Musik

Hätte auch ein Desaster werden können Triggerfinger vereinen Licht und Dunkel

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Auf Klassenfahrt ohne Lehrer: die Herren Triggerfinger.

"I I follow, I follow you ..." Mit ihrer Unplugged-Version des Lykke-Li-Songs "I Follow Rivers" landete die belgische Band Triggerfinger 2012 einen Überraschungshit: Der Song erreichte in Belgien die Spitze der Charts und das Trio wurde 14 Jahre nach Bandgründung plötzlich vom Geheimtipp zur Sensation. Mit "By Absence Of The Sun" veröffentlichen Sänger Ruben Block, Bassist Paul Van Bruystegem und Schlagzeuger Mario Goossens nun ihr viertes Album. Hardrock und Blues treffen darauf auf poppige Hooks und eingängige Melodien, Licht steht im Kontrast zu Dunkel. Wir trafen die drei Herren in den schicken Anzügen zum Interview.

Es war die Coverversion des Lyyke Li Songs "I Follow Rivers", die euch 2012 über Nacht bekannt machte. Habt ihr Lykke Li eigentlich mal eine Dankeskarte geschickt?

Paul Van Bruystegem: Sie muss uns eine schicken! Sie ist jetzt nämlich reich. (lacht)

Mario Goossens: Der Song wurde vor uns noch von einem anderen belgischen Künstler gecovert, und zwar DJ Magician. Seine Version ging ebenfalls auf Platz 1 der Charts. Ich glaube, allein von den beiden Remixen hat Lykke Li ein paar Millionen verkauft. Sie ist mittlerweile sogar von Schweden nach Los Angeles gezogen!

Hättet ihr damit gerechnet, dass eure Version des Songs so eine Welle der Begeisterung auslöst?

Paul Van Bruystegem: Überhaupt nicht. Wir haben ihn ja für eine Frühstücksshow im holländischen Radio aufgenommen. Jeder Gast dort muss einen eigenen Song und ein Cover aus den Top 30 spielen. Ruben suchte also "I Follow Rivers" aus. Es war sieben Uhr morgens, wir waren am Abend vorher ausgegangen und zu müde zum Proben. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, was wir mit dem Song anstellen sollten.

Es hätte also statt einem Hit auch ein Desaster werden können?

Paul Van Bruystegem: Allerdings! Uns fehlte die richtige Gitarre, also beschloss Ruben im letzten Moment, die Melodie zu pfeifen. Mario programmierte dazu einen Beat auf seinem iPhone und weil er nach dem Play drücken nicht arbeitslos sein wollte, begann er mit Kaffeetassen herumzuspielen. Kurz nachdem der Song gesendet wurde, rief unser Management an und erzählte, dass wir im belgischen Radio rauf und runter gespielt werden. Wir haben neulich noch diskutiert, was wohl passiert wäre, wenn Ruben die Melodie nicht gepfiffen hätte und Mario die Idee mit den Kaffeetassen nicht gekommen wäre …

Ihr macht bereits seit 1998 Musik und wart all die Jahre eher ein Geheimtipp. Wie süß schmeckt der plötzliche Erfolg?

Mario Goossens: Es ist großartig. Vor Triggerfinger haben wir alle in anderen Bands gespielt und waren nebenbei Session-Musiker. Wir haben also immer schon von der Musik gelebt, aber eben nicht von unserer eigenen. Seit unserem letzten Album scheint sich plötzlich alles zu fügen.

Paul Van Bruystegem: Wir begannen immer größere Konzerte zu spielen und als wir dann vor zwei Jahren den Nachfolger aufnehmen wollten, kam die Lykke-Li-Sache und wir waren noch mal zwei Jahre unterwegs. Was uns passierte, ist die Art Geschichte, von der jeder Musiker träumt.

Und das hat euch so beflügelt, dass ihr ohne Pause direkt mit den Aufnahmen eures neuen Albums "By Absence Of The Sun" begonnen habt?

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Cover des neuen Triggerfinger-Albums "Absence of the Sun".

Mario Goossens: Wir hätten uns schon gerne eine Auszeit genommen. Ende des letzten Jahres waren wir ehrlich gesagt ziemlich kaputt. Aber dadurch, dass wir so irre viel gespielt haben, haben wir wie eine geölte Maschine funktioniert. Wir waren in einem kreativen Flow und das wollten wir ausnutzen.

Für die Aufnahmen seid ihr sieben Wochen nach Los Angeles gegangen. Ihr seid alle Familienväter – sieben Wochen LA ist da doch der ultimative Männertrip, oder?

Mario Goossens: Die letzten vier Jahre waren der ultimative Männertrip (lacht)!

Paul Van Bruystegem: Ach was, die letzten zehn Jahre!

Mario Goossens: Es ist wie Klassenfahrt, bloß ohne Lehrer.

Ruben Block: Es hat aber auch Nachteile, sieben Wochen von Zuhause weg zu sein. Ich finde es manchmal ganz schön beängstigend, nach so einer langen Zeit zurückzukommen.

Wieso?

Ruben Block: Die Kinder werden so schnell groß. Eines Tages komme ich nach Hause und mein Sohn hat plötzlich einen Bart … Man ist hin- und hergerissen: Einerseits wollen wir eine Karriere haben, die beste Band sein und die besten Songs schreiben, andererseits wollen wir unsere Kinder natürlich aufwachsen sehen, ihnen das Fahrradfahren oder Schwimmen beibringen.

Mario Goossens: Aber zu Hause beherrscht das Familienleben eben den Tag, man macht Hausaufgaben mit den Kindern, bringt sie ins Bett und zur Schule. Deswegen ist es wichtig für uns, für die Aufnahmen weit weg zu sein. Es hilft einem sich auf die Platte zu fokussieren.,

Naja, und Los Angeles ist ja auch nicht der schlimmste Ort.

Ruben Block: Wobei sich viel verändert hat, seit wir vor vier Jahren dort waren, um unser letztes Album aufzunehmen. Die Strecke vom Hotel zum Studio war voll mit Obdachlosen. Dieser Kontrast ist schon krass, vor allem nachts. Die Leute gehen aus, Stretchlimousinen halten vor den Clubs, Mädels in Miniröcken und High Heels steigen aus und alle wollen eine gute Zeit haben – und zehn Meter weiter schlafen zehn Menschen auf der Straße. Und das sind keineswegs Junkies. Da suchen auch gepflegte ältere Damen Mülleimer durch. Zu Hause in Antwerpen gibt es so etwas natürlich auch, aber auf Reisen fällt es einem mehr auf.

Weil man die Augen mehr öffnet als im Alltagstrott?

Ruben Block: Genau. Wir waren auf Tour auch in Istanbul oder in Griechenland. Wenn man in der Zeitung von den Aufständen oder der Arbeitslosigkeit dort liest, wirkt das nicht real. Man blättert einfach um und fünf Minuten später ist es vergessen. Aber wenn man da ist, bleiben die Bilder im Kopf. Und gerade in Hollywood ist der Widerspruch eben besonders groß. In der Ferne liegen die Hollywood Hills, wo die Reichen wohnen, und auf dem Hollywood Boulevard tummeln sich die Obdachlosen.

Spiegeln sich diese Erfahrungen auch in den neuen Songs wider?

Ruben Block: Absolut. Wir selbst hatten zuletzt zwar eine großartige Zeit und das hört man den Songs sicherlich an. Viele Dinge laufen in unserer Welt allerdings auch verdammt falsch. Ich will nicht mahnend den Zeigefinger erheben und ziehe kein großes Fazit, sondern das Album soll Fragen aufwerfen. Auch, weil ich manchmal selbst nicht weiß, wie ich mit gewissen Dingen umgehen soll. Dieser Gegensatz zwischen Licht und Dunkel spielt auf dem Album eine große Rolle.

Einige Songs wirken ganz schön düster: Sie tragen Titel wie "Black Panic" und "Master Of All Fears".

Ruben Block: Sie sind aber nicht alle düster. "Master Of All Fears" zum Beispiel ist ein sehr humorvoller Song. Wir sollten für den Soundtrack eines belgischen Films einen Song schreiben, der nach Black Sabbath klingt. Es wurden nur fünf Sekunden gebraucht, aber weil es keinen Sinn ergibt, fünf Sekunden zu komponieren, haben wir einen ganzen Song draus gemacht. Wir haben uns auch bei dem Text von Black Sabbath inspirieren lassen. Ich singe von Vergeltung, Gier und Blut. (lacht) Das hat echt Spaß gemacht.

"Big Hole" derweil handelt davon, eine gewisse Leere in sich zu spüren. Was hat euch zu dem Song inspiriert?

Ruben Block: Ich guckte damals eine TV-Serie, in der ein Song von PJ Harvey lief. Es herrschte eine gewisse Atmosphäre und plötzlich kamen mir dieses Riff und die Zeile "there's a big hole out there" in den Sinn. Jeder hat von uns hat das Grundbedürfnis, diese Leere zu füllen, die man manchmal in sich spürt. Mit Liebe, Geborgenheit, teuren Autos oder gar Dingen, die nicht gerade gut für einen sind. Davon handelt der Song. Andererseits könnte man statt "hole" auch "whole" verstehen, dann geht es in der Zeile plötzlich um die Suche nach dem großen ganzen. Solche Doppeldeutigkeiten liebe ich. Das spiegelt sich auch im Albumtitel wider: Die Abwesenheit der Sonne klingt erstmal negativ – doch auch nachts ist die Sonne abwesend und das kann sogar wunderschön sein.

Mit Triggerfinger sprach Nadine Lischick

Das Album "By Absence of the Sun" ist seit dem 18. April 2014 im Handel erhältlich. Hier bei Amazon bestellen

Ab dem 27. April sind die Herren auf Konzerttournee

Quelle: ntv.de

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