Musik

"Ich habe wild gelebt" Meret Becker auf allen Kanälen

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Findet die Liebe trotz großer Unfallgefahr nicht unbedingt ablehnenswert: Meret Becker.

(Foto: imago stock&people)

Nach einer Phase der relativen Ruhe und auch der Trauer um ihren vor einem Jahr verstorbenen Ziehvater, den Schauspieler Otto Sander, meldet sich Meret Becker nun gleich auf quasi allen Kanälen zurück. Im Beziehungsdrama "Lügen und andere Wahrheiten" (Regie: Vanessa Jopp) spielt die 45-Jährige die kontrollsüchtige Freundin eines Hallodris (Thomas Heinze), in wenigen Monaten starten die Dreharbeiten zu ihrem ersten "Tatort" als Kommissarin, und am 1. September veröffentlicht Meret Becker ihr Herzensprojekt, das wunderhübsche Country-Folk-Album Album "Deins & Done". Wir treffen uns mit Meret Becker in einem Münchner Hotel.

n-tv.de: Frau Becker, sind Sie selbst eine begabte Lügnerin?

Meret Becker: Oh nein. Absolut nicht. Im richtigen Lügen bin ich ganz mies. Ich bekomme höchstens Notlügen hin.

Woran liegt das?

Ich habe so eine tief verankerte Moral in mir. Ich versuche immer, gerade zu sein und die Wahrheit zu sagen.

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Mit dem Kollegen Marc Waschke auf Verbrecherjagd.

(Foto: dpa)

Sie sind die neue Berliner "Tatort"-Kommissarin. Künftig ermitteln Sie als Nina Rubin zusammen mit Ihrem Kollegen Mark Waschke. Ein Lebenstraum?

Gar nicht. Wollte ich nie machen. Mache ich jetzt aber doch, weil es der Berliner "Tatort" ist und meine Rolle einen ganz tollen Frauencharakter darstellt. Da habe ich gedacht, das finde ich schön.

Mit den meisten Ihrer Filme und wohl auch mit der Musik Ihres neuen Albums "Deins & Done" dürften Sie in erster Linie ein Kennerpublikum etwas abseits des Mainstreams ansprechen. "Tatort"-Kommissarin ist in Deutschland nun aber der wohl bedeutendste Job hinter dem Bundestrainer.

Ich weiß, man zieht die Aufmerksamkeit schon auf sich. "Tatort" ist eine Form von Boulevard, bleibt aber ein kleiner Ausschnitt meines Lebens und meiner Arbeit. Ich selbst finde ja die sogenannte Kunst, die ich mache, gar nicht so schwer zugänglich. Sie bekommt nur nicht das Publikum, das sie kriegen sollte. Die Chance, dass sich das durch meine "Tatort"-Rolle jetzt verlagert, wäre ein schöner Bei-Effekt.

Werden Sie im "Tatort" auch singen?

Nein, ich bin keine singende Kommissarin. Wir drehen zwar erst im November, aber das steht felsenfest. Ich werde in diesem "Tatort" überhaupt keine Musik machen.

Sie waren mit den Liedern Ihres Albums im Frühjahr bereits auf Tournee. Sie spielen eine Mischung aus Folk, Bluegrass, Chanson, Country und Blues und bezeichnen Ihren Stil selbst als "Musique en miniature". Was meinen Sie damit?

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Musique en miniature ....

Dieses Album ist schon deutlich anders als die vorherigen. Ich mache schon sehr lange Musik und stehe auf der Bühne, seit ich 18 bin. Ich komme ja aus dem Varieté, bin aufgewachsen wie ein Schaustellerkind. Aber zum ersten Mal spiele ich nicht nur meine Singende Säge und die Melodica, sondern ich begleite mich richtig selbst - an der Gitarre und am Klavier. Und "Musique en miniature" deshalb, weil es kleine Musik ist, die ich auch klein präsentieren will. Zusammen mit meinem langjährigen musikalischen Kompagnon Buddy Sacher habe ich die Stücke anfangs in Kneipen gespielt, ohne Eintritt, wir haben den Hut rumgehen lassen, ganz ohne Druck, wunderschön war das.

Warum veröffentlichen Sie die Platte jetzt?

Mein Bruder Ben hat "Romeo & Juliet" gehört und meinte, das sei ja das schönste Lied, das ich je geschrieben hätte. Und warum auch nicht? Dann mache ich das Kleine eben etwas größer. Anfangs sind Buddy und ich im PKW gereist, nun haben wir einen kleinen Bus. Bei den Konzerten haben wir inzwischen auch einen Percussionisten und einen kleinen Chor dabei. Der Sound ist aber immer noch nicht fett. Das Klangbild lebt davon, dass es nicht so voll ist und wir nur das Nötigste spielen.

Spielen Sie schon immer Klavier und Gitarre oder haben Sie das jetzt gelernt?

Mit der Gitarre habe ich erst als 12-Jährige überhaupt angefangen, das musste ich erstmal richtig lernen. Klavier habe ich schon als Kind gespielt, nur hat es mich irgendwann gelangweilt. Otto und ich, wir haben viel Jazz gehört und die "Muppet Show" geguckt und der Saxophonist der "Muppet Show", der ist halt ziemlich cool. Otto fand meinen Wunsch super, er meinte, es spielen sowieso viel zu wenige Frauen Saxophon. Er selbst hat Trompete gespielt, aber das durfte ich mit 12 noch nicht, weil meine Zähne noch nicht fest genug saßen.

Haben Sie Ihr Saxophon noch?

Ja. Es steht bei mir im Wohnzimmer in Kreuzberg, wird allerdings nur selten benutzt.

"Deins & Done" ist ein sehr schönes, jedoch auch recht trauriges Album. Bis auf wenige Ausnahmen wie das swingende "Slumberland" oder die flotte Single "Snowflakes for Breakfast" klingen die Lieder zutiefst melancholisch.

Nun, das bleibt nicht aus, wenn man ein Konzeptalbum über das Thema "gescheiterte Liebe" aufnimmt (lacht). Ich habe die Songs in einem Zeitraum von zwölf Jahren geschrieben, währenddessen hat sich zu diesem Thema so einiges angesammelt bei mir. Das kennt doch jeder, niemand macht nur schöne Erfahrungen mit der Liebe. Das Irre an der Liebe ist eben, dass wir alle uns von Zeit zu Zeit die Finger an ihr verbrennen. Egal, auf welchem Fleck dieses Planeten wir auch leben - Liebeskummer tut uns allen gleich weh.

"Mein Brauttanz" singen Sie gemeinsam mit Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, übrigens dem Bandkollegen Ihres Ex-Ehemannes Alexander Hacke.

Blixa singt wie eine Art Geist, in diesem Lied ist er mein Bräutigam. Das Lied handelt von einer Hochzeit, die schön ist und wild, für mich fühlt sich das Stück an wie ein Hochzeitsfilm von David Lynch. Man rennt los mit einem lauten "Ja!", doch es kann passieren, dass man schwer verunfallt. Die Liebe kann ordentlich in die Hose gehen, was nicht heißt, dass sie deshalb ablehnenswert wäre. Ganz und gar nicht.

Sind Sie eine Expertin im Bauen von Liebesunfällen?

Ich finde schon. Ich bin einfach sehr emotional, und dementsprechend ist eine Liebe heftig, ich lege da alles rein. Ich kenne das gut, wenn alles den Bach runtergeht, egal, ob man rausgeschmissen wird oder selbst diejenige ist, die geht.

Schöpfen Sie in Ihren Filmen, etwa jetzt in "Lügen und andere Wahrheiten" aus eigenen Erfahrungen? Ihr Charakter Coco, der ja kurz vor der Hochzeit steht, ist wirklich unerträglich in seiner Biestigkeit.

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Die Braut die sich was traut - im Film!

(Foto: imago stock&people)

(lacht) Nein, bei dieser Rolle stand für mich etwas anderes im Mittelpunkt. Ich habe den Film in einer Zeit gedreht, in der es mir gar nicht gut ging, kurz nach dem Tod von Otto. Ich suchte mir bewusst ein Projekt aus mit Menschen, die ich zum Teil schon gut kannte, mit Thomas Heinze habe ich 1989 schon "Allein unter Frauen" gemacht, mein Gott, so lange ist das schon her. Während der Dreharbeiten habe ich gemerkt, dass ich rauskomme aus meinem Loch. So habe ich bei der Arbeit meinen Humor wiedergefunden.

Wie kommen Sie mit Liebeskummer zurecht?

Liebeskummer ist für mich immer ganz schlimm. Ich bin im Grunde eine treue Seele und denke jedes Mal, das überlebe ich nicht. Ich erkenne auch an den Filmen, die ich gemacht habe, ob ich gerade eine Trennung hinter mir hatte. Mit der Zeit wird das Trennen eher schlimmer, würde ich sagen. Ich habe immer von einer Beziehung geträumt, die 20, 30 oder sogar 40 Jahre lang andauert. Ich finde es schade, eine Liebe aufzugeben. Weil es ja interessanter wird mit der Zeit.

Warum tun Sie es dann?

Dieses Frischverliebtsein, das hat man eben nur am Anfang. Wenn man etwas halten möchte, dann ist das schwer, harte Arbeit. Die längste Beziehung hatte ich mit Alex Hacke, dem Vater meiner Tochter.

Sie waren sogar verheiratet. Käme eine zweite Ehe für Sie in Betracht?

Sicher nicht. Ich möchte nicht noch einmal heiraten. Ich bin ein Freigeist, das macht es insgesamt schwierig mit der Liebe.

Wie meinen Sie das?

Ich habe wilde Sachen erlebt in der Liebe, laute Hurra-Schreie und auch das Gegenteil. Ich habe wild gelebt, auch innerhalb von Beziehungen.

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Wild gelebt und stolz drauf ...

(Foto: imago stock&people)

Wild gelebt?

Man zieht ordentlich um die Häuser, feiert, gibt es sich richtig. So ein typisches Musikerleben mit allem, was das mit sich bringt.

Feiern Musiker wilder als Schauspieler?

Zumindest wilder als Filmschauspieler. Musiker haben viel gemeinsam mit Theaterschauspielern - den Nachtrhythmus, das Feiern, das teilweise Abstreifen von Kontrolle.

Sind Sie aktuell liiert?

Nein. Keine Zeit. Im Moment steckte ich die ganze Liebe in mein Album.

Sie sind seit 15 Jahren Mutter. Hat die Geburt Ihrer Tochter Lulu Ihr wildes Leben verändert?

Die Freiräume sind natürlich weniger geworden. Man lügt sich in die Tasche, wenn man denkt, mit Kind kann man alles so weitermachen wie zuvor. Kinder und Alkohol, das passt zum Beispiel gar nicht zusammen. Spätestens dann nicht mehr, wenn man morgens um viertel vor sieben aufstehen muss, weil das Kind zur Schule geht.

Sie haben sich auch als alleinerziehende Mutter nicht aus dem Berufsleben ausgeklinkt, sondern weiter Filme und Musik gemacht.

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Eine schreckliche nette Familie: Meret, Bruder Ben Becker und Mutter Monika Hansen.

(Foto: imago/Future Image)

Natürlich ist das schwierig, auch wenn ich das Gefühl habe, ich habe das gut hinbekommen. Meine Tochter musste schon öfter mal zurückstecken. Es ist halt nichts regelmäßig bei uns - und das in einer Welt, die geprägt ist von Regelmäßigkeit. Da wird einem gerade von außen, von Nachbarn oder irgendwelchen Ämtern manchmal vermittelt, dass man irgendwie falsch tickt.

Erziehen Sie Lulu ebenfalls zum Freigeist?

Das kommt automatisch. Sie ist nicht so wild wie ich, aber auch sehr freigeistig. Sie ist gut geworden, viel bestimmter als ich und toll.

Mindestens bis zur Oma sind alle in Ihrer Familie Künstler, Ihre Mutter Monika Hansen, Ihr Bruder Ben Becker, alle sind Schauspieler. Wird Ihre Tochter die Familientradition fortsetzen?

Ich vermute, ja. Sie ist musikalisch hochbegabt. Aber vielleicht hat sie auch plötzlich keinen Bock mehr. Ich war mir lange nicht klar darüber, dass wir eine Art Zirkusfamilie sind. Ich habe mich nur immer gewundert, warum andere Leute uns komisch fanden.

Sie waren komisch?

Im Nachhinein sehe ich das so. Als Kind wusste ich das nur nicht. Ich war auf einer strengen Schule, habe immer auf die Füße bekommen, was mich schüchtern, aber auch trotzig hat werden lassen. Ich trug halt gerne Rüschenkleider mit langen Unterhosen, Latzhosen, lange Zeit kam ich als Indianerin zur Schule. Naja, da haben die anderen komisch geguckt, und ich bin manchmal heulend nach Hause gelaufen.

Wie hat Ihre Mutter reagiert?

Sie hat gemeint: "Na gut, dann ziehen wir dich ab morgen genauso an wie alle anderen." Ich habe eine Nacht darüber geschlafen und dann gesagt: "Nee, mach' ich nicht."

Haben Sie sich mit Ihrem Bruder Ben immer gut verstanden?

Als Kinder fanden wir uns ganz, ganz blöd. Aber wenn es hart kam und mich einer verprügeln wollte auf dem Schulhof, dann hat er mich verteidigt. Mein Bruder war frecher als ich. Ich war immer eher friedlich, fand ihn toll und mochte ihn, trotzdem haben wir uns gehauen ohne Ende. Seitdem wir beide unserer Wege gehen, verstehen wir uns richtig großartig, sind wie Pech und Schwefel. Wir können damit leben, dass wir komplett unterschiedlich sind.

Mit Meret Becker sprach Steffen Rüth

Das Album "Deins & Done" erscheint voraussichtlich am 5. September - bei Amazon bestellen

"Lügen und andere Geheimnisse" ab 11.9., unter anderem mit Meret Becker, Thomas Heinze, Florian David Fitz

Tourtermine:

24.8. Minden, Kulturfest
2.09. Hamburg Grünspan
3.09 Köln Kulturkirche
4.09. Koblenz, Burg Ehrenbreitsein
17.09. Berlin, Berliner Ensemble
9.10. Rüsselheim, Theater
10.10. Ulm, Roxy

Quelle: ntv.de