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Geiselnahme-"Tatort" aus Luzern Klassenkampf auf Schweizerdeutsch

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Hat aus Armeetagen noch ein Sturmgewehr im Keller herumliegen: Anton Seematter (Roland Koch)

(Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler)

Wenn zur Kostensparung mal eben 200 Stellen gestrichen werden, mag das zwar gut für die Bilanz eines Unternehmens sein - die Betroffenen dürften sich aber weniger freuen. Eine tödliche Wut entwickelt im letzten "Tatort" des Jahres ein Bremerhavener Arbeiter.

Einbrecher leben in der Schweiz gefährlicher als in anderen Ländern: Wehrdienstleistende dürfen in der Alpenrepublik nach dem Ausscheiden aus der Armee ihre Waffe mit nach Hause nehmen. Wie viele Dienstknarren tatsächlich in Schweizer Kellern herumliegen, weiß zwar niemand. Im Haus von Anton Seematter (Roland Koch) gibt es allerdings ein solches Sturmgewehr 90 - und der steinreiche Manager zögert nicht, in seinem Hobbykeller ein ganzes Magazin auf den Mann abzufeuern, der ihn und seine Familie als Geisel genommen hat.

Dabei wollte Mike Liebknecht (Misel Maticevic), der vor seiner Karriere als reichlich überforderter Geiselnehmer Gewinde für eine von Seematters Firmen gebaut hat, eigentlich nur das einfordern, was ihm nach eigener Auffassung zusteht: Und zwar genau 567.840 Euro - die Summe, die der deutsche Geiselnehmer in den kommenden 20 Jahren bis zur Rente noch verdient hätte, wenn die Firma aus Kostengründen nicht von Seematter abgewickelt worden wäre. Dass eine Geiselnahme dafür nicht das Mittel der Wahl ist, hat dem armen Mike allerdings niemand gesagt.

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Die Seematters müssen ein Sit-in der anderen Art erdulden.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Daniel Winkler)

In Seematters Villa über dem Vierwaldstättersee geht dann alles schief, was schiefgehen kann: Der heillos überforderte Arbeiter verliert schnell die Kontrolle über die Situation und muss sich schließlich auch noch mit den Luzerner Ermittlern Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) herumschlagen, die eigentlich nur wegen einer Routinebefragung bei den Seematters vorbeischauen wollten - und schließlich ebenfalls gefesselt auf dem Boden der Villa kauern.

"Friss oder stirb" degradiert den eigentlichen Mord an einer Universitätsdozentin zu einem Nebenstrang der Handlung. Ein Kniff, der dem letzten Fall des Jahres gut tut: So haben die zwei Welten - Geldelite und Proletariat - genug Platz, um in der großzügig geschnittenen Villa der Seematters mit voller Wucht aufeinander zu prallen. Nutznießer des mit vorgehaltener Waffe ausgetragenen Kulturkampfes sind die Zuschauer, die sich über einen wirklich gut gemachten TV-Thriller freuen dürfen.

Schießereien sind auf Dauer ungesund

Vor allem die beiden Hauptdarsteller wissen dabei zu überzeugen: Misel Maticevic spielt die Verwirrung des zwischen rechtschaffener Wut, roher Gewalt und zarter Seele hin- und herschwankenden Mike sehr einfühlsam. Und Roland Koch schafft es, seinen kühl mit Menschenleben kalkulierenden Manager Anton als grundsympathischen Kerl zu mimen. Die beiden Männer trennt am Ende eigentlich gar nicht so viel voneinander, sie teilen sogar ihr Verständnis von Kunst miteinander.

Auch deshalb freut man sich, wenn Täter und Opfer am Ende eines langen Geiselnehmertages im Hobbykeller erstmal gemeinsam ein Bier miteinander trinken - all die Schießereien sind auf Dauer schließlich alles andere als gesund. Dass die Harmonie nicht lange hält, liegt indes nicht an den Beiden: Dafür zeichnet das spannende Finale verantwortlich, mit dem sich der "Tatort" aus dem Jahr 2018 verabschiedet.

Quelle: n-tv.de

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