Panorama

Seit Oktober ohne Restriktionen In Schweden bleibt die Herbst-Welle aus

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Auch nach dem Wegfall aller Corona-Einschränkungen am 29. September ist die Zahl der Neuinfektionen in Schweden bisher niedrig geblieben.

(Foto: AP)

Während in Deutschland die Neuinfektionen wieder stark ansteigen, bleiben die Fallzahlen in Schweden niedrig, obwohl auch dort die Open-Air-Saison zu Ende ist. Die Entwicklung ist umso erstaunlicher, da es dort seit Ende September keine Beschränkungen mehr gibt. Warum klappt das bei uns nicht?

Es ist schon spannend, dass Schweden aktuell nicht nur die niedrigsten Corona-Fallzahlen Nordeuropas aufweist, sondern sogar besser dasteht als "Impfweltmeister" Portugal. Lediglich Italien und Spanien haben noch niedrigere Inzidenzen. Die Tatsache ist umso bemerkenswerter, da Schweden in den Herbst hinein Ende September praktisch alle Corona-Restriktionen fallen ließ.

Fallende Inzidenzen, weniger Patienten, weniger Tote

Seit vor mehr als drei Wochen Schweden seinen "Freedom Day" feierte, ist die 7-Tage-Inzidenz sogar leicht gefallen. Am 30. September lag sie bei rund 41 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, aktuell sind es knapp 39. Im gleichen Zeitraum legte der Wert in Deutschland von 68 auf 95 zu.

Ähnlich gut sieht es auf den Intensivstationen aus, wo laut dem schwedischen Intensivregister SIR täglich ungefähr 30 Corona-Patienten aufgenommen werden. Insgesamt ist seit Anfang September ein Abwärtstrend zu erkennen. Auch die Zahl der Covid-19-Toten ist rückläufig. Nach einem leichten Anstieg von sieben auf elf Fälle am 6. Oktober, sind es inzwischen ein oder zwei pro Tag.

Hohe, aber nicht sehr hohe Impfquote

Schweden hat die Einschränkungen vor dem Hintergrund einer guten Impfquote beendet. Laut Our World in Data sind 67,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 71,2 Prozent haben wenigstens eine Dosis erhalten. Die deutschen Werte sind 65,5 und 68,5 Prozent, also nicht sehr viel schlechter.

Allerdings sind deutlich mehr Skandinavier der besonders vulnerablen hohen Altersgruppen durchgeimpft. Laut Zahlen der staatlichen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten sind 90 Prozent der 60- bis 69-Jährigen vollständig geimpft, bei den 70- bis 79-Jährigen sind es 93 Prozent. 90,2 Prozent der über 80-Jährigen sind durchgeimpft, bei den noch älteren Schweden sind es 85 Prozent.

Die Alten machen den Unterschied

Deutschland hat keine so genau aufgeschlüsselten Statistiken, aber der große Unterschied ist trotzdem erkennbar. Laut offiziellen RKI-Zahlen sind hierzulande nur insgesamt 85 Prozent der über 60-Jährigen vollständig geimpft.

Die besseren Impfquoten können zwar rückläufige Todeszahlen und weniger Intensivpatienten erklären, aber nur zum Teil das Ausbleiben der Herbst-Welle - sonst müsste schließlich Portugal die wenigsten Neuinfektionen haben. Dass Schweden mit einem Durchschnittsalter von 40,5 eine wesentlich jüngere Bevölkerung als Deutschland mit 45,9 Jahren hat, spricht eher gegen niedrigere Inzidenzen, da sich in beiden Ländern vor allem Jüngere anstecken.

Zwei Gründe könnten Selbstdisziplin und eine allgemein positivere Einstellung der Gesellschaft zu den Regierenden sein. So hielt sich ein großer Teil der Schweden freiwillig an Empfehlungen wie beispielsweise im Homeoffice zu arbeiten. Nur die "großen Brocken" wie Zugangsbeschränkungen wurden von der Regierung vorgeschrieben.

Die Regierung hat einen Plan

Das Vertrauen basiert auch auf einem klaren, fünfstufigen Plan, den die Regierung schon im Mai beschlossen hatte und dessen Umsetzung mit Schritt 1 am 1. Juni begonnen hat. Die Lockerungen Ende September stellten die Stufe 4 dar.

Sie waren keine sehr große Veränderung, schon zuvor fielen im dritten Schritt am 15. Juli zahlreiche Restriktionen. Hauptsächlich wurden am 29. September die Beschränkungen bei den Teilnehmerzahlen von privaten und öffentlichen Veranstaltungen beendet. Lediglich bei Großveranstaltungen werden noch Auflagen erteilt.

Prinzip Eigenverantwortung funktioniert

Wann Schweden in Schritt 5 geht und die Pandemie für beendet erklärt, ist noch offen, spielt aber im Alltag kaum noch eine Rolle. Die Regierung arbeitet bis dahin wie bisher mit Empfehlungen weiter. So gelten ab dem 1. November neue Empfehlungen, wann welche Personen wann zu Hause bleiben und sich testen lassen sollten.

"Einzelpersonen und Erziehungsberechtigte müssen auf der Grundlage dieser Empfehlungen selbst beurteilen, wann sie oder das Kind einen ausreichend guten Allgemeinzustand haben, um in den Kindergarten, in die Schule, in die Aktivitäten und in die Arbeit zurückzukehren", wird dort mehrmals wiederholt. Das Prinzip Eigenverantwortung scheint zu funktionieren.

Modernes Gesundheitssystem

Die Schweden haben auch mehr Vertrauen, weil sie gute Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem haben, das weit moderner als das deutsche arbeitet. Im Digital-Health-Index der Bertelsmann Stiftung liegt Schweden mit 68 Punkten unter 17 Ländern auf Rang 7, Spitzenreiter ist Estland mit 81,9 Punkten. Deutschland ist mit 30 Punkten Vorletzter, nur Polens Gesundheitssystem (28,5) ist noch veralteter.

Es gibt aber auch geografische beziehungsweise bevölkerungsgeografische Vorteile Schwedens. Mit gerade mal 10,3 Millionen Einwohnern, die sich auf 447.000 Quadratkilometern verteilen, ist seine Bevölkerungsdichte viel geringer als die von Deutschland, wo sich 83,1 Millionen Menschen auf 358.000 Quadratkilometern drängen.

Weniger Menschen und Grenzen

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Stockholm ist mit 1,76 Millionen Einwohnern die größte schwedische Stadt, die zweitgrößte Göteborg hat bereits nur 655.000. In Berlin leben fast 3,7 Millionen Menschen, mit Hamburg, München und Köln gibt es drei weitere deutsche Millionenstädte. Hinzu kommen Ballungsräume wie das Ruhrgebiet, wo 5,1 Millionen auf engem Raum zusammenleben.

Schweden hat nur zwei Landgrenzen zu Finnland und Norwegen, die jeweils nur rund 5,5 Millionen Einwohner haben. Deutschland liegt im Herzen Mitteleuropas und grenzt an neun Länder, unter anderem Frankreich und Polen, wo 67,4 beziehungsweise 38 Millionen Menschen leben.

Quelle: ntv.de

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