Kino

Die Rückkehr von "Trainspotting" Nimm das, Generation X!

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Willkommen zurück: "Spud", Mark, "Sick Boy" und Begbie (v.l.).

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

20 Jahre sind seit "Trainspotting" vergangen. Wo sind sie geblieben? In "T2 Trainspotting" erfahren wir es. Der Film schreibt nicht nur die Kultgeschichte von Mark, "Spud", Begbie und "Sick Boy" fort - er hält auch einer ganzen Generation den Spiegel vor.

"Trainspotting", Klo-Szene. Es gibt Menschen, denen muss man gar nicht mehr sagen, um sofort das Kopfkino bei ihnen in Gang zu setzen. Und das sind ziemlich viele Menschen. Um nicht zu sagen, eine ganze Generation. Ruckzuck haben sie sie wieder vor Augen: jene Szene, in der sich Ewan McGregor als Junkie Mark Renton in der "schlimmsten Toilette in Schottland" zunächst auf die versiffte Schüssel setzt, um dann auch noch auf der Suche nach ein paar Opium-Zäpfchen in sie hinabzutauchen.

Es gibt wirklich kaum jemanden, der in den 90er-Jahren irgendwo in seiner Jugend oder seinen 20ern war, der "Trainspotting" nicht gesehen hätte. Und wenn es doch jemanden geben sollte, dann gehörte er definitiv zu den Uncoolen. Zu denen, mit denen man schon im Sandkasten nicht gespielt hätte. Von daher kann man sich die Übertreibung, dass der Film eine ganze Generation geprägt hat, an dieser Stelle schon mal erlauben: die sogenannte "Generation X", wie sie im damaligen Trend, allen möglichen Alterskohorten irgendein Label zu verpassen, genannt wurde. Und als die man sich gern etikettieren ließ, schon allein, weil "Generation X" deutlich sexyer klang als das deutsche Pendant "Generation Golf".

Drogen, Verbrechen und Gewalt

Gemeint war eine Generation, die im Wohlstand der 70er- und 80er-Jahre aufgewachsen war, scheinbar dem Hedonismus - inklusive Drogenkonsum - zuneigte und ansonsten, was den Sinn ihres Lebens betrifft, eher planlos in die Zukunft zu torkeln schien. Den musikalischen Soundtrack dazu lieferten ihr Grunge auf der einen und Techno auf der anderen Seite. Im Kino indes trafen zunächst Beziehungskomödien wie "Singles" oder "Reality Bites" den Zeitgeist, ehe Quentin Tarantino 1994 mit "Pulp Fiction" die Tür zu einer Welle tiefschwarzer, scheinbar sinnentleerter, dafür aber umso lässigerer Gangster-Parodien aufstieß. Es folgten etwa "Trainspotting", Guy Ritchies "Bube, Dame, König, grAS" oder der deutsche Nachzügler "Lammbock". Es ging um Drogen, um Verbrechen, um Gewalt - und darum, dass man über all das mit Zynismus und Sarkasmus auch lachen darf.

"Trainspotting" kam zwar erst nach "Pulp Fiction" auf die Leinwand. Der Roman von Irvine Welsh, auf dem der Film basierte, erschien jedoch schon 1993. Und als eine Art europäisches Arbeiterklassen-Pendant zu "Pulp Fiction", angesiedelt im tiefen schottischen Drogensumpf, explodierte der mit einem Budget von gerade mal 1,5 Millionen Pfund ausgestattete Streifen 1996 förmlich an den Kinokassen. Zu jenem Zeitpunkt war "Trainspotting" der vierterfolgreichste britische Film aller Zeiten. Noch heute zählt das "British Film Institute" ihn zu den zehn besten Filmen, die je im Vereinigten Königreich realisiert wurden. Ewan McGregor legte mit seiner Junkie-Performance den Grundstein für seine spätere Weltkarriere, die ihn bis zu "Star Wars" führen sollte. Von Regisseur Danny Boyle ganz zu schweigen, der 2008 mit dem Oscar für "Slumdog Millionär" geehrt wurde.

Der Originalcast wieder vereint

So gesehen schrie "Trainspotting" geradezu nach einer Fortsetzung. Oder aber eben gerade nicht. An einem Denkmal sollte man schließlich nicht rütteln. Und tatsächlich mangelte es Boyle und Co wohl lange Zeit an Ideen für einen würdigen Nachfolger. Bereits 2002 veröffentlichte Welsh unter dem Titel "Porno" seine literarische Fortführung der Geschichte um die Heroinabhängigen Mark, "Spud" und "Sick Boy" sowie den kriminellen Schläger Begbie. Bei Weitem nicht so gut geraten wie das Ursprungswerk, wollte man sich an ihr in einem weiteren Film jedoch allenfalls lose orientieren. Hinzu kam, dass es zwischen Boyle und McGregor längere Zeit gekriselt haben soll. So wurden alle Pläne für ein mögliches Leinwand-Revival von "Trainspotting" erst einmal auf die lange Bank geschoben.

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Mark und Begbie haben noch eine Rechnung offen.

(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Bis jetzt. Denn nicht nur Boyle als Regisseur und McGregor haben sich wieder zusammengerauft, sondern auch weite Teile des sonstigen Originalcasts vor und hinter den Kameras. So schlüpfen McGregor ("Mark 'Rent Boy' Renton"), Johnny Lee Miller ("Simon 'Sick Boy' Williamson"), Ewen Bremner ("Daniel 'Spud' Murphy") und Robert Carlyle ("Francis 'Franco' Begbie") in "T2 Trainspotting" allesamt noch einmal in ihre Rollen, die sie bereits vor 20 Jahren ausfüllten. Nur Kevin McKidd fehlt folgerichtig - schließlich war sein Charakter "Tommy MacKenzie" im Film von 1996 gestorben.

Der Flash bleibt aus

"T2 Trainspotting" zeigt, was aus den Underdogs von einst geworden ist. Nicht viel, so viel steht fest. Mark blickt auf den Scherbenhaufen einer gescheiterten bürgerlichen Existenz. "Sick Boy" hat sich neben seinen Drogen-Geschäften auf die Zuhälterei verlegt. "Spud" hängt nach wie vor an der Nadel. Und Begbie sitzt im Knast. Als Mark sein Exil in Amsterdam aufgibt, um in seine alte Heimat in Edinburgh zurückzukehren, und Begbie aus dem Gefängnis ausbricht, lodert das viele Jahre auf Eis liegende Beziehungsgeflecht zwischen den vier Protagonisten wieder auf. Und das nicht unbedingt in freundschaftlicher Hinsicht - zwischen der einstigen Drogen-Clique gibt es ja noch eine große offene Rechnung. Schließlich hatte Mark vor 20 Jahren Begbie und "Sick Boy" um ihren jeweils 4000 Pfund schweren Anteil aus einem Heroin-Deal geprellt …

"T2 Trainspotting" spart nicht an fulminanten Szenen. Das bedingt allein das Katz-und-Maus-Spiel, bei dem wieder einmal jeder versucht, den anderen zu bescheißen oder aber sich zu rächen. Doch einen ähnlichen Flash wie vor 20 Jahren wird man nicht noch einmal erleben. Das liegt nicht nur daran, dass man sich als Zuschauer eben gerade auf Grund des Originals, "Pulp Fiction" oder "Bube, Dame, König, grAS" an Drogen-, Verbrechens- und Gewaltexzesse auf der Leinwand längst gewöhnt hat. Es liegt auch daran, dass Boyle und seine Mitstreiter bewusst nicht versucht haben, auf Biegen und Brechen noch eins draufzusetzen.

"Choose Life"

Stattdessen hält "T2 Trainspotting" einer ganzen Generation den Spiegel vor. Nachdenklich und reflektierend. Was ist aus all den Träumen, Wünschen und Sehnsüchten von vor 20 Jahren geworden? Die Frage überträgt sich von den gescheiterten Existenzen, denen man im Film zugucken darf, unmittelbar auf einen selbst. Sie kulminiert in einem Monolog, in dem McGregor die Abhandlung über die Phrase "Choose Life" ("Wähle das Leben") aus dem Original wieder aufgreift und ins Hier und Jetzt transformiert. Und auch sonst mangelt es nicht an Reminiszenzen an den Streifen von 1996 - inklusive vieler Songs aus dem großartigen Soundtrack von damals.

"T2 Trainspotting" ist ein Film von einer Generation für eine Generation. Wer nicht mit dem Original aufgewachsen ist, wird mit ihm wahrscheinlich nicht allzu viel anzufangen wissen. Für die "Generation X" jedoch ist er ein Muss.

"T2 Trainspotting" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de