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Raus aus Robbies Schatten Gary Barlow singt wieder solo

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Dieser Mann ist vollkommen mit sich im Reinen.

Seit der Wiedervereinigung seiner Band Take That ist Songwriter Gary Barlow erfolgreicher denn je: Mit Take That spielt er in ausverkauften Stadien, er trat in der Jury der Castingshow "X-Factor" die Nachfolge von Simon Cowell an und bekam von der Queen höchstpersönlich den "Order Of The British Empire". Doch eine Sache saß wie ein tiefer Stachel unter seiner Haut: Sein letztes Soloalbum Ende der Neunziger war ein Flop, Barlow wurde im Schatten der Karriere von Robbie Williams zum Spott der Nation. Gut 14 Jahre später will der 43-Jährige jene Erinnerungen mit seinem neuen Album "Since I Saw You Last" vergessen machen. In Berlin trafen wir Barlow zum Interview.

Herr Barlow, "Since I Saw You Last" ist Ihr erstes Soloalbum seit 14 Jahren. Damals sah Ihre Welt etwas anders aus als heute: Sie haben Ihren Plattenvertrag verloren und sich für mehrere Jahre komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Barlow: Allerdings, damals war ich in einer etwas anderen Situation. Ich habe sieben Jahre überhaupt nicht mehr gesungen und stand zehn Jahre nicht auf der Bühne! Das muss man sich mal vorstellen.

Im Titelstück Ihres Albums singen Sie die Zeile "I've accpeted I won't be in fashion". Haben Sie damals wirklich gedacht, das war's?

Barlow: Das habe ich. Während der ersten fünf Jahre schien es undenkbar, meine Karriere noch mal zurückbekommen. Ein komisches Gefühl! Ich habe mit neun Jahren angefangen, Musik zu machen und lange dafür gearbeitet, erfolgreich zu sein. Und mit 25 war alles zu Ende. Alles verloren zu haben, hat zwar dazu geführt, dass ich die Dinge jetzt viel mehr zu schätzen weiß, doch von der ganzen Welt verspottet zu werden war nicht einfach. Aber genau deswegen wollte ich dieses Album machen. Ich habe so viele schlechte Erinnerungen an jene Zeit, ich wollte sie mit diesem Album alle einpacken, damit ich das für immer beiseitelegen kann.

Hatten Sie keine Angst, die Vergangenheit könne sich wiederholen, als Sie Ihr neues Album schrieben?

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Mutti freut sich sehr über seinen Orden.

Barlow: Ich hatte damit gerechnet, Angst zu haben, aber ich hatte keine. All die Probleme und Dämonen, die ich erwartet hatte, blieben fern. Es hat sogar unheimlichen Spaß gemacht, diese Platte aufzunehmen. Ich muss aber auch sagen, dass die letzten Jahre für mich karrieretechnisch wirklich unglaublich waren. Es ist, als hätte ich gerade einen Lauf. Ich warte im Grunde nur darauf, dass etwas Schlechtes passiert (lacht). Aber im Moment fühlt sich alles super an. Deswegen war es auch der richtige Zeitpunkt, um mein neues Album zu machen. Wenn ich nicht so selbstbewusst gewesen wäre, hätte ich es nicht versucht. Ich habe jahrelang darauf gewartet, dass ich mich dieser Herausforderung stellen kann.

In England sind Sie mittlerweile so etwas wie ein Nationalheld. Letztes Jahr hat die Queen höchstpersönlich Ihnen den Verdienstorden "Order Of The British Empire" verliehen.

Barlow: Oh, darüber hat meine Mutter hat sich sehr gefreut! Sie ist mitgekommen, als ich den Orden bekommen habe.

Durfte sie der Queen die Hand schütteln?
Barlow: Nein, das dürfen nur die Leute, die ausgezeichnet werden. Aber wir hatten einen wunderbaren Tag. Morgens haben wir uns bei mir getroffen und alle in Schale geworfen, dann sind wir zum Buckingham Palace gefahren, ich habe den Award bekommen und danach sind wir sofort ins Flugzeug gestiegen und ich habe ein Konzert in Edinburgh gespielt. Wenn man als Musiker solche Awards bekommt, ist ja immer die Frage, ob man das an die große Glocke hängt, aber es war ein tolles Gefühl, dem Publikum davon zu erzählen.

Was ist denn an dem Gerücht dran, dass Sie bald auch den Titel "Sir" bekommen?

Barlow: Ach, dafür bin ich doch viel zu jung!

Aber Sie hätten Ihn gerne?

Barlow: Wer würde so etwas schon ablehnen? Es ist aber nicht so, dass ich jeden Morgen beim Aufwachen darüber nachdenke.

In England sind Sie bekannt für Ihr wohltätiges Engagement. Zuletzt haben Sie die britische Militärbasis Camp Bastion in Afghanistan besucht. Was will ein Popstar in Afghanistan?

Barlow: Ich hatte schon öfter mitbekommen, dass Comedians Truppen besucht haben. Ich hatte allerdings noch nie von einem Musiker gehört, der so etwas gemacht hat. Also bin ich mit der Idee zu dem Sender ITV gegangen. Anschließend habe ich zwei Jahre daran gearbeitet, das zu organisieren. Hatten Sie schon mal mit dem britischen Militär zu tun?

Bisher nicht.

Barlow: Es gibt für alles mögliche Regeln und wir mussten ewig verhandeln, um unser Equipment und eine Band ins Land zu bekommen. Am Ende habe ich deshalb beschlossen, nur einen Kameramann, einen Soundmann und einen musikalischen Direktor mitzubringen und die Band im Camp selbst zusammenzustellen. Ich war also der Erste, der die Soldaten mit einbezogen und auf die Bühne geholt hat. Für sie war das eine tolle Abwechslung, denn ihre Tage sind mehr oder weniger gleich.

Und was haben Sie persönlich aus Afghanistan mitgenommen?

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Lange nicht gehört und doch wiedererkannt: Gary Barlow.

Barlow: Wie gut es uns geht. Und wie glücklich wir uns schätzen können, dass es Leute gibt, die dazu bereit sind, ihr Leben für uns zu riskieren und von ihren Familien getrennt zu sein. Es war eine Erfahrung, die mich sehr demütig gemacht hat.

Nun gibt es auf Ihrem Album passenderweise einen Song, in dem es um Helden geht, und zwar "Face To Face", ein Duett mit Elton John. Wer ist Ihr Held?

Barlow: Elton John ist seit Jahren mein Held. Das Absurde ist: Wir sind zwar seit 20 Jahren Freunde, haben aber nie ein Duett gemacht. Als ich dann mit der Arbeit an diesem Album begann, habe ich gedacht: Jetzt ist es an der Zeit, ihn zu fragen.

Was macht Elton John so heldenhaft?

Barlow: Wenn es da draußen irgendwelche jungen Künstler gibt, die nach einem Vorbild in der Musikbranche suchen, dann kann ich nur Elton John nennen. Er ist professionell, er arbeitet hart, er kümmert sich um die Leute. Er ist einfach ein toller Mentor. Davon abgesehen war er immer wunderbar zu mir. Selbst während der Jahre, als alle mich fallen ließen, lud er mich zu Duetten auf seinem Album ein. Ich kann die Leute an einer Hand abzählen, die damals zu mir standen, und er war einer von ihnen. Das rechne ich ihm hoch an.

Neben Elton John widmen Sie auch Ihrer Familie einen Song: "This House" klingt, als seien die Barlows eine äußerst liebenswürdige Familie.

Barlow: Das sind sie auch!

Kein Stress, kein Streit?

Barlow: Wir haben unsere Momente. Aber ich habe eine tolle Frau, drei tolle Kinder. Sie werden viel zu schnell groß, aber so ist es eben.

Zeigen Ihre Kinder schon musikalische Anwandlungen?

Barlow: Meine beiden Töchter stehen total auf Musik. Mein Sohn hingegen hat kein Interesse mehr. Wenn ich ihn frage, ob er zu einem meiner Konzerte kommen möchte, fragt er jedes Mal, wie lange es dauert und ob er sein iPhone mitbringen darf. Ihn haben wir also verloren (lacht). Er findet die Idee, was sein Papa da macht, ziemlich uncool. Aber so sind sie eben, die Kinder. Ich glaube, das bedeutet, dass er normal ist.

Herrje, Sie sind aber auch entspannt und ausgeglichen. Sind Sie immer so?

Barlow: Das bin ich. Ich werde nicht panisch oder schreie herum und ich streite nicht gerne. Früher habe ich mir ständig Sorgen gemacht. Genau deshalb bin ich heute so entspannt. In den Neunzigern war ich nämlich der, der bei unseren Konzerten permanent besorgt war, ob der Sound gut ist, ob das Publikum Spaß hat und es allen gut geht. Bei unserer Wiedervereinigung habe ich mir fest vorgenommen, das Ganze einfach zu genießen. Wir dachten ja anfangs, das wäre ein kurzes Gastspiel, eine Tour vielleicht. Ich wollte mir einfach keine Sorgen machen und irgendwie ist das so geblieben.

Gibt es trotzdem etwas, das Sie auf die Palme bringt?

Barlow: Ich bin ein ziemlich pünktlicher Mensch, also wenn andere zu spät kommen und ich warten muss, das mag ich überhaupt nicht. Aber ansonsten bin ich wirklich ziemlich entspannt. Es ist doch Quatsch, sich permanent Sorgen zu machen. In gewissen Momenten muss man einfach innehalten und die Dinge ruhig klären. Früher hätte ich zwei Wochen gebraucht oder ich hätte erst mal versagen müssen, um auf den richtigen Weg zu erkennen, aber mittlerweile bin ich echt gut darin, Probleme schnell und effizient zu lösen.

Genießen Sie das Älterwerden?

Barlow: Das tue ich, vor allem in den letzten Jahren habe ich es sehr genossen. Es ist toll, all diese Erfahrungen gemacht zu haben und dadurch zu wissen, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist. Die 40er sind eine gute Dekade für einen Mann. Man ist schon weit gekommen, aber man hat auch eine Menge vor sich und das Ende naht noch lange nicht.

Trotzdem singen Sie auf Ihrem Album schon Ihr "Requiem". Was soll die Nachwelt von Ihnen in Erinnerung behalten?

Barlow: Mein Vater ist vor drei Jahren verstorben. Das war für mich ein großer Einschnitt. Mir wurde klar, dass wir zwar unser ganzes Leben lang all diesen Kram ansammeln, am Ende aber nichts mitnehmen. Doch dafür hat mein Vater etwas zurückgelassen, und zwar mich und meinen Bruder. Und unsere Kinder. Dafür sind wir doch hier, um weiterzugeben, was wir gelernt und erlebt haben. Es geht nicht nur darum, einen Song zu schreiben. Ich will meine Botschaft weitergeben. Und ich merke, dass ich die Werte meines Vaters weitertrage. Ich bin ihm sehr ähnlich, er war ebenfalls ein gelassener Mensch. Ich hoffe, dass ich sein Wesen auch an meine Kinder weitergebe.

Den Song haben Sie zusammen mit Robbie Williams geschrieben. Noch in diesem Jahr wird es auch ein neues Take-That-Album geben. Welche Rolle wird Robbie Williams darauf spielen?

Barlow: Das ist die große Frage, nicht wahr? (lächelt) Ich denke es wird einen Song mit ihm geben. Wir sind wieder eine Familie. Er hat einen Song für mein Album geschrieben, ich habe einen für seins geschrieben – und irgendwie wird er auf dem nächsten Take That Album zu hören sein, definitiv.

Mit Gary Barlow sprach Nadine Lischick

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Quelle: n-tv.de

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