Musik

Neues Album "Taller" Jamie Cullum will für seine Frau wachsen

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Jaime Cullum präsentiert sich in neuer Größe - emotional, offen und, wie er hofft, weiser.

Nach einer mehrjährigen Pause ist Jamie Cullum zurück und präsentiert im Berliner Club Ritter Butzke sein neues Album. Temperaturen von über 30 Grad halten ihn und seine Band nicht davon ab, alles zu geben. Am Tag danach ist Jamie, wie er sich schlicht vorstellt, aufgeräumt, voller Energie und hat viel zu erzählen: über neu erworbene Weisheiten und seine Neugier auf den nächsten Lebensabschnitt, über den Brexit und die alten Witze über seine Körpergröße, die er sich nun zu eigen macht. Der Jazz-Twen ist erwachsen geworden, aber noch lange nicht an seinem Ziel.

n-tv.de: Willkommen zurück! Deine Fans mussten diesmal lange auf ein neues Album warten.

Jamie Cullum: Stimmt! Ich habe bereits vor vier oder fünf Jahren damit angefangen, Lieder zu schreiben und habe wirklich alles weggeworfen. Es passierte zu viel in meinem Privatleben. Meine Kinder werden größer, ich bin seit zwölf Jahren mit meiner Frau zusammen. Zudem war auch in meiner gesamten familiären Situation eine Menge los.

Das kennen viele. Man kommt zu nichts.

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Exakt. Ich hatte außerdem das Gefühl, nicht besonders gut mit diesen Dingen umzugehen. Ich glaube, als Musiker kannst du in diese Peter-Pan-Schleife geraten, wo du alles, was du erlebst, danach bewertest, ob das gut für deine Musik ist. Das verhindert aber, dass du dich wirklich mit deinem Leben auseinandersetzt. Also bin ich einen Schritt zurückgetreten, um mehr an mir zu arbeiten. Ich wollte offener werden, besonders in meiner Beziehung. Ich war viel zu Hause, bin weniger gereist, habe nicht nur Musik gemacht. Ich habe einen interessanten Abschnitt in meinem Leben erreicht. Ich glaube, dass das Leben in verschiedenen Kapiteln stattfindet, die nicht nur an das Alter gebunden sind.

Wobei es gerade in diesem Jahr wohl eine große Party geben wird, wenn ich das richtig gelesen habe.

Ja, das ist sehr richtig! Im August werde ich 40 Jahre alt. Das finde ich tatsächlich aufregend! Aber man nähert sich auch einfach dem mittlerem Alter. Meine Eltern sind aber ein gutes Beispiel dafür, wie man neugierig und lebensfroh bleibt, obwohl sie beide eine harte Jugend hatten. Jugend ist etwas Magisches und du erkennst nur, wie magisch, wenn du älter wirst. Aber generell mag ich es, alt zu sein. Auch wenn die Gebrechen jetzt kommen. (lacht)

Ja, aber vielleicht wird man gelassener und es kümmert einen einfach weniger - die Kilos, die dazukommen, das Haar, das geht.

Da bin ich allerdings nicht sicher. Ich lasse es dich dann wissen!

Trotz aller Veränderungen ist in dieser Zeit ein neues Album erschienen - eines, das dich von einer ganz neuen Seite zeigt.

Ja, ich hatte entschieden, dass, wenn ich schon ein Album mache, ich eines mache, das emotional viel ehrlicher, direkter ist. Entscheidung ist vielleicht das falsche Wort dafür. Ich habe damit experimentiert, verletzlicher, offener zu sein. Ich wollte zeigen, wo ich gerade in meinem Leben stehe. Ich wollte nicht wie ein alternder Popstar über Nächte in Clubs schreiben, obwohl ich gar nicht mehr dorthin gehe.

Gleich mit dem ersten Song "Taller" sprichst du sensible Themen an.

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Ja, ich wollte darüber schreiben, wie man in einer Beziehung wachsen muss. Ich bin mit jemandem verheiratet, der sehr offen und emotional ehrlich ist. Ich glaube, das ist vielleicht so ein männliches Ding, das du nicht unbedingt teilst, was in deinem Inneren vorgeht. Also habe ich diesen Witz, mit dem ich mein Leben lang liebevoll aufgezogen wurde, besonders seit ich mit einer hochgewachsenen Frau verheiratet bin, diesen Fakt, dass ich klein bin, genommen, um darüber zu singen, dass ich größer sein will. Größer und weiser, um ein besserer, beziehungsfähigerer Menschen zu sein. (Anm. der Redaktion: Cullum ist mit Model und Schriftstellerin Sophie Dahl, Enkelin des Schriftstellers Roald Dahl, verheiratet)

Ist das auch ein Seitenhieb an die Medien, die nicht aufhören wollen, über diesen Größenunterschied zu schreiben?

Nun ja, schon auch. Es ist aber vor allem ein guter Aufhänger, um darüber zu schreiben, worüber ich schreiben will. Warum sollte ich dieses Thema nicht für mich beanspruchen?

Es ist eine Sache, offener in einer Beziehung zu sein, oder gleich einem riesigen Publikum davon zu berichten. Bist du diesmal nervöser als bei anderen Alben, was die Veröffentlichung angeht?

Im Gegenteil, ich bin weniger nervös! (lacht) Ich bin weniger abhängig vom Ergebnis. Ich bin einfach stolz auf das Album.  

Du schreibst auch über ernsthafte politische Themen  - du scheinst etwa immer froh zu sein, gerade nicht in London zu sein, wenn eine gewisse politische Figur dort ist und sich von der Königin die Leviten lesen lässt.

(lacht) Ja! Die Queen ist eine großartige, großartige Person.

Du versteckst in deinen Texten deine Meinung zum Brexit nicht hinter irgendwelchen Metaphern. Wie kommt das in Großbritannien an?

Es ist noch etwas zu früh, das zu beantworten. Ich habe noch nicht viele Interviews in Großbritannien gegeben. Ich führe in Liedern wie "The age of anxiety" eher ein Gespräch, ich halte das für viel besser, als sich anzuschreien. Ich finde, in der Welt wird derzeit zu viel geschrien. Ich habe recht, du hast unrecht und so weiter.

Ich schaue nicht auf die Leute herab, die für den Brexit gestimmt haben. Ich bin nicht ihrer Meinung, aber ich glaube, es ist wichtig, sich die Argumente beider Seiten anzuhören. Wir verlassen Europa, aber unsere Gesellschaft ist auf Menschen aufgebaut, die hierherkamen, legal oder illegal. Meine Eltern sind beide als Kinder aus anderen Ländern nach Großbritannien gekommen, auf der Suche nach einem sicheren Ort.

All das, die privaten und politischen Veränderungen, können ziemlich überwältigend sein. Trotz deiner Karriere scheinst selbst du nichts in deinem Leben für selbstverständlich zu nehmen. War das mal anders?

Nein, nie. Aber ich bin in einem familiären Umfeld aufgewachsen, in dem einfach nichts jemals für selbstverständlich genommen wurde. Ich habe meine Familiengeschichte erst in den vergangenen fünf Jahren wirklich erforscht. Bei meinen Großeltern auf beiden Seiten wurden sozusagen die kulturellen Gliedmaßen abgetrennt. Meine indisch-burmesischen Großeltern kamen hierher und mussten britisch werden. So britisch wie möglich. Mein Großvater hat immer Sunblocker benutzt, damit seine Haut nicht zu dunkel wurde, denn in diesem Land musst du weiß sein.

Meine Großmutter väterlicherseits war jüdisch. Sie kam aus Preußen, mein Vater ist in Jerusalem geboren. Als sie schließlich nach England kam, hatte sie dann nicht nur Angst, jüdisch zu sein, sondern auch, Deutsch zu sprechen. Eine komplette kulturelle Amputation. Meine Eltern haben das Beste aus dem, was das Leben ihm gegeben hat, gemacht. Sie haben uns immer ermutigt, nach Erfolg zu streben, aber haben nichts davon für selbstverständlich gehalten. Alles kann jederzeit verloren gehen. Zu der Zeit, als ich dann in Großbritannien aufgewachsen bin, schien nichts davon realistisch.

Du bist nicht nur ein erfolgreicher Musiker, sondern auch ein ergebener Fan. Du redest gerne darüber, wie es ist, deine Helden zu treffen und mit ihnen Musik zu machen. Mein Bruder war gestern neidisch bis auf die Knochen, dass ich live Lieder aus dem neuen Album hören und dich treffen würde. Ich brauche nachher ein Selfie, um es ihm zu schicken.

Unbedingt. Wir sollten ihn noch neidischer machen!

Du hast mit Stars wie Herbie Hancock, Kendrick Lamar, Lang Lang und vielen mehr gearbeitet. Was war dein größter Fan-Moment bisher?

Ich glaube, Herbie Hancock zu treffen und mitzuerleben, wie er Klavier spielt. Herbie ist nicht nur ein großartiger Musiker, er scheint mir auch eine großartige Person zu sein. Seine Musik zu hören, veränderte mein Leben. Das machte mich nicht zu einem traditionellen Jazz-Musiker, weil ich mich nicht so sehe. Aber ich würde auch gerne so jemand werden. Mit meisterhaften Fähigkeiten und sich selber treu. Das war ganz bestimmt einer meiner aufregendsten Fan-Momente.

Und wer fehlt noch auf deiner Liste? Tot oder lebendig?

Tom Waits, Randy Newman. Und Prince. Aber dafür ist es natürlich zu spät.

Ja.

Ja.

(Stille)

Aber mit dem Lied "Usher" haben deine Band und du gestern bei der Album-Präsentation einen ziemlich guten Prince-artigen Flow hingekriegt.

Danke, danke! Hervorragend. Das bedeutet uns viel.

Ich dachte erst, es geht in dem Lied darum, dass du ein Fan von Usher bist, dabei ist es eine Bemerkung deiner Frau.

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Ja, an einem dieser Tage, als die Kinder im Wohnzimmer um sie herumkrabbelten, kam Usher im Fernsehen. Sie schaute auf und sagte: Es gab eine Zeit, da kannte ich Usher. Dieser Unterschied zwischen ihrem einstigen Leben und unserem jetzigen Alltag hat mich zu dem Song inspiriert.

Der Song wird bestimmt so manchen Alltag Schwung geben - deine Background-Ladys haben noch mal so richtig aufgedreht dabei, großartig!

Das stimmt! (lacht)

Du machst sehr erfolgreiche Alben, aber die Energie auf der Bühne ist noch einmal etwas ganz Besonderes. Nicht nur deine, sondern auch die deiner Band. Man spürt förmlich den Dialog zwischen euch.

Wir sind wie eine kleine Familie, wirklich. Meine Art, die Musiker auszuwählen, die mit mir spielen, unterscheidet sich möglicherweise von der anderer. Musikalisches Können und Leidenschaft sind das Wichtigste für mich. Hinzu kommt die Art, wie wir auf der Bühne kommunizieren können. Es soll sich anfühlen wie ein Flow, der jederzeit von einer neuen Idee unterbrochen werden darf. Also brauche ich Leute, die frei und offen dafür sind, auch mal Fehler zu machen, sich zu blamieren. Da braucht man aber ein hohes musikalisches Selbstbewusstsein dafür.

Ihr scheint dann in eure eigene Welt abzutauchen und wir dürfen zuschauen.

Ja, es fühlt sich auch so an. Wie gestern, als wir "Usher" gespielt haben - da waren wir auf einem anderen Planeten. Da bin ich einfach so ... (groovt ein wenig) ... da komme ich gar nicht mehr raus. Ich freue mich, dass das rüberkommt.

Es scheint dabei für euch keinen Unterschied zu machen, ob ihr vor Tausenden Leuten – wie gerade bei Elbjazz in Hamburg -  oder nur in einem kleinen Club in Kreuzberg, wie bei der Album-Präsentation hier in Berlin, spielt.

Natürlich nicht! Alles andere hat keinen Sinn. Musik zu machen ist ein Privileg. Es gibt bestimmt einfachere Dinge, die man für seinen Lebensunterhalt tun könnte.

Was ist dein Lieblingssong auf dem Album?

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Kann ich tatsächlich nicht sagen, weil ich etwas sehr Unzeitgemäßes gemacht haben. Ich habe zehn Lieder geschrieben und sie aufgenommen. Es wird noch eine Deluxe-Edition geben, aber das Album besteht tatsächlich nur aus zehn Liedern. Die meisten Künstler schreiben so etwa 30 Lieder und wählen dann 15 oder 20 davon aus. Keiner macht nur 10 Lieder, wenn er in diesem Streaming-Universum in die Charts kommen will. Ich habe das getan. Aber deshalb gibt es auch keine Favoriten, sie existieren gemeinsam als Album.  

Du bist nicht nur Musiker, sondern auch, was wir hier in Hipster-Berlin "Digital Native" nennen.

Digital Native? Brillant! (lacht)

Ja, mit deinem YouTube-Kanal "Song Society", wo deine Band und du Pop- und andere Songs spontan nachspielen, auf jeden Fall. Was ist da dein Lieblingssong?

Das kann ich sagen! "Ex-Factor", das Lauryn Hill/Drake-Cover. Das Lied, das ich gestern als Zugabe gespielt habe. Das ist derzeit mein Favorit.

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Eat this, Bro!

Was kann ich meinem Bruder sagen? Wann kommt ihr nach Deutschland?

Sag ihm, die Daten für die Europa-Tour werden bald rausgegeben. Wir kommen! Warte, wir machen noch schnell dieses Selfie. Für dieses Geschwisterding wird man definitiv nie zu alt.

Mit Jamie Cullum sprach Samira Lazarovic

Quelle: n-tv.de