Panorama

Nicht alle Todesfälle erfasst Neuer Wirbel um Streecks Heinsberg-Studie

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Virologe Hendrik Streek hat angeblich in seiner Heinsberg-Studie nicht alle relevanten Todesfälle erfasst.

(Foto: ntv)

Hendrik Streecks Heinsberg-Studie verursacht erneut mächtig Wirbel. Denn Kritikern zufolge erfasst auch die jüngste Veröffentlichung der Arbeit nicht alle relevanten Todesfälle. In Wahrheit sei die Sterblichkeit etwa doppelt so hoch wie in der Forschungsarbeit angegeben.

Weil sie von einer PR-Agentur begleitet und von der NRW-Landesregierung mitfinanziert wurde, gab es schon nach der Bekanntgabe erster Ergebnisse heftige Kritik an der Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck. Letztendlich wurde die Arbeit in der Wissenschaft aber grundsätzlich als sauber durchgeführt anerkannt. Nur an der von Streeck ermittelten Infektionssterblichkeitsrate (IFR) gab es weiter erhebliche Zweifel. Trotzdem wurde die Studie jetzt diesbezüglich fast unverändert vom Fachmagazin "Nature Communications" veröffentlicht. Und das, obwohl inzwischen klar sei, dass die Studie etwa die Hälfte der Covid-19-Toten des Ausbruchs in der Heinsberger Gemeinde Gangelt nicht erfasse, schreibt "Mediwatch".

Die Infektionssterblichkeit ist kein Nebenaspekt der Studie, schließlich heißt sie "Infection fatality rate of Sars-CoV-2 in a super-spreading event in Germany". Die IFR gibt an, wie viele Infizierte sterben. Sie kann nicht genau bestimmt werden, da die Dunkelziffer bei Covid-19 sehr hoch ist. Daher sind Feldstudien wichtig, die sie aufgrund einzelner Ausbrüche ermitteln.

Streecks Team ging in die Heinsberger Gemeinde Gangelt, nachdem es dort nach einer Karnevalsveranstaltung am 15. Februar zu einem Superspreading-Event gekommen war. Es machte bei den Einwohnern PCR-Tests, untersuchte Blutproben von ihnen auf Antikörper und fragte die Betroffene nach vorangegangenen Tests. Von insgesamt 919 Personen aus 405 Haushalten in Gangelt waren rund 15 Prozent infiziert. Das Gesundheitsamt hatte nur 3 Prozent registriert, was Rückschlüsse auf die Dunkelziffer erlaubt. Außerdem erfasste die Studie sieben Todesfälle, die auf den Ausbruch zurückzuführen waren.

Fast doppelt so viele Tote

Recherchen von "Mediwatch" zufolge ist die von Streeck ermittelte IFR von 0,36 aber viel zu niedrig, da er mit Studien-Ende am 6. April keine weiteren Covid-19-Toten in Gangelt mehr berücksichtigte. In der Zusammenfassung der Veröffentlichung bei "Nature Communication" wird lediglich ein weiterer Todesfall in den 14 Tagen nach dem Stichtag genannt. Rechne man ihn ein, ändere sich die Sterblichkeitsrate auf 0,41, so der Text.

14 Tage seien aber nicht genug gewesen, schreibt "Mediwatch"-Chefredakteur Hinnerk Feldwisch-Drentrup. Denn viele an Covid-19 erkrankten Menschen stürben erst deutlich später. Als die Studie am 4. Juni bei "Nature Communication" eingereicht wurde, seien bereits zehn im März positiv getestete Patienten gestorben. Dies habe eine Anfrage beim Kreis Heinsberg ergeben, schreibt Feldwisch-Drentrup. Bis Anfang Oktober habe es den Informationen der Kreis-Sprecherin zufolge insgesamt 13 Tote in Gangelt infolge des Ausbruchs gegeben. Daraus ergebe sich eine rund doppelt so hohe Infektionssterblichkeitsrate als in der Studie angegeben.

"Gegenstand künftiger Veröffentlichungen"

"Mediwatch" informierte Streeck im September über den Sachverhalt, erhielt aber wie auf weitere Anfragen keine Antwort. Stattdessen erschien die Studie unverändert am 17. November in "Nature Communications". Die Universität Bonn reagierte auf die Anfrage von "Mediwatch": "Der weitere Verlauf des Infektionsgeschehens in Heinsberg ist Gegenstand aktueller Forschung sowie künftiger Veröffentlichungen", erklärte ein Sprecher nach Rücksprache mit dem Forscherteam.

Tatsächlich hat Streeck eine Folge-Studie in Gangelt gestartet, in der er die Immunität nach überstandener Covid-19-Erkrankung erforschen möchte. Möglicherweise erfolgt dann in diesem Zusammenhang eine Korrektur der vorangegangenen Studie.

Quelle: ntv.de, kwe