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Will nicht vergessen werden: Andreas Gabalier.
Will nicht vergessen werden: Andreas Gabalier.(Foto: Sepp Pail / Universal Music)
Freitag, 01. Juni 2018

"Ich glaub an mein Land": Andreas Gabalier trotzt dem Gegenwind

Mit Superlativen kann Andreas Gabalier um sich werfen: Er war der erste Österreicher, der ein MTV Unplugged Konzert spielte, er tritt regelmäßig vor 70.000 Menschen auf, und seine Platin- und Gold-Auszeichnungen kann er schon lange nicht mehr zählen. Unsterblich hat er sich damit jetzt schon gemacht, findet der 33-Jährige selbst. "Vergiss mein nicht" heißt nun passenderweise auch sein sechstes Album, auf dem Gabalier unter anderem auf seine Kindheit zurückblickt. Mit n-tv.de spricht er über Nostalgie, den Tod, Kritik an seiner Person und die politische Lage in Österreich.

n-tv.de: Herr Gabalier, im Juni treten Sie erneut im Münchener Olympiastadion auf. Kickt einen das beim dritten Mal eigentlich noch oder wird es irgendwann langweilig?

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Andreas Gabalier: (lacht) Das sollte auf keinen Fall passieren, dass solche Sensationserlebnisse zur Langeweile werden! Bei mir persönlich ist es jedenfalls nicht so. Der größte Nervenkitzel findet allerdings jetzt schon statt, weil man sich Gedanken macht, wie die Show werden soll, welche Lieder man spielt und was man im Vergleich zum Vorjahr anders machen möchte.

Haben Sie Lampenfieber, wenn Sie vor 70.000 Menschen stehen?

Nein. Von 18 bis 19 Uhr mache ich Sport, danach gehe ich duschen und um 19.15 Uhr bin ich fertig angezogen und trinke zwei kleine Bier mit meinen Freunden. Und dann wird abgeliefert! Bei so großen Konzerten bin ich immer schon ein paar Tage vorher im Stadion, setze mich mit meinen Jausenbroten in die Ränge, schaue beim Aufbau zu und akklimatisiere mich.

Ihr neues Album trägt den Titel "Vergiss mein nicht". Haben Sie das Verlangen, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, nicht vergessen zu werden?

Ich glaube das ist schon erreicht. Ein Stückchen Musikgeschichte habe ich in den letzten Jahren ja bereits schreiben dürfen. Für einen aus Österreich mit Dialekt ist viel passiert: Ich habe in den größten Hallen gespielt, ein MTV Unplugged Konzert aufgenommen … Nach diesem Album läuft mein Vertrag aus, es fühlt sich deshalb ein bisschen an, als hätte ich gerade frisch maturiert. Ich habe noch nie ein Album so gerne aus der Hand gegeben und habe mir bei den Aufnahmen auch noch nie so viel Zeit gelassen. Die Songs sind sehr vielseitig, wir waren in Studios in London, Nashville und Berlin plus bei mir Zuhause in der Steiermark.

Es geht in mehreren Stücken um Ihre Kindheit. Woher die Nostalgie?

Mit "Vergiss mein nicht" hat Gabalier sein mittlerweile sechstes Album auf dem Markt.
Mit "Vergiss mein nicht" hat Gabalier sein mittlerweile sechstes Album auf dem Markt.(Foto: Sepp Pail / Universal Music)

Ich blicke einfach gerne zurück. Das macht mich sicherlich auch aus. Also gar nicht wehmütig, sondern mit einem positiven Lächeln. Auf die Dinge, die ich habe erleben dürfen, und auf meine Kindheit, die wunderschön war. Und anscheinend, das habe ich durch meine Musik gemerkt, geht es auch anderen Menschen so. Da ist schon eine Sehnsucht da in den Leuten nach der Vergangenheit.

Woran denken Sie besonders gerne zurück?

An die Zeit mit meinen Großeltern vielleicht, an die Bauernhof-Geschichten an den Wochenenden und die Ferien auf dem Land. Aber auch bei uns zu Hause war es schön. Wir wohnten am Stadtrand in einer Zweifamilienhaus-Siedlung, im Grünen. Ich hatte eine total gesellige Kindheit. Bis zum Tod meines Vaters mit 22 Jahren war das ein super harmonisches Familienleben, echt bilderbuchmäßig. Daran erinnere ich mich einfach gerne zurück. Ich habe sowohl vom Stadt- als auch vom Landleben die Sonnenseite erleben dürften: die Bildung in der Stadt, dazu der gesellige Umgang auf dem Land bei den Großeltern, Cousins und Cousinen.

War der Umgang damals anders als heute?

Das Leben war damals schon sehr einfach. Den ganzen Luxus hat es natürlich nicht gegeben, man hat sich mit viel weniger zufriedengegeben und es war geselliger als heute. Heute sind alle nur noch mit ihrem Handy beschäftigt. Das ist ein ziemlich großer Menschlichkeitskiller, das muss man schon sagen. Ein Segen ist das nicht. Aber es ist natürlich auch nicht mehr rückgängig zu machen.

Den Suizid Ihres Vaters und Ihrer Schwester haben Sie vor vielen Jahren in Ihrem Lied "Amoi seg ma uns wieder" verarbeitet. Glauben Sie, Sie denken auch deshalb gerne an Ihre Kindheit zurück, weil Ihre Welt damals noch heile war?

Er ist von Natur aus eine Frohnatur.
Er ist von Natur aus eine Frohnatur.(Foto: Sepp Pail / Universal Music)

Nein, es war natürlich auch damals nicht alles heile. Höhen und Tiefen gibt es immer.  Aber ich bin halt so gestrickt, dass wenn ich zurückdenke, ich immer an positive Dinge denke. Letzte Woche war ich wegen einer Kopfverletzung eine Weile zu Hause bei meinem Bauernhaus und habe einfach nur stundenlang dagesessen und in den Sternenhimmel geschaut. Rundherum ist nur Wald, keine Stadt, die reflektiert. Du siehst nur Sterne und hin und wieder mal eine Sternschnuppe. Wenn ich in solchen Momenten an meinen Vater und meine Schwester denke, denke ich automatisch an die schönen Sachen - und nicht an die Tatsache, dass sie nicht mehr da sind. Das ist vielleicht einfach meine Natur, meine Frohnatur.

In "Hinterm Horizont" geht es um den Tod und die Frage, was danach kommt. Was glauben Sie?

Ich glaube an irgendetwas. Ich male mir keine Engel auf weißen Wolken aus, aber ich glaube, dass es irgendetwas gibt. Es ist doch schöner, an irgendetwas zu glauben, als an nichts zu glauben. Man weiß es eh nicht, aber warum soll ich mir vorstellen, dass da nichts ist? Wenn die Menschheit wirklich glauben würde, dass da nix ist, würden wir alle verzweifeln. Die breite Masse glaubt schon an irgendetwas - das kommt spätestens im Alter.

Hätten Sie gerne, dass da oben eine Bühne steht?

Ich weiß gar nicht, ob das unbedingt sein muss. Vielleicht ist es irgendwann mal ein schöner Lebensabschnitt gewesen, auf den man zurückblickt. Mein Leben war davor auch sehr schön. Also ich glaube, ich habe kein Problem, wenn es irgendwann nicht mehr so ist. Dann sage ich einfach Danke für diese Zeit - genauso wie ich dankbar bin für meine ganze Kindheit und Jugend.

Für die Neuverfilmung von "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" haben Sie dieses Jahr das "Lummerlandlied" neu aufgenommen, das nun auch auf Ihrem Album ist. Was verbinden Sie mit dem Film?

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Ich muss sagen, dass ich dazu keinen großen Bezug hatte - die Teenage Mutant Hero Turtles haben mir in den Neunzigern mehr bedeutet. Aber ich kannte Jim Knopf natürlich und ich finde es schön, dass die Geschichte durch den Kinofilm nun wiederbelebt wird. Wir haben uns für den Song viel Zeit genommen, und als er dann fertig war, konnte ich mich da schon reinträumen. Ich finde, der Song versprüht so ein Märchenflair - deswegen wollte ich ihn auch gerne auf dem Album haben.

In "Kleine steile heile Welt" geht es derweil um Ihre Heimat Österreich. "Ich glaub an mein Land", heißt es in dem Stück. Was wollen Sie damit sagen?

Na ja, es gibt viele Leute, die sich damit nicht mehr identifizieren können oder wollen, die sich für vieles schämen und sagen, dies und das ist verrucht oder nicht mehr zeitgemäß. Politisch sind zwei Lager entstanden. Inzwischen hat sich das wieder etwas beruhigt, aber um unsere Bundespräsidentenwahl vor gut einem Jahr wurden diese beiden Seiten medial echt wild gegeneinander aufgehetzt. Überall ist es nur noch um Politik gegangen. Zwischen Leuten, die eigentlich gut miteinander konnten, war das auf einmal ein riesiger Streitpunkt. Ich frage mich: wozu, für was?

Aber dass die FPÖ auf einmal in der Regierung sitzt, ist ja schon besorgniserregend - und spiegelt wider, was die Leute denken…

Klar, aber ich sehe das draußen im Land gar nicht so drastisch, wie es medial dargestellt wird. Das ist wie in Amerika: Man hört die negativsten Geschichten und vieles ist aus unserem Blickwinkel auch nicht nachvollziehbar - aber wenn du dann in Amerika bist und mit Musikern sprichst, die ja wirklich absolut linkes Lager sind, sehen die das überhaupt nicht so. Als ich für meine Albumaufnahmen drüben war, wurde ich gefragt, wie man Trump im Ausland darstellt. Die haben sich eher darüber gefreut, dass sie jetzt Steuern sparen. Ich bin kein Politik-Experte und will da gar nicht zu viel zu sagen, aber was ich mit "Ich glaube an mein Land" sagen will: In Summe herrscht bei uns eine große Lebensqualität und Lebensfreude im Volk, doch wenn Wahlen sind, bringen die Medien es echt zustande, dass die Leute anfangen, sich zu spalten. Das finde ich bedenklich.

Sie wurden vor einigen Jahren selbst in die rechte Ecke gedrängt. Befeuert ein Lied wie "Kleine steile heile Welt" das nicht?

Den Begriff "Volks-Rock'n'Roll" hat er sich eintragen, schützen und tätowieren lassen.
Den Begriff "Volks-Rock'n'Roll" hat er sich eintragen, schützen und tätowieren lassen.(Foto: Sepp Pail / Universal Music)

Sollen sie machen, was sie wollen. Da stehe ich mittlerweile echt drüber. Wissen Sie, wenn man den Erfolg hat, hat man immer auch Gegenwind. Ich habe darüber lange mit Arnold Schwarzenegger geredet, ein lieber Bekannter. Er meinte nur: Vergiss es, geh deinen Weg. Schau, was für Begeisterung du hast. Hör nicht auf die Neinsager. Regel Nummer vier von seinen sechs Regeln zum Erfolg.

Hat er Ihnen die alle mit an die Hand gegeben?

Das sind ja bekannte Motivationsregeln im Internet, auf Youtube. Man muss das, was man macht, gerne machen. Man muss dazu stehen können und das verkörpern. Und man muss dabei authentisch sein. Man muss einfach irgendwann lernen, den Gegenwind liegen zu lassen.

Heimatgefühl und Trachten spielen bei Ihnen eine große Rolle.

Na logo, und das ist von vielen Seiten zu Unrecht beschmutzt worden. Das lasse ich nicht zu. Selbst wenn wir in Hamburg oder Berlin spielen, kommen 30.000 oder 40.000 Leute in Dirndln - ich weiß gar nicht, wo man die in Hamburg kaufen kann. Aber das ist so ein positives Flair, so ein Miteinander. Alle machen sich fesch, putzen sich heraus - nicht so schluderig wie die ganzen Hipster, die durch die Gassen laufen. Das ist ein Stück Tradition von uns, das uns einfach ausmacht - das lasse ich einfach nicht beschmutzen, Punkt.

Was ich eigentlich fragen wollte: Warum sehnen sich die Menschen plötzlich danach?

Weiß ich nicht. Es gibt sicherlich große Politikexperten, die sie immer in die ganzen Talkshows und Nachrichtensendungen einladen, die das analysieren könnten, aber da bin ich jetzt der Falsche.

Stimmt es, dass Sie sich den Begriff Volks-Rock'n'Roll sogar als Marke haben sichern lassen?

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Eingetragene, geschützte und tätowierte Marke! Ich bin ja nicht nur Sänger, ich bin eigentlich Wirtschaftstreibender. Da steckt mittlerweile ein Imperium dahinter, da wird viel Geld umgesetzt, auch indirekt in der Trachtenindustrie und so weiter. Volks-Rock'n'Roll ist ein Lebensgefühl, damit wird viel Geld gemacht und das muss man schützen.

Muss man als Musiker heute zum Marketingexperten werden?

Muss man nicht. Viele Kollegen sind wirklich absolute Künstler. Ich habe vier Semester Marketing studiert, da habe ich natürlich einiges mitgenommen und in diesen musikalischen Erfolg einfließen lassen. Das ist nicht alles nur Kunst. Da steckt auch sehr viel Wirtschaft dahinter. Wir spielen in Stadien, da geht es um 500.000 bis 700.000 Besucher jedes Jahr. Merchandise-Produktion, Werbeverträge und so weiter.

Für Ihr letztes Album haben Sie an einem Abend 23 Gold- und Platinauszeichnungen bekommen. Haben Sie für die Dinger noch Platz zu Hause?

Ich habe zu Hause keine einzige mehr hängen. Ich kann mein Gesicht nicht jeden Tag sehen, wenn ich heimkomme.

Zu viel des Guten?

Ja, ich bin ja den ganzen Tag mit Musik beschäftigt. Wenn ich heimkomme, ist es auch mal ganz schön, ein paar andere Bilder an der Wand zu sehen. Die Auszeichnungen hängen jetzt alle in meinem Studio.

Was haben Sie überhaupt noch für Ziele?

Arnold Schwarzenegger hat gesagt: Stillstand ist der Tod. Es ist ja schon viel mehr passiert als gedacht, aber ich habe das Ganze auch sehr konsequent verfolgt. Ohne Arbeit wäre da gar nix passiert. Und dieses Jahr ist das arbeitsreichste von allen, mit meinem neuen Album, den Stadien im Sommer und den Vorbereitungen auf die Tour nächstes Jahr. Es war noch nie so turbulent wie im nächsten Jahr. Also dran bleiben.

Was ist der größte Lohn?

Die Begeisterung in den Leuten. Du siehst, wie sie sich freuen, wie sie emotional werden - durch deine eigenen Lebensgeschichten. Wenn wir bei mir daheim spielen, schlafen 70.000 Leute auf meiner Wiese. Die kommen aus Hannover, Leipzig, Belgien. Und sie müssen alle mindestens vier Tage bleiben, weil kein Wirt ein Zimmer für weniger als vier Nächte hergibt. Die wandern dann das ganze verlängerte Wochenende glückselig durch die Berge, gehen an den Badesee, fahren mit der Gondel auf den Berg, schauen sich den Gletscher an, kaufen die Trachtengeschäfte leer und belagern von früh bis spät die Wirtshäuser. Das ist einfach toll.

Mit Andreas Gabalier sprach Nadine Wenzlick

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Quelle: n-tv.de