Kino

Ehre, Gerechtigkeit, Liebe - und Keanu Reeves Die Legende der "47 Ronin"

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Keanu Reeves spielt das Halbblut Kai, das gegen Vorurteile ankämpfen muss.

(Foto: Universal Pictures)

Die Zeiten, in denen Keanu Reeves als Hacker Neo einen ungleichen Kampf gegen das Böse führt, sind lange vorbei. Nun kehrt er auf die Leinwand zurück, um an der Seite von 47 herrenlosen Samurai gegen eine fantastische Übermacht im feudalen Japan zu marschieren. Klingt erst einmal gut.

Die Tradition des Seppuku ist fast tausend Jahre alt. Sie geht zurück auf die Samurai. Im heutigen Japan ist der rituelle Selbstmord offiziell verboten. Allerdings gehört er in den Kreisen der Yakuza noch immer zum guten Ton. Die Gründe für einen Seppuku - hierzulande als Harakiri besser bekannt - sind vielschichtig. Verlor etwa im feudalen Japan des 17. oder 18. Jahrhunderts ein Mann wegen einer Pflichtverletzung sein Gesicht, konnte er die Ehre der Familie durch den Seppuku wiederherstellen. Der rituelle Selbstmord wurde aber auch als Strafe für einen Gesetzesverstoß angewandt.

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Die Legenden, die sich um die japanischen Samurai und ihre besonderen Regeln ranken, haben auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Anziehungskraft verloren.

(Foto: Universal Pictures)

Fürst Asano, Herr über die Provinz Ako, muss ihn verüben, weil er einen Gast seines Hofes angegriffen hat. Da spielt es keine Rolle, dass hinter dieser Tat eine Hexe steckt und ihn verzaubert hat. Sie klüngelt mit Asanos Gegenspieler, Fürst Kira, der sich Ako einverleiben will. Dass das Ganze auch noch vor den Augen des ehrwürdigen Shogun, des obersten Herrscher Japans, passiert, lässt Asano dann keine andere Wahl: Nur durch einen Seppuku kann er die Ehre seines Landes und seiner Familie wiederherstellen. Asanos Tod hat allerdings weitere Folgen.

Der Shogun befiehlt, dass Kira Asanos Tochter Mika nach einer Trauerfrist von einem Jahr heiraten soll. Kira ist dann auch Herrscher über Ako. Asanos Samurai werden nach dem Tod ihres Fürsten zu Ronin und müssen jedweden Racheplänen gegen Kira abschwören, so will es der Shogun. Der Anführer von Asanos Samurai, Oichi, muss zudem für ein Jahr in eine Grube, quasi Einzelhaft unter widrigsten Bedingungen, so will es Kira. Dessen Ziel: den erfahrenen Schwertkämpfer und treuesten Gefolgsmann Asanos brechen. Doch als Oichi endlich freikommt, hat er nur eines im Sinn: Rache, blutige Rache - und so die Ehre seines Fürsten wiederherstellen. Kiras Kopf soll rollen, Mika befreit werden.

Kai aus der Kiste

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Kai ist im Wald der Tengu aufgewachsen, ehe er von dort floh. Dämonen zogen ihn auf und brachten im unmenschlich-schnelle Kampftechniken bei.

(Foto: Universal Pictures)

Allerdings sind Oichis Kampfgefährten zahlenmäßig überschaubar, während Kira auf eine Tausend-Mann-A rmee und eine schier uneinnehmbare Festung bauen kann. Oichi entsinnt sich deshalb eines Mannes, den Asano einst als Kind aufgenommen hat: Kai. Er ist ein Halbblut, halb Engländer, halb Japaner. Ein Samurai konnte er deshalb nicht werden, Verachtung und Anfeindungen der Krieger musste er über sich ergehen lassen, jahrelang. Aber er hat auch Kontakt zu schrecklichen Dämonen, die ihn als Findelkind aufzogen, bevor Kai als Junge dann flüchten konnte und von Asano aufgenommen wurde. Nach dessen Seppuku verkauft Kira Kai als Sklaven. Auf einer abgelegenen Insel muss er Tag für Tag als Gladiator um sein Leben kämpfen.

Oichi befreit ihn und trommelt insgesamt 47 Ronin zusammen, um seinen Racheplan in die Tat umzusetzen. Aber Fürst Kiras Hexe bekommt Wind davon und Oichi tappt in einen Hinterhalt. Doch genau das ist seine Chance, denn sowohl die Hexe als auch Kira glauben nun, dass Oichi und damit auch dessen Rachepläne gestorben sind. Aber weit gefehlt: Oichi und Kai setzen - ganz nach dem Motto "Hast du keine Chance, dann nutze sie" gemeinsam alles auf eine Karte, mit zweifelhaftem, aber letzten Endes ehrenhaftem Erfolg.

Der Star sind Team und Story

Was hier etwas kompliziert klingen mag, ist eine Story, die an die bekannteste Samurai-Legende Japans angelehnt ist. Jeder Japaner kennt sie, die Geschichte der 47 Ronin, die sich trotz aller Widrigkeiten und ohne Angst um ihr eigenes Leben aufmachen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Weltweit wird diese Legende von den Nachfahren der legendären Samurai an einem Feiertag, dem 14. Dezember, gedacht. Mancherorts bleiben in Japan dann Schulen und Banken geschlossen. "Wer die Geschichte der '47 Ronin' kennt, kennt auch die Geschichte Japans", heißt es dann nicht minder vielsagend im gleichnamigen Hollywood-Blockbuster, der jetzt in den deutschen Kinos anläuft.

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Reeves als Kai und Sanada als Oishi: Halbblut und Samurai vereint gegen einen gemeinsamen Feind

(Foto: Universal Pictures)

"47 Ronin" versucht, Licht in das Dunkel der japanischen Feudalzeit zu bringen und greift dafür nicht nur auf die bekannte Ronin-Legende zurück, sondern setzt gleichzeitig auf die Kinostars des Landes. Hiroyuki Sanada ("Sunshine", "Wolverine: Weg des Kriegers") spielt Oishi. Tadanobu Asano ("Thor"-Reihe, "Battleship", "Ichi the Killer") den Fürsten Kira (obwohl er ein Nachfahre des Fürsten Asanos sein könnte). Ko Shibasaki ("The Call") ist Mika und Cary Higoyuki-Tagawa ("Planet der Affen", "Mortal Kombat") der Shogun. Die Oscar-nominierte Rinko Kikuchi ("Babel") schlüpft in den Körper der formwandelnden bösen Hexe.

Mittendrin Hollywood-Legende Keanu Reeves. Der einstige "Speed"- und "Gefährliche Brandung"-Star hat sich mit der "Matrix"-Trilogie vor rund 15 Jahren bereits ein filmisches Denkmal gesetzt. Seitdem lässt er es ruhiger angehen, sucht sich seine Filmprojekte gezielt aus. "47 Ronin" gehört dazu. Die Rolle des Kai, des ausgestoßenen Außenseiters, der trotz aller Widrigkeiten ehrenvoll versucht, seinen Platz im Leben zu finden, scheint ihm wie auf den Leib geschnitten. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen.

Und auch der Stab kann sich sehen lassen: Chris Morgan ("Fast & Furious"-Reihe, "Wanted") und Hossein Amini ("Drive") zeichnen für das Drehbuch verantwortlich. Morgan und Walter Hamada ("The Conjuring") für die Story. Pamela Abdy ("Voll abgezockt") und Eric McLeod ("Mr. & Mrs. Smith") sind die Produzenten. Ilan Eshkeri ("Der Sternwanderer", "Kick-Ass") ist der musikalische Kopf der Filmcrew. Nur der Regisseur fällt da etwas aus der Reihe: Carl Rinsch, "47 Ronin" ist sein Regiedebüt.

Massen-Seppuku statt Happy-End

Rinsch verfilmt den Ronin-Legendenstoff nicht einfach eins zu eins, er macht daraus ein Fantasy-Abenteuer-Märchen, FSK 12, als 2D und 3D. Riesen, Hexen, Oger, Geister, ein verzauberter Wald - alles ist dabei und bildet den Rahmen für die nie aus der Mode kommenden Themen Ehre, Gerechtigkeit, Respekt, Freundschaft und Liebe. Was nach einem epochalen Werk klingt, kommt in nicht einmal zwei Stunden Laufzeit daher. Das lässt Langeweile zwar nie aufkommen, aber manchmal ist ein bisschen mehr wohl doch besser - will heißen: Ein paar erläuternde Einführungen hätten dem Film nicht geschadet, Kampf- und Liebesszenen auch nicht.

Gleichzeitig - und das ist eigentlich auch ein Widerspruch - braucht der Film lange, um auf Touren zu kommen. Wenn man hört "47 Ronin gegen eine Tausend-Mann-Armee", erwartet man ein fernöstliches Action-Spektakel allererster Güte - siehe "The Floating Castle" oder "13 Assassins". Doch stattdessen entpuppt sich "47 Ronin" von hinten durch die Brust als Liebesfilm, der die jahrhundertelang überlieferte Legende der 47 ehrenlosen Samurai als Sprungbrett benutzt. Was nach außen wie ein kerniger Männerfilm á la "300" daherkommt, wird immer mehr zur schnulzigen Romanze für Frauen.

Wenn Mann das aber weiß und verarbeitet hat, kann sich der Zuschauer getrost zurücklehnen und Blockbuster-Kino vom Feinsten genießen. Vor allem der Schluss ist gelungen (ohne zu viel zu verraten): Massen-Seppuku statt Happy-End. Das tröstet dann auch über Kais letzte Worte an Mika hinweg: "Ich werde euch suchen, in 1000 Welten und 10.000 Leben - bis ich euch finde!"

"47 Ronin" startete am 30. Januar 2014 in den deutschen Kinos. 

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Quelle: n-tv.de

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