Panorama

Radikalisiert und traumatisiert Kinder der IS-Mütter brauchen Zeit und Hilfe

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23 Kinder kehrten mit ihren Müttern nach Deutschland zurück.

(Foto: dpa)

Jahrelang sitzen Frauen aus Deutschland, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen hatten, in syrischen Gefangenenlagern fest. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland bringen sie auch ihre Kinder mit. Die zahlen einen hohen Preis für den radikal-islamistischen Weg ihrer Mütter.

In dieser Woche kehrten acht Frauen mit insgesamt 23 Kindern in einer von der Bundesregierung gecharterten Maschine nach Deutschland zurück. Die Frauen hatten sich der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen und saßen zuletzt im Gefangenenlager Roj im Nordosten Syriens fest, das unter kurdischer Verwaltung steht. Gegen sechs der IS-Rückkehrerinnen lagen nach Angaben aus Sicherheitskreisen Haftbefehle vor, drei davon hatte der Generalbundesanwalt beantragt. Auf deren Grundlage wurden Solale M., Romiena S. und Verena M. deshalb unmittelbar nach ihrer Ankunft in Frankfurt/Main festgenommen. Für drei weitere Frauen lagen Haftbefehle regionaler deutscher Gerichte vor. Lediglich zwei der zurückgekehrten Frauen blieben auf freiem Fuß.

Schon vor Jahren hatte der Bundesverfassungsschutz vor Frauen gewarnt, die sich dem IS angeschlossen haben und später nach Deutschland zurückkehren. Bei mehreren der nun aus Syrien zurückgeholten mutmaßlichen IS-Frauen vermuten die Sicherheitsbehörden, dass sie der Ideologie der Terrormiliz bis heute nicht abgeschworen haben. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur gelten mindestens zwei von ihnen als "Gefährderinnen". Das bedeutet, dass ihnen die Polizei schwere politisch motivierte Straftaten zutraut.

Die Verhinderung möglicher neuer Taten und die juristische Aufarbeitung möglicher Straftaten, die die Frauen während ihrer Zeit beim IS begangen haben, sind jedoch nur zwei Aspekte, die die deutschen Behörden beschäftigen. Ein wesentlicher Grund, warum die Rückholaktion ermöglicht wurde, sind die Kinder, die mit ihren Müttern in der Terrorwelt des Islamischen Staates und später in den Gefangenenlagern lebten.

Grausame Erfahrungen

Die Frauen hatten ihre oft noch minderjährigen Töchter und Söhne zum Teil ohne Wissen des anderen Elternteils mit ins Ausland genommen. Ein Teil der Kinder ist dort geboren und wurde streng im Sinne der radikal-islamistischen Ideologie des IS erzogen. So sind die Kinder nicht nur durch Kriegserfahrungen, Gefangenenlager und die Trennung von ihren Müttern geprägt, sondern auch durch ihre Erziehung in der IS-Ideologie. "Vor allem Jungen wurden schon in sehr jungen Jahren mit zu Erschießungen genommen, bekamen Waffen in die Hand", sagt die Islamforscherin Susanne Schröter und verweist auf Erkenntnisse etwa aus Aussagen in Prozessen gegen Islamisten. "Die Radikalisierung ist ein wichtiger Bestandteil der Sozialisation."

Einer der Frauen, Romiena S., wird beispielsweise vorgeworfen, sie habe ihrer Tochter Hinrichtungsvideos gezeigt. Verena M. verfügte den Angaben der Bundesanwaltschaft zufolge über ein "vollautomatisches Sturmgewehr des Typs Kalaschnikow", als sie mit ihrem minderjährigen Sohn im Irak und Syrien lebte. Die jungen Kinder einer Bremer Rückkehrerin sollen regelmäßig als Zuschauer an öffentlichen Bestrafungsaktionen des IS gegen sogenannte "Ungläubige" teilgenommen haben. Den Frauen wird außer der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland auch die Entziehung Minderjähriger sowie die Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht vorgeworfen.

Die Kinder seien radikalisiert und traumatisiert, ist die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Schröter, überzeugt. Und auch das "Zurückkommen nach Deutschland ist für sie ein traumatischer Prozess". Ohne psychologische Betreuung werden die Kinder kaum in der Lage sein, diese Erfahrung zu bewältigen.

Schokolade, Liebe, Normalität

In der Nacht ihrer Ankunft in Frankfurt waren deshalb auch etwa zehn Mitarbeiter von Jugendämtern aus ganz Deutschland vor Ort, um sich um die Kinder zu kümmern. Angaben aus Sicherheitskreisen zufolge hatten sie unter anderem Plüschtiere und Schokolade dabei, um die Situation ein wenig zu entspannen. Teilweise waren auch Angehörige wie Großeltern, Onkel und Tanten gekommen, um die Kinder in Empfang zu nehmen.

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Die Anbindung in den Familien ihrer Mütter oder Väter kann eine Chance für die Kinder sein, muss es aber nicht. Es sei auf jeden Fall eine gute Voraussetzung, wenn die Familien eine Distanz zum islamischen Extremismus hätten und Kinder sich "vielleicht in ganz normaler Weise weiter entwickeln", meint Schröter. "Wenn sie aber in diesem Netzwerk bleiben, weiß man nicht so genau, was passiert. Wenn sie in der Ideologie aufwachsen, dass Gewalt im Namen des Islam legitim ist, ist das natürlich ein großes Problem. Aber wir wissen nicht, wie sich die Kinder, die schon zurück sind, entwickelt haben."

Bisher gibt es kaum wissenschaftliche Informationen über die weitere Entwicklung von Kindern von Müttern, die sich der Terrororganisation Islamischer Staat angeschlossen und IS-Kämpfer geheiratet hätten. "Diese Kinder sind für uns eine black box", betont Schröter. Wie für andere Kinder mit schweren Traumata, beispielsweise nach sexuellen Missbrauchstaten, gilt nun vor allem, dass sie Ruhe und Zeit brauchen.

Quelle: ntv.de, mit dpa

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