Kino

"Victoria" war gestern "Roads" tritt die Flucht an

Eine Nacht in Berlin, ein Bankraub, ein Film ohne Schnitt - das war "Victoria". Nun begibt sich Regisseur Sebastian Schipper mit "Roads" auf eine völlig neue Reise. Diesmal im Fokus: ein Sommer in Europa, ein Autoklau und ein Film mit heiklem Sujet.

Dass er nicht unbedingt den leichten Weg geht, hat Regisseur Sebastian Schipper schon mit "Victoria" bewiesen. Die Geschichte des Streifens, der vor vier Jahren zum Kino-Überflieger wurde, hätte vielleicht auch auf die konventionelle Art funktioniert. Doch erst der Umstand, dass der Film über eine schicksalhafte Begegnung im nächtlichen Berlin als One-Take ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde, adelte die Low-Budget-Produktion und ließ Kritiker wie Filmpreis-Jurys jubilieren.

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Mit seinem Nachfolger "Roads", der jetzt in die Kinos kommt, macht es sich Schipper abermals gleich doppelt schwer. Nun gut, für die Erwartungshaltungen, die ihm nach "Victoria" begegnen, kann er nichts. Dafür, dass er sich in dem Streifen dem hochaktuellen, schwierigen und brisanten Flüchtlingsthema annimmt, dagegen schon. Aber zumindest bekamen die Schauspieler - allen voran die großartigen Hauptdarsteller Fionn Whitehead als Brite Gyllen und Stéphane Bak als Kongolese William sowie Moritz Bleibtreu in einer Nebenrolle als Deutscher Luttger - diesmal die eine oder andere Verschnaufpause beim Dreh. "Roads" ist von der Machart her keine Neuauflage des One-Take-Experiments bei "Victoria".

Jugendlicher Leichtsinn, knallharte Realität

Ohnehin scheinen die beiden Filme auf den ersten Blick so gut wie nichts gemein zu haben. Erst beim zweiten Hinsehen lassen sich dann doch gewisse Parallelen aufzeigen. Was in "Victoria" eine Nacht in Berlin ist, ist in "Roads" ein Sommer in Europa. Was hier ein naiver Banküberfall ist, ist da ein spontaner Autoklau. Beide Male geht es um eine Reise im kleinen oder größeren Rahmen, um zufällige und dennoch schicksalhafte Begegnungen, um den schmalen Grat zwischen jugendlichem Leichtsinn und knallharter Realität.

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In einer Nebenrolle gibt sich auch Moritz Bleibtreu die Ehre.

(Foto: Studiocanal GmbH / Eniac Martinez)

Der gerade 18 gewordene Gyllen ist mit seiner Mutter und seinem Stiefvater im Urlaub in Marokko. Die brüchige Familienidylle jedoch hängt ihm zum Hals raus. Also entschließt er sich kurzerhand, das Wohnmobil der Eltern zu entwenden und damit einfach loszufahren. Sein Ziel: Frankreich, wo sein leiblicher Vater Paul (Ben Chaplin) zu Hause ist, in dem Gyllen einen deutlich cooleren und attraktiveren Ansprechpartner wähnt als in seiner Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten.

Kaum unterwegs, gabelt der Brite irgendwo im Nirgendwo den nahezu gleichaltrigen William auf. Er stammt aus dem Kongo und hat, wie sich alsbald herausstellt, einen ähnlichen Traum von Frankreich wie Gyllen. Ihm geht es darum, seinen Bruder zu finden, der sich dereinst auf die Flucht nach Europa machte, ehe sich seine Spur im "Dschungel" von Calais verlor.

Gemeinsam treten die beiden Jugendlichen die abenteuerliche Reise von Marokko durch Spanien bis nach Frankreich an. Eine Reise, bei der der Grenzübertritt mit gestohlenem Auto und illegalem kongolesischen Passagier von Nordafrika nach Europa bei Weitem nicht der einzige Herzschlagmoment ist. "Roads" changiert zwischen spannungsgeladenen Szenen wie bei einem Thriller, Situationskomik wie in einer Komödie und dem Blick in gesellschaftspolitische Abgründe wie bei einem Drama.

Berührend und aufrüttelnd

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Es geht auch um Freundschaft - aber nicht nur.

(Foto: Studiocanal GmbH)

Schließlich ist der Streifen nicht nur ein x-beliebiges Roadmovie. Er erzählt auch die märchenhafte Coming-of-Age-Geschichte zweier Heranwachsender ganz unterschiedlicher Herkunft, die dennoch sehr ähnliche Sehnsüchte, Träume und Probleme haben und durch ihre gemeinsamen Erlebnisse zu Freunden zusammengeschweißt werden. Das alles vor dem durch und durch realen Hintergrund der Flüchtlingskrise in Europa, die ab 2015 eskaliert und einen ihrer Hauptschauplätze in den Zeltlagern von Calais findet.

Er wolle nicht den moralischen Zeigefinger erheben, sagt Schipper über sein Werk. Dennoch wird kaum ein Zuschauer das Kino verlassen, ohne ins Grübeln geraten zu sein und vielleicht angesichts der aufs Einzelschicksal heruntergebrochenen Problematik das eine oder andere Tränchen verdrückt zu haben. "Roads" ist berührend und aufrüttelnd zugleich - und das macht einen guten Film aus. Die Herausforderung, einen würdigen Nachfolger von "Victoria" auf die Beine zu stellen, hat Sebastian Schipper grandios gemeistert. Auch mit vielen Schnitten.

"Roads" läuft ab dem 30. Mai in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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