Unterhaltung
Live machen Campino und den Hosen nur die Foo Fighters etwas vor.
Live machen Campino und den Hosen nur die Foo Fighters etwas vor.(Foto: picture alliance / Thomas Frey/d)
Donnerstag, 28. Dezember 2017

Wut-Propheten bis Leichenzähler: "Unfuck the World": 2017 rockte!

Von Thomas Badtke

Gitarrenriffs satt, volle Moshpits: Das Musikjahr 2017 war ein gutes für alle, die es hart, direkt und mit Gitarre mögen. Neue Alben von den Hosen, Foo Fighters und Bodycount. Dazu ein Debüt, das sitzt wie ein Faustschlag in den Magen.

Im Radio scheinen Dance und Schlager in Dauerrotation in diesem Jahr gelaufen zu sein. Dazu noch sinnfreier Pop und schon denkt man: was für ein bescheidenes Musikjahr 2017. Aber weit gefehlt: Abseits des weichgespülten Mainstreams gab es jede Menge harte Gitarrenriffs, Moshpit-Mucke und Headbanger-Material. Gut, auch hier ist Mainstream vertreten, aber er klingt halt besser!

Betontod: "Revolution"

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Bereits im Januar setzen Betontod mit "Revolution" ein Deutschpunk-Ausrufezeichen, das sich gewaschen hat: "Es ist Zeit für eine Revolution!" Die Texte wie immer direkt auf die Zwölf, ohne verspielte Soundarrangements, griffige Hooks und Texte zum Mitgrölen - "Ohne dich wäre mein Leben ganz schön scheiße, mit dir schmeckt jede Dose Bier nach Freiheit ..." ("Küss mich") - und mit Aussage: "Es brennt schon wieder, ein Kind erlebt den Tod, das Mittelmeer aus Tränen, färbt sich langsam rot. Unsere Welt steht in Flammen, und schwarzer Rauch verdrängt das Licht ..." ("Welt in Flammen").

Dass die Band aus Rheinberg kommt, dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Die 30.000-Einwohner-Stadt am Niederrhein ist damit ihren Makel los, nur als Geburtsort von Supermodel Claudia Schiffer bekannt zu sein. Betontod als Söhne der Stadt sind mittlerweile ein weitaus besserer Imageträger: Sie spielten 2017 ihr 1000. Konzert, passendes Livealbum inklusive. Energie satt!

Broilers: (sic!)

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Live stehen die Broilers da nicht nach, was sie in diesem Jahr bei Rock am Ring eindrucksvoll bewiesen haben. Und auch die Band aus Düsseldorf ist alles andere als unpolitisch: "Auf einem Haufen steckt man Bücher an, die Kunst verlässt das Land, die Musik entartet, der Rest ist uns bekannt ..." ("Keine Hymnen heute"). Und gleichzeitig haben die Titel Ohrwurmcharakter.

Mitgrölend ("Irgendwas in mir"). Nachdenklich ("Unsere Tapes"). Gesellschaftskritisch ("Als das alles begann"). Hitverdächtig ("Die Beste aller Zeiten"). Für Punkrocker ja nicht das erstrebenswerteste Ziel. Andererseits: Je mehr Menschen die Musik hören, die Texte verinnerlichen und dabei selbst ins Grübeln kommen - umso besser! Dabei lässt sich "Revolution" in einem Stück durchhören. Ein absolutes Qualitätsmerkmal in der heutigen Zeit.

Die Toten Hosen: "Laune der Natur"

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Eines, das auch Die Toten Hosen mit ihrem 2017er Album "Laune der Natur" für sich voll in Anspruch nehmen können. Das Album ist ein "Urknall": "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, die verlorenen Söhne sind wieder in der Stadt ..." Und direkt mit dem Opener auf die Zwölf, Erinnerungen an die "Opel-Gang" werden wach. Mit "Wannsee" geht's dann Richtung Stadion-Hymne à la "Tage wie diese". Das sitzt, passt, wackelt und hat Luft.

"Pop & Politik" und "Das Geisterhaus" spielen auf der nachdenklichen Schiene. Gänsehaut erzeugend und zu Tränen rührend ist das Schlussstück: "Kein Grund zur Traurigkeit", gesungen vom zu früh gestorbenen Ex-Drummer Wölli. Wer da keine Gefühlsregung zeigt, ist wirklich tot: "Ich hab' Blut von dir im Herzen, das ist alles was mir bleibt, Sehnsucht nach dir in meinem Herzen, lange noch kein Grund zur Traurigkeit ..."

Seether: "Poison the Parish"

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Tränen wegwischen. Cut. Im Mai erschien mit "Poison the Parish" der nächste Kracher von Seether, der Band, die sich nach dem gleichnamigen Song von Veruca Salt benannt hat. Einst in Südafrika gegründet, rocken Shaun Morgan und Co unter amerikanischer Flagge. Hart, druckvoll, intensiv: So kommen Songs wie "Stoke the Fire" und "Let you down" um die Ecke.

Aber Seether beherrschen auch die ruhigen Töne, wie "Against the Wall" oder "Sell my Soul" eindrucksvoll zeigen. "Count me Out" und "I'll Survive" klingen dann wie eine härtere Version von Nirvana, was auch den Seether-Sound perfekt umschreibt: Grunge 4.0, getragen von harten Riffs und einer eindrucksvollen Stimme.

Body Count: Bloodlust

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Über eine unverwechselbare Stimme verfügt auch Ice T. Der Gangstarapper aus South Central, L.A., trieb in den 1990er Jahren mit seiner Metalband Body Count den Herstellern der "Parental Advisory Lyrics"-Aufklebern die Freudentränen in die Augen. Die Eltern derjenigen Heranwachsenden, die Body Count hörten, rauften sich, soweit vorhanden, die Haare. Es wurde geflucht, gedroht, geschossen. Und dann wurde es ruhig.

Ice T. wechselte ins Schauspielfach, wurde sesshafter Familienvater. Klingt ein bisschen nach Sido, nur dass Ice T. in diesem Jahr mit seinen in die Jahre gekommenen Jungs endlich wieder eine Platte auf den Markt gebracht hat, die so klingt, als wäre man wieder in den Gangkriegen der 1990er. Zwar gab es schon 2006 und 2014 Body Count-Alben, aber erst mit "Bloodlust" knüpfen Ice T. und Co an ihre frühen musikalischen Erfolge der Alben "Body Count" und "Born Dead" an.

Dass "Bloodlust" in den deutschen Albumcharts bis auf Platz 13 geklettert ist, zeigt, wie groß der Hunger nach harten Klängen hierzulande ist. Man stelle sich nur mal vor, Ice T.'s Idole Slayer würden mit einem neuen Album um die Ecke kommen ... Bis dahin heißt es aber "The Ski Mask Way", "Painting in Blood/Postmortem" und "Black Hoodie" - politische Missstände in den USA werden direkt angesprochen: This is "Body Count, Motherfucker!"

Prophets of Rage: "Prophets of Rage"

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An die guten alten 1990er Hardcore-Crossover-Zeiten, als Bands wie Biohazard, Prong, Pantera oder Rage Against The Machine den Rock in eine neue Zeitrechnung droschen, erinnern 2017 Prong mit "Zero Days" - und auch eine "neue" Gruppe: Prophets of Rage mit ihrem gleichnamigen Debütalbum. Heiß ersehnt, denn hinter den Wut-Propheten versteckt sich niemand Geringeres als Bandmitglieder von Rage Against The Machine (Gitarrist Tom Morello, Bassist Tim Commerford, Schlagzeuger Brad Wilk), Cypress Hill (B Real) und Public Enemy (DJ Lord, Chuck D.) - und das hört man, spürt man und liebt man sofort. Der Sound ist unverwechselbar. Dass Prophets of Rage auch als Supergroup bezeichnet werden, ist selbsterklärend.

Zu hoffen bleibt, dass die Propheten es nicht bei diesem ersten Album belassen werden, denn das kündet von einem Wahnsinnspotenzial und stillt den Hunger von Millionen Fans weltweit, die davon träumen, dass ehrlicher, kraftvoller und auch politischer Crossover eine Renaissance erlebt. In der heutigen Heile-Welt-Gute-Laune-Grinsegesichter-Musik ist das längst überfällig. Wenn dem Rock die Typen auszugehen drohen, müssen die Idole halt wieder ran: "Unfuck the World" and "Hail to the Chief"!

Foo Fighters: "Concrete and Gold"

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Hail to Dave Grohl! Die Foos sind zurück, auch das passierte 2017. Und auch hier liegen sich Millionen Fans weltweit in den Armen. Das neue Studioalbum der wohl weltbesten Liveband derzeit, ist diesmal mehr Rock und Blues als alles, was die Band bisher an den Start gebracht hat. Manche würden Weiterentwicklung sagen, andere erheben warnend den Zeigefinger und verweisen auf das jüngste unrockige Linkin-Park-Album.

Die Foos mit einem elektrolastigen Album? Never ever: "You get, what you deserve ...", singt Grohl schon beim Opener "T-Shirt". Und überhaupt ist die Band für ihren Humor berühmt, das zeigen etwa die Musikvideos. Dass die Gruppe hierein mittlerweile viel Geld investiert, sieht man an "Run", dem absoluten Highlight des Albums. Highlight? Anhören, und man weiß, warum! Das Riff des Jahres stammt von den Foo Fighters. Punkt!

Und da ist 2017 schon wieder rum. Wie sich gezeigt hat, ein absolutes Rockjahr. 2018 kann eigentlich nur schlechter werden. Aber bereits im Januar kommt "Defy" von Of Mice and Men in die Läden. Machine Head stehen in den Startlöchern und auch My Bloody Valentine sollen etwas in petto haben. Also: Der Moshpit dürfte auch 2018 wieder gut besucht sein. Rock on!

Quelle: n-tv.de