Musik

Senza una donna? Sicher nicht! Zucchero lässt die Katze aus dem Sack

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Wenn er nicht singt oder komponiert oder auftritt, presst er Oliven. Und Wein.

(Foto: AP)

Ich frage in Englisch und Signore Adelmo Fornaciari, besser bekannt als "Zucchero", antwortet auf Italienisch zurück. Hach, und auch, wenn ich vieles heraushören kann - es ist schon schön, dass die Übersetzerin dabeisitzt, hier am Berliner Kollwitzplatz, zwischen Latte-Macchiato-Müttern, Kombis und italienischen Sportwagen. Natürlich beim Italiener. Der Mann mit dem hohen Hut hat ein neues Album am Start und wer sich jetzt fragt: "Was hat er nochmal gesungen?", dem sei kurz auf die Sprünge geholfen. "Diamante", "Miserere" mit Luciano Pavarotti, "Il Volo", "Senza Una Donna" - und obwohl wir vieles nicht verstehen, klingen diese Lieder in unseren Köpfen. Zucchero findet dann auch, dass das deutsche Publikum "fantastico" ist.

Zucchero: Ich spiele im Oktober in der Mercedes Benz Arena und ich weiß auch nicht, aber das deutsche Publikum ist eines der treuesten.

n-tv.de: Können die denn mitsingen?

Ja (lacht). Vielleicht nicht alles, aber die Songs, die ich auch auf Englisch singe oder bei "Senza Una Donna" und  "Diamante", da singen alle mit.

Das alte Ding - welcher Deutsche würde nicht gerne italienisch sprechen können?

Naja, das ist doch überall so, ich wünschte auch, ich könnte mehrere Sprachen sprechen! 

Das Schönste ist doch aber ein Konzert eines Italieners in Italien, oder?

Ja, wenn du auf das Original stehst, dann musst du zu meinen Konzerten nach Verona kommen, dort bin ich in der Arena di Verona, an zehn Abenden hintereinander ab Mitte September. Es ist wunderbar dort! Der Sound ist ja für eine Oper gemacht und obwohl da über Zehntausend Menschen reingehen, hat man ein großes Gefühl von Nähe. Ich habe das zumindest immer so empfunden.

Erinnerst du dich an dein erstes Konzert?

Das ich gegeben habe?

Nein, auf dem du als Zuschauer warst.

Das ist lange her, ich glaube, es war bei Santana, in Mailand.

Du magst es ja sehr, mit anderen zusammenzuarbeiten, denken wir nur an Sting, Bono und viele andere. Hast du einen Lieblingskünstler, zum Beispiel Elvis Costello, der auf dem neuen Album wieder dabei ist?

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Mit Sting: immer wieder gerne.

(Foto: AP)

Schwer zu sagen, denn meine Beziehungen zu anderen Künstlern haben sich immer als sehr stabil erwiesen. Das heißt, ich arbeite gern mit denselben Leuten zusammen. Deswegen sind die auch alle immer speziell für mich. Aber ich muss sagen, dass auch umgekehrt ein Schuh daraus wird. Ich bin Eric Clapton zum Beispiel sehr dankbar. Er war der Erste, der mich - vor langer Zeit (lacht) - eingeladen hat, auf seiner Tour aufzutreten. Das hat mir sehr geholfen, außerhalb von Italien bekannt zu werden. Und auch Bono und Pavarotti bin ich beziehungsweise war ich immer sehr verbunden. Sie sind sehr authentisch geblieben.

Ich erinnere mich an "Pavarotti & Friends", das war eine sehr spezielle Zeit, Ende der Neunzigerjahre, als diese Konzerte stattfanden, oder?

Oh ja! Das waren besondere Abende! Zwölf Jahre haben wir das gemacht und es waren immer besondere Künstler aus der ganzen Welt dabei! Das waren jedes Mal Benefizveranstaltungen zugunsten von Kriegskindern. Wir konnten mit dem Geld Krankenhäuser und Schulen errichten.

Ich habe den Eindruck, dass du gar nicht gerne allein arbeitest oder täuscht das?

(lacht) Doch, ich arbeite auch wirklich gerne alleine! Aber es gefällt mir, immer wieder Neues und neue Leute kennenzulernen, abseits der Pfade zu gehen. Ich mag es vor allem, verschiedene Stilelemente zu mixen. Das war für mich natürlich ganz außergewöhnlich, als ich das erste Mal mit Pavarotti zusammen gesungen habe: Er stand das erste Mal mit einem Rock-Sänger auf der Bühne und ich mit einem Opern-Star. Aber auch die Zusammenarbeit mit kubanischen Musikern war für mich ganz außergewöhnlich.  

Das war wirklich eine kluge Idee, mit den anderen Musikern so eng zusammenzuarbeiten …

... ja, auf alle Fälle für einen Italiener (lacht). Ich glaube, ich war der Erste, der so internationale Kooperationen eingegangen ist. Bis dahin war es auch nicht so üblich, dass man die Genres mischt, denke ich. Eine meiner größten und für mich wichtigsten Kooperationen war übrigens die mit Miles Davis. Das Schönste daran war immer, wenn aus einer Zusammenarbeit dann spontan etwas Neues entstanden ist oder sich neue Kontakte ergeben haben.

Bist du mit deinem neuen Album eigentlich wieder auf dem Weg zurück in den Schoß des Blues und des Rock 'n Roll?

Ja, das ist so. Als ich dieses Album geschrieben habe, habe ich schon daran gedacht, zu meinen Wurzeln zurückzukehren, zu der Zeit, als noch niemand eine Erwartungshaltung an mich hatte. Ich wollte wieder so frei sein wie am Anfang meiner Karriere – da hatte ich nichts zu verlieren (lacht). Denn wenn das Musikbusiness einen erstmal "gefressen" hat, dann fragt man sich immer, ob es der Plattenfirma gefällt, dem Publikum, den Radiosendern, man wird mit so vielen Ansprüchen konfrontiert. Und dann bekommt man es mit der Angst zu tun, denn nach all den Jahren steht ja einiges auf dem Spiel, was man verlieren könnte.

Ich habe nicht das Gefühl, dass du dir darum Sorgen machen müsstest …

Stimmt (lacht), ich bin ja noch ganz grün hinter den Ohren. Aber mal ehrlich: ich meinem Alter den Luxus zu haben, frei zu sein, machen zu können, was man will, das ist großartig.

Du kommst mir vor wie ein Mensch, auf den andere sich verlassen können, der für sie da ist. Wie schaffst du das als Künstler, der viel unterwegs ist?

Ich habe das große Glück, dass ich viele Freunde aus meinem Leben vor meiner Karriere kenne. Das erdet mich. Außerdem verbringe ich meine frei Zeit gerne so oft es geht mit Freunden, dann machen wir so simple Dinge wie kochen und essen. Oder auch arbeiten: ich habe ein Bauernhaus auf dem Land, da ist immer etwas zu tun, da müssen Oliven gepresst und Wein gemacht werden …

… klingt traumhaft, so habe ich mir das vorgestellt.

Ja, ist es tatsächlich (lacht).

Für ein Album wie deines gilt ja, dass es am schönsten ist, wenn es im Ganzen funktioniert, man es von vorne bis hinten hören kann. Nach einer Weile kann man es dann mitsingen.

Das ist gut und dann ist die Sprache ja auch egal.

Die Welt gerät gerade aus den Fugen, hast du auch den Eindruck?

Ja, ich kann leider noch nicht erkennen, dass wir ein vereintes Europa sind.

Zu viele Einzelinteressen, zu viel Aggression unter den Staaten?

Ja, wir haben riesige Probleme, und Europa sollte eigentlich ein einziges Ziel haben - diese Probleme, ich sage nur Flüchtlingskrise, zu lösen. Aber was machen die Politiker stattdessen? Sie versuchen nur, ihr Ding durchzusetzen, egal, was außen herum passiert. Ihr Ziel scheint es zu sein, möglichst viel Macht anzuhäufen. Es geht leider nicht darum, sich gegenseitig zu helfen, einen gemeinsamen Weg zu finden.

In deinem Song "S.O.S. - Streets of Surrender", das Bono geschrieben hat, geht es um den terroristischen Angriff auf die Konzerthalle "Bataclan" in Paris, bei der um 100 Menschen ermordet wurden. Fühlst du dich manchmal unsicher, hast du Angst, das so etwas wieder passieren kann?

Ich denke nicht die ganze Zeit darüber nach, zum Glück, aber natürlich habe ich ab und zu Angst. Wenn ich singe, dann konzentriere ich mich aber auf die Musik. Ich war jedoch vor einiger Zeit in Marseille und da gab es einen Bombenalarm. Alles hat sich nachher als Fehlalarm herausgestellt, aber es war dennoch eine merkwürdige Stimmung.

In dem Song "S.O.S." geht es um einen Mann, dessen Herz für zwei Städte schlägt: seine Heimat und seine Traumstadt. Was meinst du damit?

Da musst du Bono fragen (lacht), der hat das Lied ja geschrieben. Aber ich versuch's mal: Man hat seine Stadt, die man liebt, in der man lebt, du in Berlin, oder ich dort, wo mein Bauernhaus steht, und dann hat man noch eine Stadt, in der man gerne leben würde, wenn man könnte. Für mich wäre das New York.

Für mich Rom.  

Für Bono ist es Paris. Jedes Mal, wenn er früher dort war, fühlte er sich frei, hat er mir erzählt. Frankreich ist so liberal und er liebte die Stimmung dort. Jetzt ist es schwieriger geworden und kurz nach den Anschlägen damals hätte er auch ein Konzert gegeben, eigentlich. Für ihn ist Paris die Stadt, die für ihn Freiheit bedeutet. Und weil Paris angegriffen wurde, hat er diese Stadt genommen, um über Freiheit zu sprechen, als Symbol.

Würdest du gern mal wieder mit einem deutschen Sänger auftreten? Wie wäre es mit Udo Lindenberg?

Sehr gute Idee, den mag ich! Ich stand schon mit Peter Maffay auf der Bühne, mit den Scorpions und den Berliner Philharmonikern habe ich zusammengearbeitet. Peter ist total echt und die Scorpions-Jungs sind irre sympathisch. Aber ich habe nichts gegen weitere Kooperationen.

Mit Zucchero sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de