Panorama

Timo Ulrichs im ntv-Interview "Wir sind ziemlich am Ende der Pandemie"

Die Infektionszahlen sinken, genau wie die Sieben-Tage-Inzidenz. Epidemiologe Timo Ulrichs fordert daher, die Schulen "so früh wie möglich" richtig aufzumachen. Auch die Öffnung etwa der Außengastronomie hält er für vertretbar - warnt aber im Gespräch mit ntv vor einem Ende der Maskenpflicht.

ntv: Kinder sollen nach und nach wieder in den Präsenzunterricht gehen. Was sind da die kritischen Punkte nach den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate? Was haben wir gelernt?

Timo Ulrichs: Eigentlich haben wir gelernt, dass Schulen und Kitas gar nicht so sehr im Mittelpunkt der Infektionsausbreitung stehen, aber bedroht werden können, wenn der Infektionsdruck von außen stark ansteigt. Jetzt sehen wir, dass der Druck nachlässt, und wir können in der Tat guten Gewissens die Schulen und Kitas wieder richtig öffnen, weil auch gute Hygienekonzepte dabei sind. Natürlich ist es immer kritisch, das ist klar. Bei den Wegen zu den Schulen und Kitas muss man aufpassen, dass da wenige Kontakte stattfinden. Wir sollten die Schulen so früh wie möglich wieder richtig aufmachen und das auch gut kontrollieren.

Wir werden Ende Juni auch sehr wahrscheinlich einen Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren haben. Wie wichtig ist es, dass wir Kinder impfen, und welchen Beitrag leistet das zur Pandemieeindämmung?

Man muss unterscheiden: Es soll ja auch ein individueller Schutz erzielt werden, nicht nur ein Beitrag für die Herdenimmunität. Deshalb muss nachgewiesen werden, dass Kinder, die ein viel geringeres Krankheitsrisiko haben als Erwachsene, auch persönlich etwas von der Impfung haben. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass das so ist und dass es sicher ist, ist auch klar. Wenn diese Daten vorliegen, kann man die Impfung für Kinder und Jugendliche ab 12 gut empfehlen. Ein Nebeneffekt ist dann, dass es ein zusätzlicher Beitrag ist zum Erreichen der Herdenimmunität. Dafür ist ein ziemlich hoher Prozentsatz bei der Durchimpfung der Bevölkerung nötig - und dazu gehören auch Kinder und Jugendliche.

Nach wie vor steht die Frage im Raum: Wo stecken sich die Menschen an? Es gibt ein Sequenzierungsverfahren, das das nachvollziehen kann. Können Sie das erklären?

Wenn es möglich ist, Ausbrüche nachzuvollziehen, dann kann man umgekehrt auch dagegen vorgehen. Man sequenziert dabei die Virusisolate von verschiedenen Menschen und kann eine Art Fingerabdruck herstellen. Dann kann gesagt werden, dass das Virus von einem bestimmten Ort stammt. Damit können dann Clusteranalysen vorgenommen werden. Ausbrüche und die Verbreitung des Virus werden damit sichtbar gemacht. Solche Sequenzierungen sind natürlich sehr aufwendig, sie dauern und sind auch nicht ganz billig. Dafür bekommt man aber Einblick in die Dynamik und auch in die geografische Ausbreitung des Virus und kann Rückschlüsse daraus ziehen, wo Ausbrüche stattfinden und wie die Weitergabe erfolgt.

Wie hilft uns das weiter?

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

(Foto: Screenshot ntv)

Wir sind jetzt ziemlich am Ende der Pandemie. Immerhin haben wir das jetzt schon mal gelernt, vielleicht auch als Vorbereitung für die nächste. Aber wir wissen eben leider nur sehr wenig über die direkten und genauen Übertragungswege, weil das auch davon abhängig ist, welche Infektionsdynamik wir gerade insgesamt haben. Wenn wir nur ganz wenig Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner haben, dann sind die Übertragungswege ganz andere, als wenn der Infektionsdruck insgesamt steigt. Denn dann kann das Virus auch andere Wege beschreiten. Das ist ein ziemlich komplexes Gebilde, und man muss immer schauen, wo genau Maßnahmen greifen sollen. Bei diesem Thema tappen wir eigentlich immer noch ziemlich im Dunkeln und können nur Maßnahmen ergreifen wie den Lockdown, um irgendwie die Lage in den Griff zu bekommen.

Derzeit kommt eine Diskussion zur Maskenpflicht auf. Ist es noch nötig, eine Maske zu tragen, wenn die Zahlen so gut sind und wir alle draußen sind?

Die Zahlen sind gar nicht so gut, zumindest verglichen mit Pfingsten vor einem Jahr - da waren sie wesentlich niedriger. Aber der Trend ist gut, das stimmt. Wir gehen in Richtung ganz niedriger Zahlen an Neuinfektionen. Das wollten wir mit den Lockdown-Maßnahmen ja auch erreichen. Jetzt sind wir auf gutem Wege, und es sieht so aus, dass wir ganz niedrige Zahlen erreichen können. Aber da wir mit der Durchimpfung noch nicht so weit sind, ist es sinnvoll, diese niedrigen Zahlen zu stabilisieren, etwa indem wir weiterhin Kontakte vermeiden und dort, wo es sinnvoll ist und Abstände nicht eingehalten werden können, Masken tragen. Das, was wir eingeübt haben, müssen wir noch eine Weile durchhalten, um diese gute Situation, die ja auch saisonal mitbedingt ist, aufrechterhalten zu können.

Das Pfingst-Wochenende steht vor der Tür, verbunden mit vielen Lockerungen. Was halten Sie von diesen Lockerungen? Auch vor dem Hintergrund, dass wir vor einem Jahr eine viel niedrigere Inzidenz hatten, die uns nicht vor der zweiten und dritten Welle bewahrt hat.

Die zweite Welle kam ja erst im Herbst. Wir hatten also eine ziemlich lange Zeit, in der die Zahlen einigermaßen stabil waren, von lokalen Ausbrüchen abgesehen. Es war sicherlich sinnvoll, dass wir da die entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln aufrechterhalten haben. Und es ist auch jetzt sinnvoll. Aber da wir uns im absteigenden Ast einer Welle befinden und die Lage immer besser wird, können wir es uns in der Tat leisten, wieder Außenbereiche zu öffnen, also Außengastronomie oder Sport im Freien - aber eben mit entsprechenden Hygienekonzepten. Zudem ist wichtig, dass wir auch in der Lage sind, die Schulen wieder richtig aufzumachen. Da sollten wir jetzt nicht, wie in Berlin, hinten anstehen und andere Sachen aufmachen, bei den Schulen aber immer noch beim Wechselunterricht bleiben. Das ist nicht gut, denn am Anfang wurde ja gesagt, wir machen diese ganzen Maßnahmen, um vor allen Dingen Schulen und Kitas zu schützen, und jetzt ist es genau anders herum.

Sie sagen, dass etwa Außengastronomie geöffnet werden kann. An manchen Orten ist aber auch der Innenraum schon geöffnet. Ist das richtig?

Da wird es schon wieder ein bisschen kritisch. Besser wäre es, Innenräume soweit aufzumachen - etwa mit Durchlüftung -, dass die Luftverhältnisse wie im Außenbereich sind. Denn immer wenn es in die Innenräume geht, wird es gefährlicher für die Virusweitergabe. Wenn aber der Infektionsdruck insgesamt nachlässt und man das etwa mit negativen Testungen absichert, dann ist man da noch ziemlich sicher.

Mit Timo Ulrichs sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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