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Zurück zu den Wurzeln Rea Garvey belebt den Iren in sich

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Seinen Job als Juror der Casting-Show "The Voice of Germany" hat Rea Garvey bewusst an den Nagel gehängt: Der ehemalige Sänger der Band Reamonn wollte sich wieder auf die Musik konzentrieren. Auf seinem zweiten Soloalbum "Pride" lässt der 1998 nach Deutschland umgesiedelte Ire nun seine Wurzeln durchscheinen. Rock und Pop verwebt er mit dezenten, irischen Einflüssen. Im n-tv.de-Interview spricht Garvey über seine Kindheit in Irland, seinen Kumpel Til Schweiger und seine Wohltätigkeitsorganisation "Saving An Angel".

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Anklänge an das "erste Leben" des Rea Garvey; "Pride" hört man die irische Herkunft des Sängers an.

n-tv.de: Rea, nach zwei Staffeln haben Sie Ihren Platz in der Jury von "The Voice of Germany" aufgegeben. Haben Sie das eigentliche Musikmachen vermisst?

Rea Garvey: Das habe ich. Eines Tages wusste ich einfach, dass ich da raus muss. Es ist ein sehr luxuriöses Leben, man hat viel Erfolg und alle kümmern sich perfekt um dich. Wenn ich selbst als Musiker unterwegs bin, interessiert es die Leute nicht die Bohne, wie es mir geht. (lacht) Man kann sich an diesen Luxus schnell gewöhnen. Ich hatte auch wirklich viel Spaß, vor allem bei der zweiten Staffel. Aber am Ende des Tages bin ich Musiker und es war an der Zeit ein neues Album zu machen.

Stimmt es, dass Sie Ihre neuen Songs immer zuerst Til Schweiger vorspielen?

Das stimmt. Ich habe ja schon viele Songs für seine Filme geschrieben und wir sind gut befreundet. Bei den letzten zwei Alben habe ich Til tatsächlich die Demos vorgespielt, aber dieses Mal konnte ich ihm die Songs erst später zeigen. Wir hatten zwar schon einen Termin vereinbart, aber dann musste ich nach London und danach war das Album praktisch fertig. Til hat einfach super Ohren und weiß, was ein gutes Album ausmacht. Außerdem hänge ich einfach gerne bei ihm rum, sein Haus hat einen super Klang.

Und gefällt ihm Ihr neues Album "Pride"?

Er liebt es. Es gab drei Songs, die er besonders mochte. Ich werde Ihnen nicht verraten, welche das sind, aber er hätte sie gerne für gewisse Projekte. Mal sehen, ob das was wird. Til gehört zu den Menschen, die einem ehrlich ihre Meinung sagen. Davon gibt es nicht viele. Deswegen spiele ich ihm meine Sachen gerne vor. Er sagt mir auch ins Gesicht, wenn er etwas nicht mag.

Auf dem Album besinnen Sie sich hörbar auf Ihre irischen Wurzeln. Wie kam es dazu?

Das war ein langer Prozess. Ich bin sehr froh, Ire zu sein. Ich liebe mein Heimatland, die irische Kultur und meine Familie dort. In meiner Musik kam das bisher aber nie durch. Dabei habe ich eine starke Verbindung zu dieser Musik. Als ich 13 Jahre alt war, habe ich in einer Bar gearbeitet, in der die besten traditionellen irischen Musiker sich trafen. Wenn die Bar um elf Uhr schloss, holten sie alle ihre Instrumente heraus und haben bis in die frühen Morgenstunden gespielt. Ich wollte damals am liebsten mitmachen. Es war also immer in meinem Blut, aber traditionelle irische Musik ist wie eine Sprache. Man muss lernen, sie zu sprechen. Erst jetzt, nach 15 Jahren als Musiker, war es mir möglich, mich auf diese Weise auszudrücken.

Warum haben Sie Irland im Jahr 1998 eigentlich verlassen?

Ich wollte ein erfolgreicher Musiker werden. Ich habe gelernt, dass es besser ist, einer von wenigen zu sein, als einer vielen. In Irland fühlte meine Musik sich einfach nicht neu an. Ich hätte das Rad dort nicht neu erfunden. Außerdem ist Irland ein kleines Land. Man kann es in dreieinhalb Stunden einmal durchfahren. Ich wollte raus in die große Welt.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Irland?

Da gibt es viele, ich hatte eine tolle Kindheit. Aber die Metamorphose, die ich durchlebt habe, als ich von meiner Heimat Tralee nach Dublin gezogen bin, war besonders prägend. Mein Vater war Polizist, genau wie 500 andere Leute von den 5000 Einwohnern in Tralee. Die Polizei hatte dort nämlich ein Trainingslager. Irgendwann musste ich einfach ausbrechen, das System bekämpfen. Ich war damals sehr politisch, ich wurde festgenommen, weil ich in der Universität einen Kondomautomaten aufgestellt hatte oder in politische Gebäude eingebrochen war und mich an Stühle gekettet hatte. Ich habe diese Zeit genossen. Konfrontation ist wichtig. Und ich habe ja keine Banken überfallen oder Drogen genommen.

Sie sind mit sieben Schwestern aufgewachsen. Wie hat Sie diese geballte Frauenpower geprägt?

Naja, ich habe ja keinen Vergleich, aber ich würde sagen, es war gut. Ich hatte eine Menge Verantwortung, das mochte ich. Ich bin gerne der Beschützer und Jäger. So habe ich es von meinem Vater gelernt, er hat mit meiner Mutter immerhin acht Kinder großgezogen. Ich habe es von ihm geerbt, mich als Versorger zu fühlen und ich finde es gut, wenn Männer diese Verantwortung übernehmen. Natürlich bin ich auch nicht perfekt, ich mache definitiv eine Menge Fehler. Aber ich habe als Kind schon gelernt, die Konsequenzen für meine Fehler zu tragen und danach trotzdem weiterzumachen.

Auf Ihrem Album erinnern Sie sich in vielen Songs an Ihre Kindheit, allerdings nicht nur an positive Dinge. So handelt "Candlelight" von einer schweren Erkrankung, die Sie als Jugendlicher hatten. Was ist damals passiert?

Mir sollte der Blinddarm herausgenommen werden, doch dann hatte ich einen Blinddarmdurchbruch. Ich war drei Monate im Krankenhaus. In dem Song geht es um den Moment, als mein Vater ins Krankenhaus kam und mich dort liegen sah. Die Ärzte hatten mich mehr oder weniger aufgegeben, aber er machte mir klar, dass ich um mein Leben kämpfen muss und aufgeben keine Option ist. Das war eine schwere Zeit, aber es hatte auch etwas Gutes, denn ich wurde dadurch erwachsen.

In "Bow Before You" hingegen geht es um Reichtum und Materialismus, oder?

Ja, es geht um den Traum von einem großen Haus, den früher alle hatten. Wir lebten damals in einem kleinen Reihenhaus, aber auf einem Hügel im Ort stand dieses hübsche Haus mit einem tollen Garten. Alle wollten mit dem Jungen befreundet sein, der dort wohnte, so dass man das Haus besuchen konnte. Mittlerweile allerdings ist dieses Haus leer und heruntergekommen. Ich bin froh, dass Materialismus bei mir zu Hause keine Rolle spielte. Ich habe früh gelernt, dass man Geld weder essen noch trinken kann. Wenn man so viel um die Welt reist wie ich und für unterschiedliche Wohltätigkeitsorganisationen arbeitet, begreift man das noch mehr.

Vor zehn Jahren haben Sie die Stiftung "Saving An Angel" ins Leben gerufen und mit dem "Clear Water Project" setzten Sie sich seit 2011 für sauberes Trinkwasser in Ecuador ein. Schmeichelt es Ihnen, dass Sie für Ihr soziales Engagement mittlerweile einen Echo und den Green Music Award erhalten haben?

Es ist natürlich schön, wenn die Leute Notiz davon nehmen und meine Arbeit Früchte trägt. Aber wenn ich in einem Dschungel in Ecuador sitze und an dem Clear Water Projekt arbeite, denke ich nicht an Awards. Ich bin eigentlich kein besonders abenteuerlustiger Mensch, aber dieses Projekt ist einfach total erfüllend. Da sitzt man plötzlich mit den Anführern von fünf Stämmen um ein Lagerfeuer - kein Award der Welt kann das noch besser machen.

Sie sind also selbst vor Ort und helfen mit?

Ja, ich war schon oft in Ecuador. Ich habe das Projekt ja ins Leben gerufen, also musste ich dorthin fahren und herausfinden, was genau zu tun ist. Wenn ich Geld sammle, habe ich auch die Verantwortung dafür, dass es richtig eingesetzt wird. Für mich ist das eine große Ehre, dass die Leute mich unterstützen und erkennen, dass das Projekt eine gute Investition ist. In 100 Jahren werden die Leute zurückblicken und fragen, warum Menschen verhungert sind, während andere so viel Essen hatten. Dann müssen unsere Kinder ihnen sagen, dass wir unser Geld selbst behalten wollten. Eines Tages werden wir uns alle schämen.

In 100 Jahren, meinen Sie? Das ist aber optimistisch, oder?

Vielleicht, aber ich bin ein optimistischer Mensch. Bis dahin sammle ich einfach bei jeder Gelegenheit. Dafür ist Ruhm doch da: dass man versucht, Dinge zu verändert. Mein Vater hat immer gesagt, seine größten Erfolge waren die Sachen, die er in der Welt verändert hat und er war immer eine große Inspiration für mich. Ich bin nicht Michael Jackson, da bin ich schon realistisch. Es gibt gewisse Dinge, die ich nicht tun kann, und andere, die ich tun kann. Auf letztere konzentriere ich mich. Damit motiviere ich hoffentlich andere dazu, selbst etwas zu tun.

Mit Rea Garvey sprach Nadine Lischick

Das Album "Pride" erschien am 2. Mai 2014. Hier bei Amazon bestellen.

Quelle: n-tv.de

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