Unterhaltung
Ben wird von einer sehr geduldigen Aria verarztet.
Ben wird von einer sehr geduldigen Aria verarztet.(Foto: dpa)
Donnerstag, 09. November 2017

Mit Monsieur Hasehase im Watt: "Simpel" - ganz einfach gut

Von Sabine Oelmann

Dass ein Bruder, der anders ist als die anderen, nicht unbedingt eine Belastung, sondern eine Bereicherung darstellen kann, sehen wir in Markus Gollers Film "Simpel". Frederick Lau und David Kross spielen überzeugend ein sehr ungleiches Brüderpaar.

Zwei Brüder, der eine kümmert sich um den anderen. So weit, so normal. Normal allerdings ist in diesem Fall ein Wort, das ganz schwierig zu gebrauchen ist im Leben von Ben und Barnabas, genannt "Simpel". Wobei dieser Begriff genau auf den Gemütszustand anspielen soll, in dem "Simpel" sich befindet: Für ihn scheint die Welt ganz einfach, ganz simpel und auch normal zu sein, denn er ist als 22-Jähriger auf dem Stand eines Kindes geblieben. Ein Zustand, in den viele Erwachsene sich ja gern hineinträumen. Und so simpel ist der Simpel dann auch wieder nicht, ganz tief in seinem Innern versteht er garantiert mehr, als mancher ihm zutraut.

Haben trotz allem Spaß: Ben und Barnabas.
Haben trotz allem Spaß: Ben und Barnabas.(Foto: dpa)

Seit Ben (Frederick Lau) denken kann, sind er und sein Bruder Barnabas ein Herz und eine Seele. Simpels Lieblingsessen sind Quasilorten (was selbstverständlich "Erdbeeren" bedeutet) und draußen im Watt entdeckt er mit seinem Stofftier Monsieur Hasehase neue Kontinente. Die Szenen, in denen die Brüder im Watt herumtollen, sind berührend, wuchtig und wahrhaftig. Und auch, wenn Simpel anders und oft anstrengend ist, ist ein Leben ohne ihn für Ben, den älteren Bruder, den Mann in der Familie, unvorstellbar. Als die Mutter der beiden unerwartet stirbt, soll Simpel in ein Heim kommen - eine Katastrophe für die Brüder.

Großartiger Cast

Die einzige Person, die diesen Beschluss rückgängig machen könnte, ist ihr Vater David, zu dem die Brüder seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr haben. Die Suche nach ihm entwickelt sich zu einer turbulenten Odyssee, bei der Simpel und Ben auf die Medizinstudentin Aria (sehr süß und ehrlich: Emilia Schüle) und ihren Kumpel, den Sanitäter Enzo (cool und warmherzig von Axel Stein dargestellt) treffen.

Regisseur Markus Goller
Regisseur Markus Goller(Foto: imago/Future Image)

Keiner der vier ahnt, dass sich hier eine große Freundschaft entwickelt - und vielleicht ein bisschen mehr. Gemeinsam fahren sie in die große Hansestadt, wo Simpel die Bekanntschaft mit Chantal vom Kiez (sexy und abgeklärt: Anette Frier) macht und bei einem Koch-Versuch Arias Küche in Flammen setzt, während Ben ihren Vater David aufsucht und eine Entscheidung treffen muss, die ihm keiner abnehmen kann. Was so echt ist an "Simpel" ist, dass nicht alles im Happy-End-Modus durchgezogen wird, dass es viel eher so ist, wie es im wahren Leben sein könnte. Nämlich frustrierend, anstrengend, zunächst ausweglos wirkend. Natürlich wünscht sich jeder ein Happy End, im wahren Leben und im Film, aber wirklich helfen tut einem das ja nicht, wenn einem immer vorgegaukelt wird, dass es schon wieder "alles gut" wird. Es wird nicht immer wieder alles gut, jedenfalls nicht so "neue deutsche Komödie"-gut. Das mal im Kino zu sehen, ist wirklich beruhigend. 

Bitte an Teil 2 arbeiten!

Regisseur Markus Goller, von dem die wunderschönen Filme "Friendship" und "Frau Ella" stammen, inszeniert "Simpel" als einen zutiefst emotionalen und dabei umwerfend komischen Film mit Feelgood-Ambiente. Man nimmt den jungen Schauspielern ihre Rollen, ihre Verunsicherung, ihr Ringen um die Frage, was das Beste ist für sie und Simpel, hundertprozentig ab.

Goller zeigt mit "Simpel" eine herzergreifende Reise zweier sehr unterschiedlicher Menschen, deren Kraft es ist, füreinander da zu sein, was auch immer passiert. Besonders arbeitet er heraus, dass ein Bruder, der anders ist die anderen, keine Belastung sein muss, sondern eine Bereicherung darstellen kann. Man würde sich über eine Fortsetzung dieser berührenden Geschichte, die ohne Pathos und falsches Mitleid erzählt wird, sehr freuen.

Die Eltern der beiden jungen Männer werden von Kim Anneke Sarnau und Devid Striesow dargestellt. Die Romanvorlage stammt von der französischen Autorin Marie-Aude Murail; sie zählt zu den beliebtesten zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen Frankreichs und wurde mit vielen Preisen geehrt. Für ihren Roman "Simpel" erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis.

"Simpel" startet am 9. November in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen