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Wieder steigende Fallzahlen Ist die dritte Welle noch aufzuhalten?

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Intensivmediziner fürchten eine dritte Welle, sie wünschen sich einen Lockdown bis April.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Die Neuinfektionen steigen wieder, gleichzeitig breitet sich die Virus-Mutante B.1.1.7 rasant aus. Ist die dritte Welle also nicht mehr aufzuhalten? Ein Blick in die Nachbarschaft zeigt, dass die Lage durchaus beherrschbar ist. Und mit größter Vorsicht scheinen sogar Lockerungen möglich zu sein.

Nachdem im Lockdown die Fallzahlen in den vergangenen Wochen zunächst schnell gesunken sind, stagnierten sie seit Monatsmitte und steigen jetzt wieder an. RKI-Chef Lothar Wieler sieht "deutliche Signale einer Trendumkehr" und mahnt angesichts der Ausbreitung der Virus-Mutante B.1.1.7 zu einem klugen Vorgehen im "letzten Frühjahr dieser Pandemie". Er wirft die Flinte also nicht ins Korn, sondern sieht durchaus noch Chancen, eine dritte Corona-Welle aufzuhalten. Und zur Resignation besteht auch kein Anlass, wie ein Blick nach Dänemark zeigt, wo sich die Mutante schon viel weiter als in Deutschland ausgebreitet hat.

Unaufhaltsam ist nur B.1.1.7

Das kürzlich veröffentlichte Preprint einer Modellierungs-Studie zeigt, dass B.1.1.7 im Laufe des März voraussichtlich überall in Europa die vorherrschende Virus-Variante sein wird. Die Autoren gehen davon aus, dass die Mutante um 50 Prozent ansteckender als der Virus-Wildtyp ist, aber selbst bei einer geringeren Infektiosität breitet sich die zuerst in Großbritannien entdeckte Variante weiter rasend schnell aus.

Am 5. Februar schätzte das RKI den Anteil der Mutante in Deutschland noch auf 6 Prozent, zehn Tage später bereits auf 23 Prozent. Das "Labor Berlin", das unter anderem Proben der Charité und von Vivantes-Einrichtungen analysiert, fand zu diesem Zeitpunkt B.1.1.7-Spuren bereits in 27 Prozent der Tests. In der vergangenen Woche hatte die Mutante in der Hauptstadt bereits einen Anteil von 37 Prozent.

Eindämmung schwieriger, aber nicht unmöglich

Dass eine neue Variante sich durchsetzt, passiert bei Viren ständig und stellt an sich kein Problem dar. Allerdings bedeutet eine höhere Infektiosität unter anderem auch, dass die Variante eine höhere Reproduktionszahl (R) als der Wildtyp hat. Deshalb gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Wert insgesamt steigt, je mehr sich die Mutante durchsetzt, und damit die Eindämmung der Pandemie schwerer wird. Dies scheint aktuell der Grund für die Trendwende zu sein, vor der nicht nur RKI-Chef Wieler warnt.

Eine erschwerte Bekämpfung von Sars-CoV-2 bedeutet aber nicht, dass es unmöglich ist, die Verbreitung des Virus aufzuhalten beziehungsweise so zu verlangsamen, dass man ihm mit Impfungen und Tests den Wind aus den Segeln nehmen kann.

Dänemark wehrt sich erfolgreich gegen Mutante

Ein bestes Beispiel dafür ist Dänemark. Dem Statens Serum Institut (SSI) zufolge hatte B.1.1.7 dort Anfang Januar noch einen Anteil von 4 Prozent am Infektionsgeschehen, erreichte Mitte Februar 45 Prozent und ist jetzt mit mehr als 60 Prozent die dominierende Variante. Da die Tests einen Blick etwa zwei Wochen zurück in die Vergangenheit darstellen, könnte die Variante in Dänemark tatsächlich schon einen Anteil um die 80 Prozent haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass eine Studie des SSI ergeben hat, dass Infizierte durch die Mutante ein um 64 Prozent höheres Risiko einer schweren Erkrankung haben als bei einer Ansteckung mit dem Wildtyp. "Die Ergebnisse unterstreichen, dass wir weiterhin darauf achten müssen, eine Infektion mit Sars-CoV-2 im Allgemeinen in der Gesellschaft zu verhindern, bis die Impfstoffe in den kommenden Monaten auf mehr Menschen verteilt werden", schreibt SSI-Abteilungsleiterin Tyra Grove Krause.

Tatsächlich gelingt es Dänemark bisher ziemlich gut, die Ausbreitung des Coronavirus trotz Mutation einzudämmen. Mit 62,3 registrierten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche ist die Inzidenz dort praktisch genauso hoch wie in Deutschland, das heißt, sie gehört zu den niedrigsten in Europa.

Gleichstand mit Deutschland trotz B.1.1.7-Dominanz

Ähnlich wie in Deutschland sind in Dänemark die Fallzahlen durch einen Lockdown zunächst deutlich gesunken, steigen jedoch seit einer Inzidenz von 46 am 19. Februar wieder leicht an. Grundsätzlich gelten in Dänemark die gleichen Lockdown-Maßnahmen wie in Deutschland. Da sich in unserem nördlichen Nachbarland die Mutante bereits wesentlich weiter verbreitet hat, könnte man annehmen, dass dort auch die Inzidenzen hätten entsprechend früher steigen müssen. Mit einem quasi doppelten Mutanten-Anteil entwickelt sich die Pandemie in Dänemark aber seit Mitte Januar nahezu parallel zum Infektionsgeschehen in Deutschland.

Woran dies genau liegt, ist noch offen. Es könnte sein, dass die Bundesrepublik sich ungeschickter verhält und so den Vorsprung, den B.1.1.7 in Dänemark hat, wettmacht. Möglich ist auch, dass angesichts der Bedrohung durch die Mutante andere Variablen übersehen werden, die Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Man weiß es nicht. Man kann aber festhalten, dass eine dritte Welle nicht unaufhaltsam ist, wenn B.1.1.7 das Zepter übernimmt.

Kopenhagen geht kalkuliertes Risiko ein

Was passiert, wenn trotz eines sehr hohen Mutanten-Anteils gelockert wird, kann Deutschland anhand von Dänemark beobachten, bevor es selbst ähnliche Schritte geht. Denn ab Montag dürfen im Nachbarland Geschäfte mit einer Verkaufsfläche unter 5000 Quadratmetern außerhalb von Einkaufszentren öffnen. Auf Antrag ist dies auch bei größeren Läden möglich.

Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel sind dann wieder möglich, solange Zuschauer einen maximal 72 Stunden alten Corona-Test vorweisen können. Sport in Gruppen bis zu 25 Personen ist dann unter freiem Himmel erlaubt, und regional dürfen auch ältere Schüler wieder in den Präsenzunterricht. Lehrer müssen sich zweimal wöchentlich testen, Schülern über zwölf Jahren wird dies empfohlen, bei Gymnasiasten sind die Tests Pflicht.

Premierministerin Mette Frederiksen nennt die Lockerungen ein kalkuliertes Risiko. Dafür hat die Regierung vom SSI eine Prognose erstellen lassen. Darin heißt es, durch die Lockerungen könne sich die Zahl der hospitalisierten Corona-Patienten von jetzt 238 auf rund 900 bis Mitte April mehr als verdreifachen. Dies entspräche ungefähr dem Höchststand der zweiten Welle in Dänemark im Dezember.

Krankenschwestern warnen vor "Patienten-Tsunami"

Laut "Süddeutscher Zeitung" wagt die Regierung die Lockerungen unter anderem, weil bereits alle Bewohner von Pflegeheimen durchgeimpft wurden. Ähnlich wie in Deutschland gilt dies aber nicht für Menschen über 60 oder die meisten über 70-Jährigen. "Wir sind genau so weit gegangen, wie die Experten glauben, dass wir es uns leisten können", sagt Justizminister Nick Hækkerup. Der Nationale Gesundheitsrat mahnte zuvor, die Zahl der stationär behandelten Covid-19-Patienten 400 nicht übersteigen zu lassen, die dänische Krankenschwester-Vereinigung warnt vor einem Tsunami an neuen Fällen.

Ähnliche Schritte wie in Dänemark könnten kommende Woche bei der Bund-Länder-Konferenz beschlossen werden. Vorsichtige Lockerungen gelten trotz der unsicheren Situation als wahrscheinlich, da - wiederum ähnlich wie im Nachbarland - der Druck auf die Politik durch eine Lockdown-müde Gesellschaft immer größer wird. Dabei wird man sehr, sehr vorsichtig vorgehen müssen, wobei man immer ein wenig auf Dänemark schielen kann, das ja ein paar Wochen vorausgeht.

Deutschland muss die Welle flach halten

Am Nachbarland sieht man, dass die Lockdown-Maßnahmen auch bei einer Dominanz von B.1.1.7 funktionieren, eine dritte Welle ist also durchaus vermeidbar. Aber es ist nicht realistisch, davon auszugehen, dass sie völlig ausbleibt - zumal Deutschland ja auch mehr Nachbarländer als Dänemark hat. Es wird eher darum gehen, die Welle möglichst flach zu halten.

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Spätestens im April müssen auch in Deutschland weitreichendere Erleichterungen als Friseurbesuche oder offene Baumärkte kommen, länger können sich Bund und Länder nicht mehr dem Druck aus Bevölkerung und Wirtschaft entgegenstellen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hält unter anderem Gastronomie-Öffnungen zu Ostern für denkbar.

Lockerungen von Inzidenzen unter 35 abhängig zu machen, würde möglicherweise zu einem Lockdown bis Mai oder noch länger führen. Von dieser Zahl muss sich die Politik wohl oder übel verabschieden. Epidemiologe Timo Ulrichs hält dies aber nicht für problematisch. "Es ist auch bei höheren Neuinfizierten-Zahlen möglich, wieder Dinge zuzulassen", sagte er ntv. Man müsse aber vorsichtig Schritt für Schritt machen, um Zeit zu gewinnen, bis die Risikogruppen durchgeimpft sind.

Quelle: ntv.de

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