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"Bericht fußt auf Spekulationen" Flugexperte bezweifelt Lubitz-Schuld

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Van Beveren bezweifelt, dass Andreas Lubitz "bei Bewusstsein" war.

(Foto: REUTERS)

Auf den Tag genau vor zwei Jahren zerschellte Flug 4U9525 in den französischen Alpen. Die Justiz sieht in Andreas Lubitz den alleinigen Schuldigen. Das bezweifelt die Familie des Ko-Piloten. Flugexperte van Beveren knöpft sich die Ermittler vor.

Der Journalist und Flugunfallexperte Tim van Beveren hat die Ergebnisse des Untersuchungsberichts zum Germanwings-Absturz vor zwei Jahren in Zweifel gezogen. Seinen Darstellungen zufolge lässt sich die offizielle Version, dass Ko-Pilot Andreas Lubitz an Depressionen litt und den Airbus in suizidaler Absicht am Berg zerschellen ließ, nicht belegen. Die Ermittler hätten sich schon nach 48 Stunden auf eine Absturzursache festgelegt. "Etwas Vergleichbares habe ich in den vergangenen 25 Jahren nicht erlebt." Der Bericht weise viele Mängel auf.

Der von der Familie Lubitz beauftragte van Beveren zeigte sich erstaunt darüber, dass sich der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, schon zwei Tage nach dem Unglück festlegte, was im Cockpit passiert sein muss. "Das haben alle gehört und geschrieben – und alle haben es geglaubt. Dabei waren Robins Aussagen nur Spekulationen. Trotzdem ermittelte der Staatsanwalt nur gegen Andreas Lubitz."

Statt neuer Fakten präsentierte van Beveren reichlich Spekulationen. Er sagte zum Beispiel, dass er nach dem Absturz Hinweise bekommen habe, dass es bei dem abgestürzten Flugzeug schon früher Probleme mit der Cockpit-Verriegelung" gegeben habe. Er habe Informationen erhalten, dass sich eine Crew dieses Jets einmal selbst ausgesperrt habe. Er habe dies den Absturz-Ermittlern auch mitgeteilt. "Es ist nicht untersucht worden", klagte van Beveren.

Van Beveren verwies auch auf Wetterturbulenzen am Unglückstag. Solche Luftlöcher seien sehr gefährlich. Etliche andere Piloten hätten deswegen am Absturztag niedrigere Flughöhen gewählt.

"Sohn war nicht depressiv"

Nach Angaben seines Vaters habe Andreas Lubitz zum Zeitpunkt des Absturzes nicht an einer Depression gelitten. Kein Arzt oder Therapeut habe damals Suizidgedanken bei seinem Sohn festgestellt, es habe auch keine Hinweise auf ein "fremdaggressives Verhalten" vorgelegen, sagte Günter Lubitz.

Er sagte weiter, die Familie müsse damit leben, dass der Sohn als "depressiver Massenmörder" dargestellt werde und dass er als "dauerdepressiv" gelte. Er habe seine Depression im Jahr 2009 aber überwunden. Die festgestellten Arztbesuche 2014 und 2015 seien ausschließlich wegen seines Augenleidens nötig gewesen. Er habe seinen Sohn in den Jahren vor dem Absturz als "lebensbejahenden, verantwortungsvollen" Menschen erlebt.

Dem widersprach die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft umgehend. "Er litt seit Monaten unter Schlaflosigkeit, hatte Angst um sein Augenlicht, war verzweifelt", sagte Staatsanwalt Christoph Kumpa. Eine Woche vor dem Absturz habe er sich - ausweislich der Auswertung seines Tablet-Computers - über Suizidmöglichkeiten informiert, außerdem über das Schließsystem der Cockpit-Tür. Zudem habe er bereits auf dem Hinflug die Flughöhe kurzzeitig verändert.

Dem offiziellen Untersuchungsbericht zufolge brachte Lubitz am 24. März 2015 den Airbus A320 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf nach Erkenntnis der französischen Ermittler absichtlich zum Absturz in Südfrankreich. Alle 150 Menschen an Bord starben. Zuvor hatte er den Flugkapitän aus dem Cockpit ausgesperrt.

"Egal, welchen Tag wir gewählt hätten"

Zwei Jahre nach dem Absturz sieht sich die Familie von Lubitz in einer speziellen Trauersituation. "Wir müssen damit leben, dass wir nicht nur unseren Sohn und Bruder verloren haben", sagte Günter Lubitz. Die Familie müsse damit leben, dass ihr Sohn schon zwei Tage nach dem Absturz als Verantwortlicher galt.

Er rechtfertigte zudem den Zeitpunkt der Pressekonferenz auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Crash. Die Reaktionen wären die gleichen gewesen, "egal welchen Tag wir gewählt hätten". Der Familie sei es darum gegangen, Gehör zu bekommen. "Wie alle anderen Angehörigen sind wir auf der Suche nach der Wahrheit."

Die Bundesregierung wies die neuen Zweifel an der offiziellen Absturzursache umgehend zurück. "Es gibt für uns keinen Anlass, an der Art und den Ergebnissen der Unfalluntersuchungsbehörde zu zweifeln", sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums.

Quelle: n-tv.de, dsi/dpa

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