste, was ich je über soziale Netzwerke gelesen habe, stammt aus einem Interview mit George Clooney: "Ich würde lieber eine Prostata-Untersuchung von einem Arzt mit eiskalten Händen über mich ergehen lassen als eine Facebook-Seite zu haben."Da kann ich aus rein biologischen Gründen nicht mithalten, würde dafür aber zahnärztliche Bohrversuche ohne Betäubung in die Waagschale werfen. Und das will was heißen!

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Jamie Oliver steht zu seiner Paella.

(Foto: imago stock&people)

Über Jamie Olivers Meinung zur Prostata-Vorsorge und kalten Arzthänden ist mir nichts bekannt, wohl aber über seine Kochkünste und Rezepte. Die vermarktet er unter anderem auch in sozialen Netzwerken. Dort ist er nun in die Pfanne gehauen worden, nur weil er Würstchen in seine Reispfanne warf. "Schwer, etwas Besseres zu finden als Paella, um gute spanische Küche zu machen", twitterte das Kochgenie und trat gleichzeitig einen Shitstorm los, weil er dreist Chorizo in seine Paella mischte. "Meine Version kombiniert Hähnchenflügel mit Chorizo", kommentierte er das Foto seiner "Paella".

Oliver, der gewöhnlich ein feines Gespür für gelungene Selbstvermarktung hat, lag diesmal voll daneben und brachte halb Spanien gegen sich auf. Der Koch verteidigte sich in einem Fernsehsender gegenüber den Geschmackspolizisten vom europäischen Festland: "Ich habe gesagt, dass das meine Version ist, und dazu stehe ich. Es ist superlecker." Das glaube ich unbesehen! Die schlechteste Paella meines Lebens habe ich übrigens in Spanien gegessen, dort ist also auch nicht alles Paella, was so heißt! Und nein, es war nicht Touri-Fraß in einem von Deutschen bevölkerten Hotel, sondern Paella in einer auch von Einheimischen besuchten Gaststätte. Die Paella, die vermutlich keine "echte" war, weil sich Meeresfrüchte darin befanden, war dermaßen fade, dass ihr ein paar pikante Chorizo-Würstchen mit ihrem rauchigen Aroma gut getan hätten. Außerdem: Gute spanische Küche ist viel, viel mehr als nur Paella!

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Gehört zur Heiligen Dreifaltigkeit der Spanier: die Paella.

(Foto: imago stock&people)

Die Puristen unter den Paella-Experten beharren darauf, dass nur Kaninchen- und Hähnchenfleisch, lange grüne Bohnen und Limabohnen (getrocknete Riesenbohnen-Kerne), Tomaten und Artischocken, Olivenöl und natürlich Reis und Safran in eine Paella hineingehören. Gewürzt wird nur mit Salz. Es darf auch nicht jede poplige Reissorte hineingekippt werden, sondern nur valencianischem Paellareis gebührt diese Ehre. Italienischer Risotto-Reis wäre vermutlich genauso ein Fehlgriff wie Jamies Chorizo. Sind Fische mittenmang und krönen Garnelen, Muscheln und Kalmare die Reispfanne, ist es kein Original aus Valencia, der wahren Paella-Heimat, sondern vermutlich eine Paella marisco.

Der Streit um die "wahre" Paella soll sogar schon zu Parlamentsdebatten geführt haben, denn nichts ist dem Spanier so heilig wie der Torero, der Flamenco und die Paella. In der Provinz Valencia heißt es, dass eine Paella aus zehn Zutaten zu bestehen hat. Im Original sollen auch noch Schnecken sein; heutzutage wird das vermutlich zu teuer, deshalb fehlen die Tierchen meist. Alles andere wie Schweinefleisch, grüne Erbsen und rote Paprikaschoten, Knoblauch und Zwiebeln kommt bei wahren Valencianern nicht in die Pfanne. Mit diesem ganzen Brimborium wäre das vermutlich eine Paella mixta oder irgendetwas, was den Namen Paella nicht verdient. Allerdings befindet sich all das heutzutage fast überall in Spanien in einer "Paella" - und ich habe noch von keinem innerspanischen Shitstorm gehört.

Paella valenciana - oder auch nicht

Und in dieses Heiligtum hat nun der arme Jamie seine Chorizo geworfen! Dabei dürfte es in ganz Spanien so viele Paella-Rezepturen geben wie Reiskörner darin sind – was soll also die ganze Aufregung? Wer das Leben ohne Apps und Emoticons fade findet und sich ohne Follower im Netz einsam fühlt auf der Erde, soll das alles haben und nutzen. Soziale Netzwerke sollten jedoch keine unsozialen Müllplätze für anonyme Meckerei und Beleidigungen sein. Ein Shitstorm ist auf gut Deutsch nur das, was er wirklich ist: einfach Scheiße (Pardon!). Bestenfalls Flatulenz im Netz. Na gut, nicht immer. Es gibt auch berechtigte Proteste im Netz, gegen sexistische Werbung, gegen rechte Auswüchse, gegen miese Arbeitsbedingungen. Aber gegen Wurst in 'ner Reispfanne? Und ob Sie das jetzt wissen wollen oder nicht, ich sag's einfach: Ich denke beim geposteten Mega-Hintern von Kim Kardashian immer an die halben Schweineärsche, die in diversen Tapas-Bars in Andalusien über mir an der Kneipendecke hingen und irgendwann unters Messer kamen. Lecker! Bisher habe ich solch abwegige Gedanken immer für mich behalten, aber nun musste das mal raus! Ich bin auch nur ein Mensch!

Ich verlasse sicherheitshalber das sprachliche Glatteis, lande mit dieser kleinen andalusischen Reminiszenz wieder bei den leidgeprüften Paella-Gardisten. Drei Bestandteile sind Pflicht für eine Paella: Reis, Safran und Olivenöl. Und das hatte Jamie Oliver schließlich auch in seiner Reispfanne. In etlichen - von Spaniern geschriebenen - Kochbüchern habe ich Paella-Rezepte gefunden, die den Streitern für die heilige Paella die Schuhe ausziehen würden, denn da mischt alles mit, was eigentlich gar nicht reingehört - von Erbsen bis Venusmuscheln. Und zwar unter der Bezeichnung "Reispfanne aus Valencia", "Paella aus Valencia" oder "Paella valenciana". Vermutlich gab es auch schon Protest-Demos vor den Verlagen.

Und wissen die Franzosen eigentlich, dass ihre berühmte Entenleberpastete und ihre Consommé auf spanischen Rezepten basieren, die Napoleons Truppen geklaut haben? Das kann ja heiter werden, wenn sich das in der Netzgemeinde herumzwitschert. Hoffentlich denkt bei den Berlinern keiner über eine Unterschriftensammlung gegen die Bezeichnung "Berliner" für Pfannkuchen nach. Ich tröste mich jetzt bei tristem Großstadtwetter mit "meiner" Linsensuppe, die ich schon seit Jahren so völlig undeutsch koche - lange bevor ich in Spanien entdeckte, dass Linseneintöpfe dort fast so zubereitet werden wie ich es in meiner Berliner Küche tue. Darf ich meine Suppe nun "Cazuela de lentejas" oder "Linsen aus Tarragona" nennen oder nicht? Lieber nicht...

Linseneintopf mit Chorizo

Zutaten (6 Pers):

500 g braune Tellerlinsen
500 g Chorizo
3 Kartoffeln
3 Knoblauchzehen
2 vollreife Tomaten
1 große Zwiebel
1 gelbe Paprikaschote
1 grüne Paprikaschote
1 Stück geräucherte Schweineschwarte
3 EL Olivenöl
1 Lorbeerblatt
1 Gewürznelke
1 Chilischote
1 TL Paprika edelsüß
1 Msp. Paprika de la Vera (geräuchertes Paprikapulver)
ca. 2 Gläser Cidre oder trockener Weißwein
Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle

Zubereitung:

Die Linsen mit der Speckschwarte in kaltem Wasser über Nacht einweichen. Am nächsten Tag die Tomaten überbrühen, pellen und in grobe Stücke schneiden. Die Paprikaschoten putzen und in Streifchen oder kleine Stücke schneiden. Zwiebel und Knoblauchzehen pellen und fein hacken.

In einem großen Topf das Öl erhitzen und die Paprikastückchen darin behutsam anrösten. Dann die Tomaten zugeben und den edelsüßen Gewürzpaprika sowie Zwiebel und Knoblauch unterrühren. Linsen mit der Schwarte zugeben, ebenso Lorbeer, Nelke und die eingeritzte Chilischote, mit Wasser auffüllen und zum Kochen bringen. Zugedeckt bei kleiner Hitze etwa 45 Minuten köcheln lassen.

In der Zwischenzeit die Chorizo in einem kleinen Topf in dem Cidre bzw. Weißwein etwa 30 Minuten garen. Herausnehmen, in Scheiben schneiden, die Scheiben wieder in den Sud geben und beiseite stellen.

Die Kartoffeln schälen, klein würfeln und eine Viertelstunde vor Ende der Garzeit zu den Linsen geben. Etwa 5 Minuten vor Ende der Garzeit die Chorizo mit dem Wein zu den Linsen geben. Den fertigen Eintopf mit Salz, Pfeffer und dem Paprika de la Vera abschmecken. Schwarte, Lorbeer und Chilischote entfernen. Wenn Sie die Nelke wieder finden, die auch...

Tipp: Wer’s nicht mag, kann die Schwarte auch weglassen. Sie gibt aber der Suppe zusätzlich Geschmack. Natürlich kann auch der Wein weggelassen werden. Dann kommt die Chorizo in Scheiben geschnitten 5 Minuten vor Garende in die Suppe. Die Idee, die Chorizo in Apfelwein zu köcheln, habe ich übrigens wirklich von Spaniern gemopst, nachdem ich dort das als Tapas gegessen hatte.

Ich wünsche uns allen mehr Toleranz, selbst gegenüber nichtspanischen, Paella kochenden Köchen - auch "im Netz". Ihre Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de