Musik

2019: Rock'n'Roll for Life Alles Rammstein, oder was?

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Neues Album, neue Tour: Rammstein rocken wieder.

(Foto: picture alliance/dpa)

Abseits von Dance, Schlager und Singer-Songwriter-Gedöns gibt es auch noch richtige Musik: Gitarrenlastig, energiegeladen, Riffs, die ins Ohr gehen und im Kopf bleiben. 2019 war ein absolutes Rock- und Metal-Jahr. n-tv.de liefert zehn krachende Beweise.

2019 hinterlässt Spuren: politisch, ökologisch, musikalisch. Politisch spaltet sich das Land, verhärten sich die Fronten und Ränder. Ökologisch tritt die Jugend der älteren Generation in den Hintern, um diese wachzurütteln im Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt und der Erde. Und musikalisch? Da hat 2019 gerockt, aber mal so richtig!

Rammstein: "Rammstein"

Am lautesten kommen dabei Rammstein um die Ecke. Sie lassen sich drei Jahre Zeit für ihr siebtes Studioalbum "Rammstein". Direkt die erste Single "Deutschland" macht dann unverkennbar allen klar: Rammstein provozieren nach wie vor, polarisieren. Die Texte - wie immer gekonnt von harten Gitarrenriffs, druckvollen Drum-Beats und ab und an auch verträumten Synthie-Klängen umspielt - sind auf den Punkt. Ecken an. Sind Gesprächsstoff an Stammtischen und in Politikerrunden. Rammstein halt.

Neben dem Opener "Deutschland" folgt mit "Radio" als zweite Single ein ruhigeres Stück, fast schon Pop. Melodisch, mit Synthesizer-Spielereien. Danach geht es dafür mit "Zeig dich" umso härter zur Sache. "Sex" erinnert an Volbeat-Klänge. Atmosphärisch wird es bei "Weit weg". Rockig à la Metallica dann bei "Tattoo". Und mit "Diamant" beweisen Rammstein um Frontmann Till Lindemann, dass sie auch die ruhige Klaviatur bedienen können. Insgesamt liefern Rammstein elf Songs ab, die die musikalische Bandbreite der Rocker perfekt widerspiegeln. Eine grandiose Scheibe!

In Flames: "I, The Mask"

Geht es noch härter als Rammstein? Na, aber hallo: In Flames. Im Februar kommt deren 13. Studioalbum "I, The Mask" in die Läden. Metal, Melodie, Shouts, Gesang: Die schwedische Band, gegründet schon 1990, zeigt mit Songs wie "I, The Mask", "Burn" oder auch "Deep Inside", dass sie nach wie vor ein absoluter Metal-Hammer ist. Es geht aber auch ruhiger und nachdenklicher: "Follow Me" und "In This Life" zeigen das eindrucksvoll.

Das Ganze macht auch deutlich, dass sich die Schweden um Gründer Jesper Strömblad in keine Schublade zwängen lassen. Dass In Flames auch nach fast 30 Jahren Bandhistorie noch lange nicht zum alten Eisen gehören, zeigt der Song "We Will Remember" überdeutlich, der all das vereint, was die Band auszeichnet.

Volbeat: "Rewind, Replay, Reboot"

Dass nicht nur bei Schweden Metal-Blut durch die Adern fließt, sondern auch bei so manchem Dänen, beweisen Volbeat. Am Start 2019 mit ihrem siebten Album "Replay, Rewind, Reboot". Veränderung? Neuorientierung à la Linkin Park? Nicht bei Volbeat! Wer Volbeat kauft, kriegt auch Volbeat - und damit süffige Riffs, Rock'n'Roll-Feeling, Country-Flair. Rockmusik, die zum lässig-coolen Kopfnicken einlädt und gute Laune verbreitet. Dabei ist "Rewind, Replay, Reboot" wie die Vorgängerwerke ein Album, das man von der ersten ("Last Day Under The Sun") bis zur letzten Single ("The Awakening Of Bonnie Parker") durchhören kann - und mal ehrlich, das ist ein Lob in einer Zeit, in der alles irgendwie versucht, den nächsten großen Hit zu produzieren. Selbst in Rockmusikerkreisen.

Obwohl: Hitsingles ... Davon ist "Rewind, Replay, Reboot" eigentlich voll. Nahezu jedes der 17 Lieder (plus fünf Demos), die da auf zwei CDs daherkommen, hat das Zeug zum Chartstürmer. "Leviathan", "Maybe I Believe" oder eben "Awakening Of Bonnie Parker". Wer es härter mag, kommt bei den fast schon Metallica-artigen Riffs in "Everlasting" auf seine Kosten. Ruhiger geht es dann etwa beim Lovesong "7:24" zu. "Die To Live" weckt dann Erinnerungen an Billy Idol. "Rewind, Replay, Reboot" bietet eine Menge melodischen Rock'n'Roll-Powerrock für Ohren und Herz!

Papa Roach: "Who Do You Trust?"

Damit kann auch die neue Scheibe von Papa Roach ohne Probleme punkten. Neben viel Melodie, Riffs, ein paar Shouts und Synthieklängen gibt es Powerrock satt. Oder Nu Metal? Egal, Papa Roach sind Papa Roach sind Papa Roach - und bleiben Papa Roach. Mit ihrem mittlerweile zehnten Album "Who Do You Trust?" bleiben sie sich ebenso treu wie Volbeat. Papa Roach sind Moshpit pur. Melodie paart sich mit harten Riffs und einem unverwechselbaren Gesang des Frontmanns Jacoby Shaddix. Rage Against The Machine flirten mit Faith No More. Limp Bizkits Fred Durst frisst sein rotes Basecap.

Im Gegensatz zu den Bizkits liefern Papa Roach regelmäßig grandiose Alben ab, die - auch wie bei den Dänen von Volbeat - man einfach im CD-Player (ja, die gibt es auch heute in der Streaming-Ära noch) einlegt und durchhört, durchhört, durchhört. "The Ending" ist ein Opener, dessen unbändige Energie direkt ins Ohr, Herz und Hirn des Zuhörers prescht. "Renegade Music" steht dem in nichts nach, ehe dann "Not The Only One" etwas Zeit zum Verschnaufen gibt, ehe der titelgebende Song "Who Do You Trust?" in bester RATM-Manier die Knochen zum Vibrieren bringt. "Feel Like Hom" dürfte Weezer- oder Jimmy-Eat-World-Fans gefallen, "Problems" könnte auch ein Hit-Popsong von Ed Sheeran sein. "Top Of The World" huldigt dann dem Hip Hop, "Suffer Well" dem reinen Metal. Herrlich!

Jimmy Eat World: "Surviving"

Apropos Jimmy Eat World. Auch die Band aus Arizona kam 2019 mit einem neuen Album um die Ecke. "Surviving" ist der kurze, aber prägnante Titel. Und was für Papa Roach gilt, ist erst recht ein Muss für Jimmy Eat World: Das neue und zwölfte Album klingt wie der Erstling "Jimmy Eat World". Die Band liefert abermals gekonnt ihren unverwechselbaren Sound, der vor allem von der Stimme des Sängers Jim Adkins getragen wird - und dem JEW-typischen Gitarrensound. Nicht zu laut, nicht zu brachial, ein bisschen härter als Pop. Aber nicht viel.

Das Lied "Delivery" ist der typischste Jimmy-Eat-World-Song auf "Surviving". Oder doch "All The Way (Stay)"? "Diamond"? Alles klingt eben so typisch nach Jimmy Eat World - und das ist wirklich ein Erfolgsgeheimnis der Band, die mittlerweile seit mehr als einem Vierteljahrhundert Musik macht, Alben abliefert und Konzertsäle rockt. Ja, rockt! So sehr Jimmy Eat World eine Albumband sind, keine Hitsingle-Rockband, so sehr sind die Jungs aus Arizona Livemusiker. Konzerte von ihnen sind ein Muss und ein Erlebnis gleichermaßen. Zu "Surviving" kann man der Band nur gratulieren - passenderweise mit dem Abschlusstrack des neuen Albums: "Congratulations"!  

Blink 182: "Nine"

Gratulieren muss man auch Blink 182. Die Band blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die seit den Anfängen in den frühen 1990er-Jahren mittlerweile rund ein Vierteljahrhundert umfasst. Für die Fans der US-Punkrocker dürften es noch ein paar Jahrzehnte mehr sein: schneller Aufstieg, Millionen Albumverkäufe, Auszeit, Trennung, Wiedervereinigung - und 2019 nun mit "Nine" nach drei Jahren Pause wieder ein Album, das den unverkennbaren Blink-Stempel trägt.

Schnelle, ins Ohr gehende Songs, eine Mischung aus radiotauglichem Pop und rotzig-rockigem Punk: "The First Time", "Happy Days" oder "Ransom" wechseln sich mit einigen ruhigeren Stücken wie "Really Wish I Hated You" oder "Remember" und Hymnen à la "Blame It On My Youth" und "Darkside" ab. Bei den Texten geht es um Trennungen und unglückliche Liebe - also große und typische Songthemen. Wer Blink 182 bisher nicht aus den 1990ern kannte, als sie mit Green Day auf der Punkrockwelle surften - Green Day bringen Anfang 2020 ein neues Album heraus -, kann bei "Nine" bedenkenlos zugreifen und mit guter Laune in Erinnerungen schwelgen. "Nine" ist ein absoluter Stimmungsheber für die dunklen Jahreszeiten.

Starcrawler: "Devour You"

Erinnerungen wecken auch Starcrawler. Allerdings nicht, weil es die US-Band in den 1990ern schon gab, sondern weil ihr Stil an die Grunge-Generation-X-Hochzeit dieser Dekade erinnert. Das zweite Album "Devour You" erscheint daher wie eine Zeitmaschine, ein Jungbrunnen für all jene, die ihre musikalische Frühentwicklung mit Gruppen wie Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam oder Alice in Chains, Temple Of The Dog und den Melvins genossen haben.

Die kratzigen Starcrawler-Gitarren klingen aber auch nach 1970er-Rock. Frontfrau Arrow de Wilde könnte zudem theoretisch als Country-Sängerin Erfolge feiern. All das zusammengenommen kreiert einen Soundteppich, der so irgendwie gar nicht zur hochtechnologischen Gegenwart passen will. Wer auf obige Grunge-Ikonen stand und steht oder auf The Runaways, wird "Devour You" von Starcrawler einen Altar errichten und hoffen, dass es die Band aus Los Angeles noch lange Jahre geben wird. Für das Remake von "Friedhof der Kuscheltiere" steuerten Starcrawler "Pet Sematary" bei. Ganz ganz ganz großes Kino!

Taylor Hawkins And The Coattail Riders: "Get The Money"

Das Aus für Nirvana war die Geburtsstunde der Foo Fighters. Auf deren neues Album müssen die Fans noch etwas warten, aber Drummer Taylor Hawkins kommt dafür mit dem zweiten Longplayer seiner Band Taylor Hawkins And The Coattail Riders um die Ecke, "Get The Money". Wer allerdings nun mit Foo Fighters light rechnet, wird enttäuscht. Stattdessen finden sich sphärische Klänge wie zu Pink Floyds besten Zeiten ebenso auf dem Album wie an Queen erinnernde Songs ("I Really Blew It", "Queen Of The Clowns"). Klar, kommt dann auch mal der Foo-Fighters-Sound durch, etwa bei "Kiss The Ring".

Was "Get The Money" aber auch besonders macht, sind die Gaststars, die sich bei Taylor Hawkins die musikalische Klinke in die Hand geben: Dave Grohl, Duff McKagan, Pat Smear, Paul Rogers. Rock-Herz, was willst du mehr? 

Scott Stapp: "The Space Between The Shadows"

Ein neues Creed-Album vielleicht? Nicht ganz. Aber Creed ohne die markante Stimme von Frontmann Scott Stapp ist genauso unvorstellbar wie Nirvana ohne Kurt Cobain. Und so steckt im neuen Soloalbum "The Space Between Us" eben auch viel Creed - und das ist gut so. Die Fan-Base ist seit "What's THIS Life For" stetig gewachsen und treu. Stapps Solo-Ausflüge verstärken diesen Trend eher noch.

Musikalisch ist Stapp auf seinen Solopfaden breiter aufgestellt als zu Creed-Zeiten. Der Opener "World I Use To Know" und vor allem "Purpose For Pain" stehen dabei für den Creed-Rock. Sie beginnen langsam, um dann an Tempo und Aggressivität zu gewinnen. Aber was Stapp so besonders macht, ist vor allem die Tatsache, dass er auch die ruhigeren Tonlagen perfekt bedienen kann und dabei auch nicht auf Wischiwaschi-Texte zurückgreift. Stapp kehrt stattdessen sein Innerstes nach außen, ist bodenständig und ehrlich. Songs wie "Name" und "Gone To Soon". Bei Letzterem dürfte beim Zuhören die eine oder andere Träne fließen. Kein Witz.

Airbourne: "Boneshaker"

Tiefsinnige Texte? Nicht mit Airbourne. Auf dem neuen Album "Boneshaker" gibt es aber genau das, was der Titel verspricht: Songs, die alle Knochen durchrütteln. Schon der gleichnamige Opener macht das klar. Und Ruhepausen gibt es bei den Australiern nicht. Immer die Gitarren auf Starkstrom und die Stimme auf fistelig. Was dann nach AC/DC klingt, ist Airbourne. Die Jungs um Frontmann Joel O'Keeffe klingen irgendwie immer wie ihre berühmten Vorbilder. Bei Airbourne ist das aber keine Kritik, sondern ein Qualitätssiegel - auch weil sie live eine echte Offenbarung sind.

Wer bisher noch nicht über Airbourne gestolpert ist, sollte einfach die Songs "Boneshaker" und "Switchblade Angel" hören - und schon ist man infiziert, dreht den Sound lauter und lauter und fängt an, mit dem Kopf zu wippen, immer schneller, immer härter. Rock'n'Roll for Life!

Quelle: ntv.de