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"Polizeiruf 110" Melancholia in München

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Der Kommissar und die Melancholie: Von Meuffels in seinem letzten Fall.

Die neue Kollegin macht einen patenten Eindruck, der Fall ist angemessen rätselhaft, eigentlich gute Voraussetzungen, um Hanns von Meuffels’ Schwermut ein wenig zu lindern. Der aber hat nur zwei Dinge im Sinn: Weg hier. Und ein Happy End mit Constanze.

Letzte Fälle haben ja oftmals so eine diffuse Künstlichkeit, eine Meta-Ebene voller Fragen: Was haben sich die Autoren für den Helden zum Abschied wohl ausgedacht? Werden lose Enden wieder zusammengeführt? Lauert da hinten irgendwo hinter der Kurve ein glückliches, zumindest ein versöhnliches Ende? Oder womöglich das genaue Gegenteil davon: Schmerz, Verlust, Verdammnis. Auch das Unaussprechliche scheint immer eine Option: Der Held wird am Ende ins ein Comeback unmöglich machende Jenseits verbracht. Ohne allzu arg zu spoilern, sei so viel verraten: Die Abschiedsfahrt des Hanns von Meuffels (Mathias Brandt) zahlt auf beinah alle diese Aspekte ein.

Dabei gerät allein der Auftakt dieser mit "Tatorte" etwas verwirrend betitelten Folge brutal wie selten. Die Exekution einer Frau auf einem abgelegenen Parkplatz, zudem noch unter den Augen ihrer kleinen Tochter, ist atemnehmend und verstörend. Von derlei Knalleffekt noch leicht betäubt, tut von Meuffels das, was er von Beginn an am besten konnte und in zuvor 14 Fällen zur Perfektion gebracht hat: das Tempo rausnehmen, selbst bei voller Fahrt auf der Autobahn. Von Meuffels hört Autoradio, "Melancholia" heißt die Sendung, drei Stunden lang traurige Musik, wie gemacht für den ebenso traurigen Kommissar, dessen Innenleben zerknittert scheint wie einst Columbos Trenchcoat.

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Brutal wie selten: Eine Frau wird exekutiert, ihr Kind sieht zu.

Am anderen Ende der Telefonleitung ist Constanze Hermann (Barbara Auer), seine Ex in spe, die ihre Kartons bereits gepackt hat und von Meuffels Bitten zum Trotz in Kürze aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen will. Da nützt kein Flehen und Fordern, schon gar kein Überrumpelungsbesuch auf ihrer Dienststelle in Nürnberg, die Romanze mit der ebenso temperament- wie geheimnisvollen Kollegin scheint durch zu sein. Derart innerlich zerrüttet gerät der Start in die Zusammenarbeit mit der neuen Assistentin erwartungsgemäß holprig. Dabei hat Nadya (Maryam Zaree) in der Polizeischule durchweg gut aufgepasst und zeigt sich auch zwischenmenschlich kompatibel. Von Meuffels ist eh eine harte Nuss, aber mit den Kollegen ist sie schnell warmgeworden und beim 'Du'. "Sie mögen Vornamen, was? Ist ja wie bei Ikea" ist der trockene Kommentar ihres neuen Vorgesetzten.

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Als Ausbilderin beim LKA muss Constanze Herrmann manchmal eigenartige Wege gehen.

So verlangsamt sich die beiden im Arbeitsalltag annähern, so verworren entwickelt sich der Fall. Der Vater der kleinen Jasmina (Aurelia Schikarski) wird zum Hauptverdächtigen. Schlüssig ist das nicht, der Mörder hatte auch auf Jasmina geschossen, Jochen Fahrenholz (Stephan Zinner) aber vor Gericht leidenschaftlich um das Sorgerecht für seine Tochter gekämpft. Als der dann auch noch in eine Katatonie verfällt, kommen die Ermittlungen fast zum Stillstand. Überhaupt, Stichwort Katatonie: Christian Petzold, für Buch und Regie verantwortlich, inszeniert seinen traurigen Kommissar als wankenden Anti-Helden, mal wie betäubt und unfähig zu kommunizieren, dann aufbrausend, verletzend. Es wirkt zuweilen, als würde er nur kurz an die Oberfläche kommen, um Luft zu holen, für Momente zu einem normalen Gespräch, zu einer unverstellten Gemütsregung in der Lage.

Waren die "Polizeiruf 110"-Fälle aus München von je her dem Schwermut der Hauptfigur unterworfen, überdeckt der Seelenzustand von Meuffels' diesmal alles. Umweltgeräusche dringen wie durch Watte ans Ohr, Fragen verhallen unbeantwortet, immer wieder legt sich Musik über die Szenen und dämpft die Dramaturgie ab. Am Ende sind es die beiden Frauen - Nadya und Constanze - denen Katharsis innewohnt, größtmögliche Katastrophe auf der einen, ein Gefühl von Zukunft auf der anderen Seite. Wem welche Rolle zufällt, wie überraschend aus dem Nichts einerseits, wie zeitlupenzäh andererseits sich dieses letzte Kapitel entwickelt, das ist der konsequente Kniff Petzolds, der seinem von Meuffels einen Abschied bereitet, in dem Schmerz und eine Prise Hoffnung nah beieinanderliegen.

Quelle: n-tv.de

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