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Donnerstag, 23. November 2017

Diane Kruger in Bestform: "Aus dem Nichts" lässt uns erzittern

Von Sabine Oelmann

"Diane - bigger than Alltag" - das ist eine Liebeserklärung eines Regisseurs an seine Hauptdarstellerin. Und ja - die Kamera des Fatih Akin liebt diese Diane Kruger, die wir gar nicht so gut kennen. Das wird sich nun ändern nach diesem großartigen Film.

Rocco - fünf Jahre jung.
Rocco - fünf Jahre jung.

Was für eine Horrorvorstellung: Eben noch sagt man "Tschüß" zu seinen Liebsten, man widmet sich den Dingen des Tages, und am Abend dann ist alles anders. Die Liebsten sind tot und man selbst wird zum Zombie. So geht es Katja: Von einer Sekunde zur anderen wird ihr alles entrissen, was ihr je etwas bedeutet hat. Ein feiger Nagelbombenanschlag tötet ihren Mann Nuri (Numan Acar) und den gemeinsamen Sohn Rocco (Rafael Santana), einen Fünfjährigen, der rein zufällig an diesem Nachmittag bei seinem kurdischen Papa im Übersetzungsbüro war.

Großartig ist Diane Kruger in der Rolle der Mutter und Ehefrau, die - und man versteht sie nur zu gut - auf Rache sinnt. Unter der Regie von Fatih Akin sehen wir die deutsche Schauspielerin zum ersten Mal in einer deutschsprachigen Rolle und Akin versteht es bestens, seine Hauptdarstellerin an Orte zu führen, an denen sie vielleicht noch nie war, zu Höhenflügen anzutreiben, die sie vielleicht noch gar nicht kannte.

Hochzeit im Knast - schon speziell, aber nicht hoffnungslos.
Hochzeit im Knast - schon speziell, aber nicht hoffnungslos.

Krugers Katja fällt nach dem Anschlag in ein tiefes Loch, vor allem, als ihr klar wird, dass die Polizei zu allererst nach einem Täter, einer Ursache, im Umfeld ihres Mannes sucht. Der saß tatsächlich bereits im Knast - genau dort hat sie ihn auch, sehr zum Entsetzen ihrer Eltern, geheiratet - und weil er Kurde ist, eine Drogenvergangenheit hat und "zwielichtige" Gestalten in seinem Laden ein und aus gehen, wird wertvolle Zeit verschwendet, um die wahren Täter tatsächlich zu fassen. Die wahren Täter hat Katja übrigens noch gesehen und freundlich darauf hingewiesen, dass sie ihr Fahrrad doch besser anschließen sollten ...

Die Hoffnung

"Ich will zu meiner Familie!"
"Ich will zu meiner Familie!"(Foto: picture alliance / Warner Bros./)

Der Feind ist aber ein ganz anderer, der Feind sitzt in der Neonazi-Szene, und ob Katja ab und an mal einen durchlötet, ist tatsächlich völlig unerheblich. Nach einer Weile werden dann jedoch endlich die beiden Tatverdächtigen Edda (Hanna Hilsdorf) und André Möller (Ulrich Friedrich Brandhoff) verhaftet. Beide werden durch die vorgelegten Beweise schwer belastet. Kein Geringerer als Andrés Vater (Ulrich Tukur) gab der Polizei den entscheidenden Hinweis. In dem folgenden Prozess vertritt Nuris bester Freund, der Anwalt Danilo Fava (Denis Moschitto), Katja als Nebenklägerin. Seine Rolle als Freund und Anwalt auseinanderzuhalten ist oft nicht leicht.

Der Prozess verlangt Katja alles ab, aber die Hoffnung, dass die Täter bestraft werden, gibt ihr die Kraft, jeden Tag im Gericht zu erscheinen. Verteidiger des Nazi-Paares ist Rechtsanwalt Haberbeck (Johannes Krisch), dem es gelingt, geschickt Zweifel zu säen. Am Ende sind die belastenden Beweise nicht so eindeutig wie zunächst gedacht und das Gericht muss die Angeklagten freisprechen. Wie soll Katja nun ihren Frieden finden? Man ahnt, worauf es hinausläuft, aus Spoilergründen sollte das Ende des Filmes, das einen sprachlos, verzweifelt und erledigt zurücklässt, jedoch nicht weiter thematisiert werden.

"Diane kann auch lustig sein!"

Beide bekamen einen Bambi, noch vor Film-Start.
Beide bekamen einen Bambi, noch vor Film-Start.(Foto: imago/Future Image)

Wir ahnen, dass Regisseur Fatih Akin zu der Sorte Regisseur gehört, dessen Prinzip zu lauten scheint: "Ein heftiger Film, ein lustiger Film, ein heftiger Film, ein lustiger Film." "Aus dem Nichts" ist definitiv ein heftiger Film, so wie auch schon "Gegen die Wand" es 2004 war.

Und sicher ist Fatih Akin einer, der "das Milieu" kennt, der weiß, wie Männer ticken und einer, der gerne sogenannte "Genre-Filme" macht, aber er ist vor allem einer, der Frauen in den Vordergrund stellen kann, ohne sich einen abzubrechen. 2004 war es Sibel Kekilli, nun ist es Diane Kruger. Die wurde in Cannes vollkommen zu Recht zur besten Schauspielerin für ihre Rolle in "Aus dem Nichts" gekrönt, bekam einen Bambi und ist natürlich ein alter Hase im Film-Business - nur eben nicht in Deutschland. Akin sagt: "Diane kann auch lustig sein! Sie hat eine unglaubliche Bandbreite. Das weiß man in Frankreich zum Beispiel sehr gut!" Was Fatih Akin sonst noch zu erzählen hat, sehen Sie im Interview mit n-tv.de.

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Fatih Akin schafft es, dass Kruger diesen Film trägt. Jede ihrer Bewegungen, jeder Blick, alles, was sie sagt und auch das, was sie nicht sagt, zieht den Betrachter in den Bann. Die Kamera Akins liebt diese Diane Kruger, die wir noch nie so gesehen haben: Von zart, verzweifelt über fest entschlossen bis rachsüchtig. Großes Kino! Ebenfalls großes Kino ist, dass in diesem einen Film drei Handlungsstränge sind: der eine ist die Geschichte des Anschlags. Der andere ist die Beziehung des Paares Nuri und Katja. Eine Liebe über Grenzen hinweg, über Kulturkreise, und dennoch haben sie es geschafft. Deutlich wird, wie beide Eltern gegen die Verbindung sind, wie versteinert, wie unerbittlich in ihren Vorurteilen. Was tun wir dagegen, gegen solche Stereotype, gegen diese Vorurteile? "Es leben, beweisen, dass es anders geht", sagt Diane Kruger und lacht.

Und letztlich der dritte Handlungsstrang: die deutsche Justiz. Anstatt  im rechten Milieu zu suchen, wird erstmal die Wohnung des Opfers auf den Kopf gestellt. Das heißt, das Misstrauen ist groß, denn eher soll es bitte eine Banden- oder Mafiageschichte unter Türken und Kurden sein, als dass wir an Neonazis denken wollen. Was läuft da falsch in unserem Staat? "Aus dem Nichts" hat ein paar Antworten parat. Und stellt sich ganz klar auf die Seite der Opfer. Von den Tätern, von ihren Motiven, von ihrer Nazi-Werdung erfahren wir recht wenig. Das mag manche stören - man kann aber auch finden, dass es durchaus gerechtfertigt ist, einen Film mal nur aus der Opferperspektive zu zeigen. Im richtigen Leben finden wir ja schon immer genug Entschuldigungen für die Täter und ihre Gründe. Tatsächlich ist der Film formal in drei Teile gegliedert: "Familie", "Gerechtigkeit" und "Das Meer". Über "Das Meer" wollen wir an dieser Stelle nichts erzählen - besser, Sie sehen sich diesen wichtigen Film selbst im Kino an.

"Aus dem Nichts" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de