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Mit Grusel-Image zum Erfolg: Ghost.
Mit Grusel-Image zum Erfolg: Ghost.(Foto: Mikael Eriksson)
Dienstag, 12. Juni 2018

Tobias Forge, perfekter Rebell: Ghost lassen die Masken fallen

Von Nadine Wenzlick

Mit ihren Masken und den an eine Messe erinnernden Konzerten sind Ghost lange ein Metal-Mysterium. Doch mittlerweile ist raus: Angeführt wird die Band von Tobias Forge. Mit n-tv.de spricht er offen über seine Kindheit, Satan und Vergänglichkeit.

Da sitzt er nun also, Tobias Forge, Mastermind der schwedischen Okkult-Rock-Band Ghost, und stellt sich den Fragen seiner Fans. Zur Feier der Veröffentlichung ihres vierten Albums "Prequelle" sollten Ghost in dem hippen Berliner Club Prince Charles eigentlich ein Akustikset spielen. Doch der Koffer von Forge ist verloren gegangen - und damit auch sein Bühnenkostüm. Stattdessen gibt es nun eine Fragerunde.

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Forge trägt eine schwarze Jeans, ein weißes Shirt, eine graue Jacke - und keine Maske. Vor eineinhalb Jahren wäre diese Situation undenkbar gewesen. Seit Gründung der Band im Jahr 2006 hat Forge nämlich alles dafür getan, um anonym zu bleiben. Bei Auftritten versteckte sich die Grammy-dekorierte Gruppe stets hinter Masken: Ihr Sänger Papa Emeritus sah aus wie ein satanischer Papst, alle anderen waren als "namenlose Guhle" verkleidet. Auch Interviews gaben Ghost nur inkognito.

Zwar gab es Gerüchte, dass Forge Kopf und Songschreiber der Band sei, doch offiziell wusste man nichts - bis vier ehemalige Mitglieder Forge Anfang 2017 auf Tantiemen verklagten. "Natürlich war das keine schöne Geschichte", erzählt Forge kurz vor der Fragerunde im Interview. "Aber gleichzeitig war es ein reinigender Prozess, wie ihn viele Leute an irgendeinem Punkt in ihrem Leben durchmachen, sei es in Form einer Scheidung oder eines Umzugs. Rückblickend war die Preisgabe meiner Identität deshalb eher befreiend. Mein Leben ist seitdem leichter geworden."

Zurück in die Kindheit

Dass man nun weiß, wer sich hinter der Maske verbirgt, sorgt auch dafür, dass Forge erstmals wirklich offen über die Geschichte der Band aus Linköping sprechen kann. Alles begann im Jahr 2006, als Forge den später auf dem Ghost-Debüt veröffentlichten Song "Stand By Him" schrieb. Mit dem satanischen Text und dem düsteren Sound passte er nicht zu Forges Milchbubi-Look. Außerdem hatte er, inspiriert von seinem 13 Jahre älteren Bruder, schon immer eine Leidenschaft für theatralischen Rock von Künstlern wie Kiss und Alice Cooper. So kam er auf die Idee mit den Masken.

Tobias Forge ließ sich unter anderem von Kiss und Alice Cooper inspirieren.
Tobias Forge ließ sich unter anderem von Kiss und Alice Cooper inspirieren.(Foto: Mikael Eriksson)

"Ghost ist für mich eine Art Freifahrtschein, zu meiner Kindheit zurückkehren zu können. Denn im Grunde mache ich nichts anderes als mit fünf Jahren. Damals verkleidete ich mich wie Nikki Sixx, Mick Jagger oder Kiss und tat so, als sei ich Rockstar", erzählt er. Videos, das Artwork, die Kostüme und die Konzerte, die einer Messe gleichen - alles ist bei Ghost bis ins kleinste Detail durchdacht. "Ich selbst bin einfach nicht so interessant", so Forge. "Deswegen musste ich mir eine Geschichte ausdenken, die spannender ist als meine eigene."

Auch der Hang zur religiösen Symbolik, mit der Ghost gerade in Amerika anfangs zum Teil für Missverständnisse sorgten, kommt bei Forge nicht von ungefähr. Schon in jungen Jahren kritzelte er umgedrehte Kreuze in seine Schulbücher. "In der ersten und zweiten Klasse hatte ich eine Lehrerin, die sehr streng und devot war, sehr christlich", erzählt er. "Ich bin mir sicher: Wäre es nicht illegal gewesen, hätte sie uns geschlagen. Ich habe sie gehasst - und damit auch alles, wofür sie stand. Sie hat die Tür geöffnet, durch die Satan in mein Leben treten konnte. Er war einfach der perfekte Rebell." Davon abgesehen findet Forge aber auch einfach, dass die religiöse Symbolik "cool aussieht".

Headliner in Wacken

Ghost sind übrigens schon Forges sechste Band. Als er sie gründete, arbeitete er im Call Center eines Mobilfunkanbieters und war gerade Vater von Zwillingen geworden. "Ich war damals sehr verwurzelt in meinem alltäglichen Leben. Natürlich mochte ich es auch: Meine Kinder waren absolute Wunschkinder. Aber vom beruflichen Standpunkt her war ich absolut unzufrieden", sagt der 37-Jährige. "Ich hatte so viele Jahre mit Träumen verbracht, mich von Job zu Job gehangelt. Jenseits der Musik hatte ich nie einen Plan B. Ich habe keine Ausbildung und auch kein Interesse, irgendetwas anderes zu machen. Dass ich auf einmal für meine Frau und meine Kinder sorgen musste, gab mir die nötige Energie, die ich für Ghost brauchte - wenngleich ich nie gedacht hätte, dass Ghost einmal so groß werden würde."

Würden Sie ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen?
Würden Sie ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen?(Foto: Amanda Demme)

Kurz nachdem Forge im Netz die ersten Songs hochgeladen hatte, kontaktierten ihn mehrere Plattenfirmen. Sowohl mit dem Debütalbum "Opus Eponymous" als auch dem Nachfolger "Infestissumam" sorgte die Band in der Metal-Szene für Aufsehen. Für den Song "Cirice" aus ihrem dritten Album "Meliora" wurden Ghost 2016 schließlich sogar mit dem Grammy ausgezeichnet.

Diesen Sommer gehören sie zu den Headlinern des Wacken Festivals und im Dezember spielen sie in Amerika zwei Shows vor je 20.000 Zuschauern. Kein Wunder - mit "Prequelle" hat Forge seinen theatralischen Rock perfektioniert. Schwere Gitarrenriffs kombiniert er mit großen Melodien. "Dance Macabre" und "See The Light" gehören sicherlich zu den eingängigsten Songs, die er je komponiert hat. Sogar ein völlig wahnsinniges Saxophon-Solo ist auf der Platte zu finden. Alles in allem ist "Prequelle" damit schon jetzt eins der besten Rock-Alben des Jahres.

Cardinal Copia übernimmt das Zepter

Wie bei den vorigen Ghost-Werken bekommt die Band auch mit diesem Album eine neue Ästhetik: Nach Papa Emeritus I, II und III, die allesamt eine Art Totenkopf-Make-up trugen, wird die Gruppe nun von dem mittelalterlich anmutenden Cardinal Copia angeführt. "Einfach den nächsten Papa vorzustellen, wäre wahnsinnig langweilig und repetitiv gewesen", weiß Forge. "Die Idee, das Zepter an Cardinal Copia zu übergeben, hatte ich schon vor einigen Jahren. Die drei Papas hatten alle von Anfang an die Macht inne. Ich fand es spannend, die Geschichte von jemandem zu erzählen, der sich diese Macht erst erarbeiten muss. Wenn Cardinal Copia sich bewährt, wird er vielleicht auch zum Papa. Diese Geschichte vom Meister und Lehrling passt auch zum Thema des Albums."

Das Album "Prequelle ist seit Kurzem erhältlich.
Das Album "Prequelle ist seit Kurzem erhältlich.(Foto: Concord Loma Vista)

Auf "Prequelle" geht es um Sterblichkeit, den Tod und die Pest. Rund die Hälfte der europäischen Bevölkerung kam in den 1340er Jahren durch den schwarzen Tod ums Leben. "Das Thema hat mich schon immer fasziniert und wurde im Underground-Metal oft aufgegriffen", so Forge. "Es ist ein gutes Beispiel für eine Welt, die sich von Vernichtung bedroht fühlt." So wie aktuell? "Genau. Man findet in den Texten viele Bezüge zu heute", so Forge. "Wir leben in einer prä-apokalyptischen Welt. Alle benehmen sich, als würde die Welt enden. Dabei sah es schon oft so aus. Den Kalten Krieg gab es auch schon mal. Es ist wichtig sich klarzumachen, dass die Welt in Zyklen verläuft. Für einige Menschen mag eine gewisse Situation wie das Ende der Welt wirken - zum Beispiel 1945 in Berlin. Aber schau dich heute um. Überall Hipster. Die Welt dreht sich weiter."

"Ich will eine große Büste"

Passend dazu sinniert Forge in "Life Eternal", dem letzten Song des Albums, über das unendliche Leben. Wenn man es ihm anbieten würde, würde er zugreifen? "Im Grunde versuche ich, meine Sterblichkeit ja schon zu überlisten, indem ich mit meiner Musik etwas hinterlasse, von dem ich hoffe, dass es für immer bleibt", sagt er. "Davon abgesehen: Schwer zu sagen! Wenn alles gutgeht, ist ja noch nicht mal die Hälfte meines Lebens rum. Ich kenne Menschen, für die es völlig okay war, mit 90 zu sterben. Wenn man gerade aufgestanden ist und seinen Kaffee getrunken hat, will man das Leben in sich aufsaugen - aber wenn es drei Uhr nachts ist und man den ganzen Tag auf den Beinen war, möchte man schlafen. Was um zehn Uhr morgens wichtig war, ist auf einmal egal. Wenn der Körper einem also sagt, dass es Zeit ist, einzuschlafen, vielleicht ist es dann okay? Meine Musik soll aber natürlich weiter gehört werden."

Forge lacht. "Und ich will eine große Büste! Die kaufe ich schon, bevor ich sterbe. Ich will einen Grabstein mit Büste, mit langen Haaren und Bart. So dass ich aussehe wie ein Eroberer. Auf schwedischen Friedhöfen gibt es kaum Mausoleen. Das wäre sehr schlechter Stil - also perfekt!"

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Quelle: n-tv.de