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Weißt du eigentlich, wie ich heiße, Christian?
Weißt du eigentlich, wie ich heiße, Christian?(Foto: dpa)
Mittwoch, 18. Oktober 2017

"Hör auf mit dem Schwedenscheiß": "The Square" hält uns den Spiegel vor

Von Sabine Oelmann

Eine Tasche ist einfach nur eine Tasche ist einfach nur eine Tasche? Ist ein Quadrat nur ein Viereck? Oder ist eine Tasche Kunst, wenn sie in einem Museum steht? "The Square" zeigt uns unsere Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit in allen Facetten.

Eine Tasche ist natürlich niemals nur eine Tasche. Jede Frau hat ihr Universum darin. Und vollkommen zu Recht bezeichnen viele Frauen ihre Taschen als Kunstwerke. Einige Handtaschen sind von sich aus schon wahre Kunstwerke. Aber darum soll es nur am Rande gehen in "The Square". Hauptsächlich geht es um den smarten Christian (Claes Bang), der ein ganz klein wenig an den jungen Pierce Brosnan erinnert; er ist Kurator eines der größten Museen in Stockholm und die nächste Ausstellung, die er vorbereitet, ist "The Square". Immer spektakulärer soll es zugehen in dem Museum, obwohl die Sache an sich eine ganz einfache ist: Es handelt sich bei "The Square" um einen Platz, der als moralische Schutzzone fungieren und das schwindende Vertrauen in die Gemeinschaft hinterfragen soll. So weit, so politisch korrekt.

Vertraust du? Oder vertraust du nicht?
Vertraust du? Oder vertraust du nicht?

Man könne "The Square" mit einem Zebrastreifen vergleichen, sagt jemand im Film. Allen ist dann sofort klar, was zu tun ist: Anhalten, Menschen über die Straße lassen, weiterfahren. So soll auch das Quadrat fungieren (anhalten, zuhören, helfen), das nun jedoch mit solch unlauteren Mitteln beworben wird, dass Christian seine ganze schöne, heile, strukturierte, kühle, aufgeräumte Welt bald um die Ohren fliegt. Denn wie bei den meisten modernen Menschen reicht auch bei Christian das Vertrauen, das er in seinem Museum versucht bildhaft auszustellen, selbst nicht weit.

Und auch zwischenmenschlich bleibt er unverbindlich, lauwarm. Als Christian jedoch auf eine unglaubliche Art und Weise ausgeraubt wird und er recht unkonventionell wieder an sein Eigentum gelangen möchte, geraten kurz nacheinander sein Selbstverständnis, sein Gesellschaftsbild, ja sein ganzes Leben schwer ins Wanken.

Wenn der Schein so richtig trügt

Bisher immer politisch korrekt und darauf bedacht, sich möglichst aseptisch durchs Leben zu bewegen - Christian möchte sogar seine benutzten Kondome lieber selbst entsorgen, bevor die Beischlafpartnerin (Elisabeth Moss) noch auf dumme Ideen kommen könnte - ist der Zuschauer zuerst fasziniert von dem gutaussehenden, klar wirkenden Mann, der sein Leben zwischen stylischem Apartment und umweltbewusstem Tesla so sehr im Griff zu haben scheint, dass man ihm weder Körpergeruch noch Schmutz in der Wohnung zutrauen würde. Spätestens jedoch, als wir Christian sexuell aktiv sehen, hört der Spaß des Voyeurismus auf: Langeweile macht sich breit.

Langeweile macht sich in dem Film ansonsten aber überhaupt nicht breit, denn zu gern schauen wir zu, wie uns Regisseur Ruben Östlund in die mondäne Welt der Kunstszene mitnimmt und eine moralische Falltür nach der anderen öffnet. "Hör auf mit dem Schwedenscheiß" sagt ein Kollege zu Christian und meint, er soll doch bitte aufhören, wie ein Schweizer Uhrwerk zu ticken und bloß nicht so politisch korrekt sein. Dass sich hinter dem politisch korrekten Christian eine ganz andere Welt verbirgt, dazu braucht Regisseur Östlund weder Gewalt noch Lautstärke, kein Gemetzel und keine Intrigen, auch keine Pornografie, die sonst ja so gern herangezogen wird in solchen Fällen. Das ganz normale Leben, als getrennt lebender Vater, als Spießer, als ehrgeiziger, leicht narzisstischer Museums-Macho, als nicht alt werden wollender Mann, reicht vollkommen aus, um uns an die eigene Nase zu fassen. 

Denn in seiner klug inszenierten und äußerst unterhaltsamen Satire auf den modernen Menschen hält Östlund uns den Spiegel vor - den Spiegel, der uns in dreifacher Vergrößerung sagt, wie scheinheilig wir doch sind, wie träge und selbstgefällig, wie eingerichtet in unserem Leben. So eingerichtet, dass wir allzu schnell bereit sind, unsere moralischen Grenzen über den Haufen zu werfen, um unsere Bequemlichkeit nur ja aufrechtzuerhalten. Mit einer Prise Humor und viel Ironie zeigt uns Östlund in ruhigen, klaren Bildern, wie es um uns bestellt ist.

Neben Claes Bang sind Elisabeth Moss (Mad Men) und Dominic West (The Wire) zu sehen. "The Square" wurde mit der Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes prämiert und geht als schwedischer Kandidat für den Auslands-Oscar 2018 völlig berechtigt ins Rennen.

"The Square" läuft ab dem 19. Oktober in den deutschen Kinos

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