Musik

Shekare Ahoo - Jagd auf Rehe Jasmin Tabatabai und die Musiker-Polizei

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Klug und cool - gute Mischung! Jasmin Tabatabai hat viele Seiten.

(Foto: Mathias Bothor)

"Kunst gilt allgemein ja als schön, aber es darf bitte nichts kosten", sagt Jasmin Tabatabai im Gespräch mit ntv.de. Dabei klingt sie weder enttäuscht noch zynisch, ganz im Gegenteil: Wie sie die Corona-Zeit erlebt, warum sie Coversongs liebt und jetzt trotzdem ihr neues Album herausbringt.

ntv.de: Unser letztes Interview startete meinerseits mit dem Satz: "Ich wollte mir mal nebenbei Ihr Album 'Eine Frau' anhören." Das war aber nichts mit "nebenbei" - genauso geht es mir jetzt wieder mit "Jagd auf Rehe". Man hört Ihre Alben nicht nebenbei, man will genau hinhören.

Jasmin Tabatabai: Dafür macht man auf jeden Fall so ein Album, dass man so eine Reaktion bekommt (lacht). Aber ich gebe das Kompliment - so nehme ich es mal hin - auch an meinen Produzenten David Klein weiter. Wir lieben einfach, was wir machen, wir machen das mit Freude. Und die Songs sind eben inhaltsvoll, es sind ja keine Schlager, und auch keine Charthits im üblichen Sinne.

Vielleicht ist ja doch der eine oder andere Hit dabei?

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Fühlt sich pudelwohl in ihrer "Nische": Jasmin Tabatabai.

(Foto: Mathias Bothor)

Nee! Ich bin gestern Taxi gefahren, da liefen die Hits im Radio, und da kann ich nur sagen: Ich-will-nicht-mehr! Populäre Musik ist so irrsinnig vereinfacht, als wären alle Hörer doof und würden nur auf Zwei-Ton-Refrains stehen. Das Coole daran, wenn man sich, wie ich, eine Nische für Musik gesucht hat, dann macht man das um der Musik willen und nicht, um einen Hit zu landen um jeden Preis.

Wirklich eine Nische?

Aber ja, auf jeden Fall, Jazz, Chanson - das sind Nischen. Ich werde ab und zu gefragt, warum ich das mache - das verkauft sich doch nicht, das will doch niemand, heißt es dann. Aber mein Eindruck ist ein anderer: Wir spielen regelmäßig - normalerweise - vor Hunderten von Leuten, 400 bis 800 Leute sind keine Seltenheit. Das sind dann natürlich Jazzfestivals, aber ich schwöre, da geht keiner gelangweilt nach Hause.

Das Album ist vielfältig: "Hey Jude" ist drauf, einer meiner Lieblingssongs seit ich denken kann …

Ja, oder? Das ist wahrlich einer der besten Songs aller Zeiten. Zum Glück hat David mich davon überzeugt, dass wir das covern. Das ist einfach das Tolle am Jazz - Jazz hat keinen Dünkel! Deswegen haben wir auch ein Cover von Nick Drake drauf, obwohl einige mich gefragt haben, was ich mir denn dabei denken würde!

Warum auch nicht?

Eben! Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder Musiker sich freut, wenn man ihn covert. Von Reinhard Mey, den wir auf jedem Album covern, bekommen wir die allersüßesten Mails! Er freut sich, dass man ihn covert und hört sich die neuen Varianten genau an, weil er sagt, dass er dann etwas davon lernt. Sein Song "Männer im Baumarkt", sagt er, hat jetzt eine völlig andere Dimension, wenn er von einer Frau gesungen wird.

Ich finde neue Interpretation von alten Dingen, die gut waren, immer sinnvoll …

Ja, und im Jazz macht man das so! Da spielt jeder alles! Da stellt sich niemand hin und macht auf Musiker-Polizei. Geht nicht gibt's nicht, jeder darf mal, und immer eine neue Version, wunderbar! Das gefällt mir irrsinnig gut an dieser Sorte Musiker, dass es denen nur um die Musik und nicht um sich selbst geht. Es geht nicht um die Pose, nicht um die Klamotten, es ist egal, wie und ob man cool ist, was man darf - was nicht.

Aber die Fotos für das Album sind schon cool!

(lacht) Jetzt bin ich wieder ein bisschen das Cowgirl. Und damit schließt sich für mich auch irgendwie ein Kreis.

Wegen Ihrer alten Band "Even Cowgirls Get The Blues"?

Ja, das war extremly hot (lacht). Das war in einer Zeit, da gab es die Spice Girls noch nicht! Aber uns, und wir sahen unheimlich gut aus. Heiße Frauen aus Berlin, Urban Cowgirls, die Rock- und Countrylieder verpunkt haben, und den Punk haben wir vercountryt. Dazu gab' s eine wilde, supersexy Show! Und trotzdem ist der Plattenfirma nichts Besseres eingefallen als uns "die weiblichen Bellamy Brothers" zu nennen. Das muss man sich mal vorstellen - was hätte man daraus alles machen können!

Wann gibt's die Wiedervereinigung?

Naja, manchmal lässt man es eben besser bei der Legende (lacht). Aber weil Sie die Fotos erwähnt haben - die sind von Mathias Bothor, und den kenn' ich aus der Zeit damals, weil er sein allererstes Musikvideo Mitte der Neunziger mit uns gedreht hat. Als ich Anfang der Neunziger nach Berlin gezogen bin, gab es eine sehr lebendige Countryszene. Selbst einige Mitglieder der Einstürzenden Neubauten hatten eine Countryband, die "Jever Mountain Boys". Es gab eine gewisse Subkultur, die in kleinen, dreckigen Clubs wie dem "Wild At Heart" oder "Café Swing" gespielt hat, wilde Zeiten!

Hoffen wir mal, dass wir bald wieder Club-Erlebnisse haben können!

Ja, bitte! Alles fällt aus. Aber trotzdem kommt mein Album heraus, und ich finde das ist richtig. Ich will den Leuten etwas zu hören geben, das ist doch Frühlingsmusik. Und ich dreh' meine Videos dann eben zu Hause. Solange Paula Riemann sie mir zusammenschneidet geht das!

Musik ist wichtig, um Normalität herzustellen - nicht nur Fußball ist da hilfreich …

Absolut! Und wenn der Kindergarten noch geschlossen ist, dann gehen die Kinder eben in den Biergarten (lacht). Bisschen Galgenhumor braucht man schon gerade, wenn man wie wir betroffen ist. Unser Kleiner geht ja theoretisch in den Kindergarten.

Wie haben Sie die Corona-Zeit denn bisher überbrückt?

Na so wie alle mehr oder weniger, denke ich. Doppelbelastung für Andi und mich: Kinderbetreuung komplett, Essen kochen - nicht zu unterschätzen: das Putzen! Und das HomeSchooling. Ganz ehrlich: Stochastik!!! Ich und Statistik, ich bin fast wahnsinnig geworden. Und das, wo ich sowieso immer mal wieder davon träume, dass ich mein Abi wiederholen muss! Und dann muss man ja schließlich auch alle bei Laune halten! Ich habe natürlich Glück, weil mein Partner für die sogenannte neue Generation Männer steht. In meinem Bekanntenkreis ist kein Mann, der sagt, Erziehung sei Frauensache.

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Sie hört gerne Wirtschaftspodcasts ...

(Foto: Mathias Bothor)

Klingt also nicht danach, dass Sie eine Yoga-App nach der anderen durchgeturnt haben …

Nein, leider nicht! Obwohl wir Schauspieler und Musiker ja angeblich nicht systemrelevant sind. Kunst gilt allgemein ja als schön, aber es darf bitte nichts kosten. Ich bekomme schon 'ne Menge Anfragen - allerdings eben für kostenlose Auftritte. Das schaffe ich jetzt leider nicht. Und statt Yoga höre ich gerne Podcasts - am liebsten Wirtschaftspodcasts! Da schmücken Fachleute stundenlang aus, was das alles noch für uns bedeuten wird - sowas liebe ich! Ich habe ein bisschen die Nase voll von bits and pieces à la Twitter …

Wir brauchen alle noch ein bisschen längeren Atem, oder?

Auf jeden Fall. Es ist so eine Fifty-Fifty-Geschichte: Alles was nervt, auch Menschen, nerven jetzt noch mehr, alles, was man liebt, liebt man noch mehr. In jeder Krise zeigen sich die wahren Gesichter. Denn im normalen Leben kann man vieles ganz gut verschummeln.

Wo sehen Sie denn "wahre Gesichter"?

Auf Instagram ja eher nicht (lacht). Obwohl das doch die Visitenkarte des modernen Menschen ist. Oder? Aber eben auch der Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und wo könnte man sich besser produzieren als auf Instagram, wenn alle Partys und Events gerade ausfallen?

Zurück zum Album: Verschiedene Sprachen, verschiedene Musikstile, das flutscht nicht mal eben so durch, das fällt schon auf, da ist Bewegung drin. Die Klammer des Albums ist Ihre Stimme, die alles trägt und das Ganze stimmig macht.

Wenn Sie das so aufschreiben könnten, wäre das ganz wunderbar (lacht). Aber so bin ich: Ich habe nicht nur eine Seite und ich spreche vier Sprachen. Französisch geht so, aber Persisch, Englisch und Deutsch kann ich sehr gut. Ich bin mit zwei Kulturen aufgewachsen. Ich mag schnelle und laute, ruhige und leise Musik.

Shekare Ahoo …

Das ist persisch und heißt "Jagd auf Rehe". Es ist ein altes iranisches Liebeslied, und da singt jemand, dass er ins Gebirge will, Rehe jagen: "Du hast mich erlegt mit deinem Blick, der mich getötet hat." Das bietet viel Raum für Interpretationen. Ist das jemand, der verletzt wurde und nun andere verletzen will? Oder will diese Person im Gebirge nur einsam sein? Im Iran steht das Gebirge für, "Ich muss hier weg, ich muss aus der Zivilisation, ich geh' in die Berge, ich will meine Ruhe!" Es ist auf jeden Fall sehr dramatisch! Und dann hat das Persische eine ganz tolle Besonderheit - es hat kein Geschlecht. Das alles kann also für einen Mann oder eine Frau sein.

Jagd auf Rehe klingt auch sexy …

Ja, machen wir uns nichts vor, es ist irgendwo auch sexy, gejagt zu werden. Also in meinem Kopf gehen so viele Bilder los, und es setzt so viele Assoziationen frei. Musik ist, auch wenn man den Text als nicht persisch-sprechender Mensch nicht verstehen kann, dennoch die universelle Sprache der Herzen, und sie bringt die Menschen zusammen. Musik berührt einfach.

Mit Jasmin Tabatabai sprach Sabine Oelmann

Das momentan bereits vergriffene Album kann man hier vorbestellen.

Die voraussichtlichen Tourdaten u.a.: Ab 5.9.2020 Gladbeck, 1.11. Nauen, 10.11. Jüdische Kulturtage in Berlin, 18.3.2021 Helmstedt

Quelle: ntv.de