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Das Leben als Star-Virologe Streeck: "Wir haben Polizei vor unserer Tür"

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Hendrik Streeck spürt bereits die negativen Folgen des Rampenlichts.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit Monaten arbeitet Hendrik Streeck an der Erforschung des Coronavirus - und steht damit im Fokus der Öffentlichkeit. Seine pragmatische Herangehensweise gefällt nicht jedem. Der renommierte Virologe erhält Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Im Interview erklärt er, wie ihn die Pandemie persönlich geprägt hat - und was er im Nachhinein als Fehler betrachtet.

ntv: Warum sind Sie Virologe geworden? War das schon immer Ihr Traum?

Hendrik Streeck: Ich hatte eigentlich immer zwei Seelen in meiner Brust. Auf der einen Seite wollte ich Arzt werden und fand Mikroben und Viren immer schon spannend. Auf der anderen Seite wollte ich Filmmusikkomponist werden und konnte mich nie so richtig entscheiden, was der richtige Weg ist. Am Anfang habe ich auch angefangen, Musikwissenschaften und Betriebswirtschaft zu studieren. Es gibt sehr viele musikalische Menschen in der Medizin. Das hat damit zu tun, dass man auch als Virologe viel mit Gefühlen und Mitfühlen zu tun hat. Man fühlt schon mit den Menschen, die die Pandemie betrifft. Zum einen die, die infiziert werden und natürlich auch die Menschen, die anders von der Pandemie betroffen sind.

Gab es ein ausschlaggebendes Erlebnis, warum Sie doch kein Filmkomponist, sondern Virologe geworden sind?

Ja, ich saß an meiner Zwischenprüfung in Musikwissenschaften über Adornos Sicht auf Stravinsky und dachte dann, dass mir das einfach zu trocken ist. Und dann habe ich beschlossen, Medizin zu studieren. Außerdem habe ich 1994 den Film "Outbreak" mit Dustin Hoffman gesehen und der hat mich wirklich begeistert. Daraufhin habe ich gedacht, dass ich das auch machen will.

Was genau hat Sie an dem Film so begeistert?

Am faszinierendsten an dem Film fand ich, wie Dustin Hoffman in einen Virus-Hotspot gegangen ist. Er hat quasi sein eigenes Leben riskiert, um die Menschheit zu retten.

So einen ähnlichen Moment hatten Sie auch in Ihrem Leben, als Sie im März entschieden haben, nach Heinsberg zu gehen.

Man muss natürlich sagen, dass das Virus in "Outbreak" viel gefährlicher und tödlicher war. Aber klar, das war schon ein komisches Gefühl, in den Hotspot reinzufahren, während alle anderen rausfahren.

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Wie war der Moment für Sie, als Sie gesehen haben, dass das Virus nach Europa kommt? Arbeitet man als Virologe genau auf so einen Moment hin? Freut man sich sogar vielleicht?

Nein, meine Gedanken waren zu der Zeit völlig andere. Der Umzug nach Bonn stand bevor. Dann die Frage, wie man sich überhaupt seine neuen Kollegen vorstellt, wie man sich strategisch aufstellt. Wir planen für nächstes Jahr den großen Aids-Kongress in Berlin und wir wissen jetzt ja noch nicht mal, ob der überhaupt stattfinden kann. Da waren meine Gedanken eher, wie man das alles jetzt neu strukturiert.

Nun finden Sie sich in den Fernsehshows der Republik wieder. Sie haben mit Ihrer Sicht auf die Pandemie einen Nerv getroffen. Wie hat sich Ihr Leben durch die Pandemie verändert?

Es ist nichts mehr so, wie es vorher war. Ich habe wenig bis keine Freizeit mehr. Man schafft es gar nicht mehr, die ganzen E-Mails und Anfragen zu bearbeiten. Früher habe ich immer gedacht, man könnte immer noch mehr schaffen. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass das gar nicht mehr möglich ist. Ich werde auf der Straße erkannt, wenn wir essen gehen. Ich bekomme viele Zurufe. Viele wollen auch einfach mit mir reden, weil sie bestimmte Fragen haben. Aber wir haben eben auch Polizei vor der Tür, weil ich Morddrohungen bekommen habe.

Welche Art von Beschimpfungen und Beleidigungen haben Sie denn schon erlebt und wie fühlen Sie sich damit?

Ich glaube, sobald man sagt, dass das ein Virus ist, das man nicht bagatellisieren sollte, dann passt das einigen nicht in den Kram. Ich nehme diese Bedrohungen ernst, aber ich lasse mein Leben davon nicht leiten. Ich habe in Uganda gelebt, in Südafrika und dadurch habe ich auch gelernt, mit Gefahren und Risiken umzugehen.

Wie ist das, plötzlich erkannt zu werden von Fremden?

Ungewohnt und es gibt da natürlich auch negative Seiten. Es gibt Momente, da möchte man einfach nicht gerne erkannt werden. Wenn ich im Fitnessstudio bin und Sport mache, dann mache ich das doch lieber für mich alleine.

Wie empfindet Ihr familiäres Umfeld diese neue Situation?

Mein Mann ist unglaublich unterstützend. In jedem Bereich versucht er mir unter die Arme zu greifen. Meine Eltern sind stolz auf mich und fiebern mit.

Gab es eine Situation, in der Ihnen alles zu viel wurde?

Es gab Situationen, in denen ich einfach falsch verstanden wurde. Ich versuche immer diese Gratwanderung zu gehen, das Virus auf der einen Seite nicht zu überdramatisieren und auf der anderen Seite nicht zu bagatellisieren. Ich kenne die emotionale Seite von Covid-19. Ganz am Anfang der Pandemie hatten zwei sehr enge Familienangehörige von mir Covid-19. Ich habe mehrmals täglich angerufen, um mich zu vergewissern, dass sie keinen schweren Verlauf haben. Da habe ich mir große Sorgen gemacht. Zum Glück war es bei beiden ein milder Verlauf.

Können Sie abends noch gut einschlafen?

Es gibt schon Situationen, in denen ich wachliege. Vor allem, wenn man so angegangen wird. Nachdem die Heinsberg-Studie veröffentlicht wurde zum Beispiel. Ich wollte ja helfen und das wurde irgendwie falsch verstanden. Ich versuche schon, abends abzuschalten. Allerdings muss ich sagen: Die Zeit, in der ich schlafe, hat sich fast halbiert. Mehr als vier bis fünf Stunden Schlaf sind es im Moment nicht.

Auch in den sozialen Medien werden Sie oft angegangen und beschimpft. Wie ist es, so was über sich zu lesen?

Ich finde das oft ungerecht. Eine Person habe ich sogar direkt angeschrieben und gefragt, ob man sich nicht mal austauschen will. Aber leider kam da dann nichts zurück. Da merkt man dann einfach, dass es oft nur darum geht, Stimmung zu machen und nicht darum, kontrovers zu diskutieren und zu helfen.

Ihr Berliner Virologen-Kollege Christian Drosten hat sie auch kritisiert. Haben Sie mal versucht, in Kontakt mit ihm zu treten?

Während wir die Heinsberg-Studie rausgebracht haben, hatten wir Kontakt. Wir kennen uns auch gut. Er ist mein Vorgänger hier in Bonn und er hat mir auch viele Tipps gegeben bezüglich der Verhandlung, die man mit der Universität führt. Er hat sich dann aber sehr negativ geäußert und ich habe ihn dann zwei-, dreimal angeschrieben und ihn gefragt, was das soll. Er hat gesagt, er würde sich bald bei mir melden - was er dann aber nie gemacht hat.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach so viel Uneinigkeit in der Szene?

Das weiß ich wirklich nicht. Ich würde mir einfach wünschen, dass sich die Virologen-Gesellschaft mehr um Einigkeit bemüht.

Welche Rolle hat denn Ihr Hundewelpe Sam in ihrem Leben eingenommen?

Das Schöne ist, wenn man nach Hause kommt und zur Tür reingeht, freut er sich total. Da vergisst man erst mal alles um sich herum.

Gibt es bei Ihnen im Leben noch Momente, in denen Corona einfach mal keine Rolle spielt?

Ich versuche schon immer mal wieder Situationen zu finden, in denen ich abschalten kann. Das ist aber, ehrlich gesagt, schwierig. Wir waren im Sommer zehn Tage an der Nordsee. Das hat drei Tage geklappt, mehr aber auch nicht. Persönliche Dinge müssen im Moment einfach warten. Die Pandemie ist wichtiger.

Welche Rolle spielt Ihr Mann denn im Moment in puncto Unterstützung?

Paul nimmt mir unheimlich viel ab. Er kümmert sich nicht nur um den Hund, sondern auch um unsere Sozialkontakte, für die ich im Moment wirklich keine Zeit mehr habe. Und man möchte ja nicht am Ende der Pandemie ohne Freunde dastehen.

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Gab es einen Moment, in dem Sie gedacht haben: "Stopp, ich muss hier einen Schlussstrich setzen"?

Diese Momente gab es schon. Vor allem nach Heinsberg habe ich überlegt, ob ich das so weitermachen will. Vor allem, wenn man versucht hat, etwas beizutragen und zu helfen und dann so angegangen wird - das ist etwas, was ich nicht verstanden habe. Ich finde es richtig, dass ich nichts gemacht habe. Wenn man bewirkt, dass man sich differenziert und qualifiziert äußert und das einen Shitstorm generiert, dann nehme ich das in Kauf. Ich bin der Meinung, dass eine differenzierte Meinung wichtig ist in der Pandemie.

Gab es etwas in Bezug auf Heinsberg, von dem Sie heute sagen würden, das würde ich nicht noch mal so machen?

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Retrospektiv war die Begleitung durch die PR-Agentur Storymachine ein Fehler, weil das von der Sache abgelenkt hat. Die Intention war gut. Wir wollten dem Bürger die Möglichkeit geben, uns bei der Studie zuzuschauen. Dass das anders wahrgenommen wurde, wussten wir vorher nicht. Aus Fehlern lernt man.

Was ist das größte Learning für Sie?

Wie die Medien funktionieren. Vieles ist subjektiver als man denkt. Wenn man einen Artikel liest, der sehr objektiv klingt, ist er doch in vielen Bereichen auch subjektiv geprägt.

Mit Hendrik Streeck sprach Liv von Boetticher

Das Interview können Sie heute Abend ab 22.15 Uhr bei RTL "Extra" sehen.

Quelle: ntv.de