Unterhaltung
James Bay - hatte genug vom seinem alten Style und ist sich dennoch treu geblieben.
James Bay - hatte genug vom seinem alten Style und ist sich dennoch treu geblieben.
Samstag, 02. Juni 2018

"Bin schlecht im Chillen": James Bay schaltet die Lampen an

James Bay hat sein zweites Album "Electric Light" herausgebracht. Er hat sich nicht nur optisch geändert, sondern auch musikalisch, und er sagt selbst: "Dieses neue Album markiert eine echte Weiterentwicklung, was das künstlerische Spektrum und den Sound angeht. Meine Vision war eine 100-Watt-Birne, die sich aufbläht und immer heller wird. So kam mir auch der Titel 'Electric Light' in den Sinn, der einfach perfekt dazu passt." Aufgebläht ist an dem schlanken 27-Jährigen mit der Elvis-Tolle nichts, auch die Attitüde ist herrlich geerdet. Und das trotz des großes Erfolges seines ersten Albums "The Chaos and the Calm", für das er 2016 mit dem Brit Award ausgezeichnet wurde. Mit seinen Buddys Jon Green und Paul Epworth (Adele, Paul McCartney, Coldplay, Lorde) arbeitete er an seiner neuen musikalischen Richtung - und siehe da: Es ward Licht. Etwas völlig Neues ist entstanden, denn auf keinen Fall wollte er sich selbst kopieren. Seine neuen Songs erscheinen kraftvoller, unterschiedlicher, und ob es den Fans das gefällt oder nicht, wird sich herausstellen. Auf jeden Fall kann Bay auch anders. Er ist kratziger geworden, und auch wenn es an der einen oder anderen Stelle noch immer ganz gemächlich zugeht auf "Electric Light" - Bay kann inzwischen auch Stadion. Mit n-tv.de hat er darüber gesprochen, dass es ihm dennoch nicht gerade zugefallen ist, dieses neue Image, sondern auch eine Menge Arbeit bedeutet.

n-tv.de: Du weißt schon, was es heißt, wenn man seinen Look total umstellt, oder? Haare ab, Hut weg, Glitzer- statt Karohemd?

James Bay: Bei Frauen bedeutet das meist, dass sie gerade ihren Typen verlassen haben …

… oder verlassen wurden, …

… und dass eine neue Lebensphase beginnen soll, für alle sichtbar? Ja, aber bei mir bedeutet das, dass es auch eine Phase sein kann, in der man - egal, ob Mann oder Frau - einfach ganz selbstbestimmt etwas plant und auch durchführt. Das trifft jetzt für mich zu. Ich hatte lange einen Hut und lange Haare und alles hat gut geklappt, vor allem wenn man sich mal wirklich bewusst macht, dass ich mit diesem Look und 12 Songs im Gepäck für drei, vier Jahre getourt bin (lacht). Aber dann musste  doch mal etwas Neues her! Vor allem mehr Songs!

Es musste was Neues her!
Es musste was Neues her!

Du wolltest einfach eine Veränderung?

Ja, das war eine ganz natürliche Entwicklung, denke ich. Ich fing zwischendurch an, immer wieder Musik zu schreiben und zu machen und ich habe mich da von vollkommen anderen Dingen inspirieren lassen als auf meinem ersten Album.

Es hat doch aber alles so gut funktioniert …

Da hast du recht und deswegen sind die Leute jetzt auch so überrascht, glaube ich. Sie haben meine Musik geliebt, warum sollte ich sie jetzt also ändern? Es ist eine Umstellung, alle haben gesagt, das ist doch der Typ mit den langen Haaren und dem Hut. Aber für mich war es Zeit, mich zu verändern. Ich trug ja fast schon so etwas wie eine Uniform.

Das erste Mal Haare waschen mit kurzen Haaren - das fühlt sich doch total merkwürdig an, oder?

Oh ja (lacht), als hätte man einen kleineren Kopf.

Die Musik hat sich ganz schön verändert …

Richtig. Ich bin immer noch derselbe, aber ich bin eben auch ein kreativer Mensch, und da muss man einfach weitergehen, vorankommen. Man würde ja auch als Maler nicht jeden Tag dasselbe malen. Obwohl das ein interessantes Experiment wäre (lacht).

Hast du dir das alles, was du jetzt machst, so ausgesucht, oder meinst du, die Dinge suchen dich? Ein bisschen esoterisch, sorry …

Oh nein, interessante Frage! Aber ganz ehrlich: Ich suche mir das natürlich aus (lacht)! Wenn ich gerade dabei bin, Songs zu schreiben, dann habe ich öfter das Gefühl, dass da einfach etwas mit mir durchgeht, das käme dem vielleicht nahe, dass ich ausgesucht werde. Zuerst muss ich mich natürlich darauf einlassen, dass ich jetzt was texten will, aber dann fällt plötzlich etwas vom Himmel.

Das ist ja sehr romantisch …

Absolut. Aber es sieht nur von außen so aus, es ist echt harte Arbeit, dranzubleiben und sich zu konzentrieren.

Die ersten Songs, die du ausgekoppelt hast, klingen alle sehr unterschiedlich.

Ja, das sind drei wirklich verschiedene Sounds, aber ich liebe diese Songs alle gleichermaßen! Sie sind stellvertretend für das ganze Album. Und ich war froh, dass ich in der Lage dazu war, so unterschiedliche Song zu produzieren.

Was sagen deine Fans zu dem "neuen" James Bay?

Die Beziehung zu meinen Fans ist echt tief und stark, da mache ich mir keine Sorgen. Bei jeder Beziehung gibt es aber auch mal Krisen, oder sagen wir mal: Herausforderungen. Da muss man sich aneinander reiben und feststellen, ob man noch zueinander passt. Und dann ist es wie im richtigen Leben: Man gewinnt neue Freunde dazu, man verliert alte, die meisten bleiben einem erhalten. Mich interessieren die, die ich "verloren" habe, aber weiterhin. Denn vielleicht gewinne ich sie mit meinem nächsten Album ja zurück. Das macht mich stärker, und ich kann mich ausprobieren. Ich bin jetzt ganz stolz auf mich (lacht).

"Sun light" geht auch ...
"Sun light" geht auch ...

Du hast gesagt, du bist drei Jahre mit denselben 12 Songs getourt und das hat prima geklappt - verspürst du jetzt Druck?

Ja, schon, aber ich finde Druck gar nicht so schlecht, das bringt mich vorwärts. Aber da ich bei meinem ersten Album so überhaupt keine Erwartungen zu erfüllen hatte und ich selbst übrigens auch keine großen Erwartungen gehegt habe, bin ich jetzt relativ entspannt. Ich kann die alten Songs ja außerdem auf jedem Konzert wieder spielen (lacht).

Das ist eine entspannte Einstellung.

Wenn ich Fußball mit meinen Freunden spiele, finde ich es auch immer langweilig, wenn einer 5:0 führt. Ich finde es spannender, wenn es bis zum Ende fast Gleichstand gibt.  

Hast du dir diese entspannte Art auch in deiner Zeit als Straßenmusiker zu eigen gemacht?

Vielleicht. In der Situation ist es ja immer die Frage das Spannendste: Wo stelle ich mich hin? Wann bleibe ich genau hier stehen und hole die Gitarre raus und spiele? Und werden mir Leute zuhören? Oder werden sie denken: Kann der bitte aufhören? Werden sie mich angucken? Werden sie mir Geld geben?

Wo hast du gespielt?

Nicht in meiner Heimatstadt Hitchin (lacht), da hätte mich ja jeder erkannt. Aber dieses Musizieren auf der Straße hat mich total gereizt, ich wollte das unbedingt machen, um sagen zu können, dass ich es geschafft habe. Ich habe da eine Menge Selbstvertrauen erlangt.  

Das ist intensiv, oder?

Ja, weil man dort den direktesten Blickkontakt mit Leuten hat. Man sieht schon von Weitem, wer da auf einen zukommt, wer eventuell stehen bleibt. Wem es gefällt … Einer hat zu mir gesagt. "Du wirst es zu etwas bringen", und das wollte ich auch glauben (lacht).

Hat ja geklappt. Aber es ist auch harte Arbeit, am Ball zu bleiben, oder?

Ja, vollkommen richtig, aber das ist es, was ich am meisten liebe: die harte Arbeit. Harte Arbeit garantiert einem die schönsten Belohnungen. Es hat noch nie jemand eine Preis gewonnen, weil er auf der Couch gesessen hat, oder? Man muss raus.

Wovor fürchtest du dich?

Davor, dass ich nichts zu tun haben könnte. Ich bin ganz schlecht im Chillen (lacht). Ich muss etwas machen. Wenn ich hier nachher allein auf meiner Couch sitze, würde ich mich langweilen. Aber wenn ich die Gitarre nur in den Händen halte, würde ich das Gefühl haben, produktiv zu sein, weil ich ja jederzeit losspielen könnte.

Ist Langeweile ein gutes Gefühl?

Ja, irgendwie schon, weil es dich zu etwas Kreativem führen wird. Niemand langweilt sich lange, es ist ein Moment des Innehaltens, und dann will man etwas tun. Und dann entsteht etwas Neues.

Kleinen Kindern sagt man ja oft, dass sie etwas tun sollen und nicht einfach nur da hocken …

Ja, ich erinnere mich (lacht). Aber das ist Quatsch. Es hat auch noch niemand einen Preis für "Zimmeraufräumen" bekommen …

Man verliert diese Gabe, nichts zu tun …

Ja, ehe wir nichts tun, fummeln wir auf unserem Handy rum, das ist doch auch blöd. Was machen wir da denn schon? Gucken uns Fotos von anderen an. Ja, die sind manchmal schön, aber die meisten sind von Selbstdarstellern (lacht). Ich kann diese Zeit viel besser mit "Nichtstun" nutzen.

Du bist also kein Social-Media-Süchtiger?

Doch. Ich verbringe meine Zeit ja auch damit darüber nachzudenken, wie ich möglichst keine Zeit mehr mit Social Media verbringe.

Wenn wir uns das nächste Mal wieder sehen - erkenne ich dich dann?

Du meinst, weil ich meinen Look wieder so verändert haben könnte (lacht)? Interessanter Gedanke, aber ich weiß es nicht. Ich finde aber, das ist eine gute Idee.

Mit James Bay sprach Sabine Oelmann

James Bay ist ab 1. Juni auf Tour, am 12. zum Beispiel in Berlin

"Electric Light" von James Bay auf Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de