Politik

Schulstart im Lockdown Die Lernplattformen sind schnell platt

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Distanzunterricht ist noch immer häufig analog.

(Foto: picture alliance/dpa)

Am Vormittag hat auch in den letzten Bundesländern wieder die Schule begonnen. Allerdings findet Unterricht in der Regel zu Hause statt. Das ist nicht immer ganz einfach - auch deshalb, weil die Lernplattformen der Länder technisch weit hinterherhinken.

Bianca ist früher aufgestanden, zum Frühstück sollte es Pfannkuchen geben für Mia und Sarah, ihre neun und zwölf Jahre alten Töchter, die heute ihren ersten Schultag nach den Weihnachtsferien haben. Es ist Schule ohne Schule. "Für die beiden ist das nichts Neues mehr", sagt Bianca. Dreimal schon hatten die Mädchen Unterricht im eigenen Haus am Rand eines kleinen Dorfes in Niederbayern: zu Beginn der Corona-Pandemie, dann im Oktober, als es in der Klasse der Großen einen Corona-Fall gab und alle in Quarantäne mussten, und im Dezember.

"Unsere Lehrer sind vorbereitet", sagt Simone Fleischmann ntv.de. Fleischmann ist Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), dem bayerischen Ableger des VBE, dem Verband Bildung und Erziehung, der im Beamtenbund die Interessen von Pädagogen vertritt - von der Kita bis zum Gymnasium. Auch viele Eltern sind vorbereitet. Anders als ihr Mann kann Bianca, die sonst Verkäuferin ist, im Moment ohnehin nicht arbeiten, also hat sie Zeit, ihre jüngere Tochter zu unterrichten. Dafür hat sie am Samstag einen Wochenplan und jede Menge Arbeitsblätter von Mias Klassenlehrerin bekommen, per Mail. "Die Lehrerin ruft auch schon mal an und fragt, wie es läuft", lobt Bianca.

Bei ihrer älteren Tochter läuft es anders. Sarah wird in dieser Woche zum ersten Mal mit einer Lernplattform im Internet arbeiten. In Bayern heißt sie Mebis, kurz für "Medien, Bildung, Service". In allen Bundesländern gibt es derartige Lernangebote, die im Auftrag der Kultusministerien ins Leben gerufen wurden. Sie waren nicht so gut vorbereitet: In der Pandemie stießen die Lernplattformen bundesweit schnell an ihre Kapazitätsgrenzen. In Bayern kam Mitte März 2020 noch ein Hackerangriff dazu. Zwei Monate später fanden Fachleute Sicherheitslücken im Mebis-System - und warnten die Betreiber. Die reagierten nicht, und so gingen die Experten Mitte August mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit.

Die Landes-Plattform ist toll - wenn sie funktioniert

Nun sollen Lehrer und Schüler im Distanzunterricht so gut wie ausschließlich mit Mebis und Co arbeiten. Und das ist das Problem. Mebis sei für den Normalfall ausgelegt gewesen, nicht für Corona, sagt Bayerns Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern im Gespräch mit ntv.de. Piazolo hat darum in der vergangenen Woche einen Brief an die Schulen im Freistaat geschrieben. Darin empfiehlt der Minister, besonders zu Beginn des Unterrichts morgens um acht die Lernplattform nicht zu nutzen. Stattdessen verweist er auf Teams, ein Tool für Chat- und Videokonferenzen, das mittlerweile in mehreren Bundesländern im Distanzunterricht empfohlen wird. Noch vor wenigen Monaten war eine solche Empfehlung undenkbar, umstritten ist sie weiterhin - Teams ist ein Microsoft-Produkt, es gibt Datenschutz-Bedenken. Notwendig sind solche Produkte, weil die hauseigenen Lösungen der Bundesländer nicht gut genug sind.

Teams reiche, um zum Beispiel die Anwesenheit der Schüler durch die Lehrer abzufragen, sagt Piazolo. "Die Schülerinnen und Schüler sind darauf hinzuweisen, dass sie sich möglichst nur nach expliziter Aufforderung durch die Lehrkraft auf Mebis einloggen sollen, um dort einen konkreten Arbeitsauftrag zu erfüllen", heißt es in dem Brief weiter.

Dabei sind Lehrer mit der Lernplattform eigentlich zufrieden. Sie sei toll - wenn sie denn funktioniere, hört man aus den Schulen. Mebis ist individuell einsetzbar. Ein Lehrer kann zum Beispiel Unterrichtsmaterial in Form einer Bedienungsanleitung in einem Schubladensystem unterbringen. Wenn ein Teil abgearbeitet ist, öffnet sich eine neue Schublade. So kann der Schüler jederzeit sehen, wie weit er mit dem Stoff gekommen ist. Selbst die gute alte Tafel fehlt nicht, auf der ein Lehrer Formeln oder Schaubilder abbilden kann.

"Wir brauchen einen Neuanfang"

Auch wenn die Kapazität der Plattform in den letzten zehn Monaten deutlich erhöht wurde, scheint sich der Fachminister ihrer nicht sicher zu sein. Und die Landtagsopposition ist sauer. Mebis sei "nicht das Maß aller Dinge in Sachen Digitalunterricht - sondern das Mindestmaß", kritisiert FDP-Bildungsexperte Matthias Fischbach. Simone Fleischmann vom BLLV sagt sogar: "Wir brauchen einen Neuanfang."

Für die nächsten Wochen will Bayerns Kultusminister die Nutzung der Lernplattform entzerren. Schulen haben einen Zeitplan bekommen, in dem festgelegt wird, wann sie sich einloggen können. Eine Lernplattform sei den ganzen Tag über sinnvoll, sagt Kultusminister Piazolo. Aber auch im Distanzunterricht müsse man Wert auf direkte Kommunikation legen. "Wir empfehlen den Lehrern die Nutzung von Videoplattformen, wo man die Schüler besser erreicht und wo man sie auch sieht - und Lernplattformen zur Unterstützung", erklärt er. In den Grundschulen könne man viel mit Arbeitsblättern erreichen.

Vor einem solchen Arbeitsblatt sitzt Mia gerade. Sie rechnet. Für sie gibt es nur selten Videokonferenzen. Zuletzt kurz vor Weihnachten. Da hatte ihre Klassenlehrerin mit den Eltern eine Online-Weihnachtsfeier für die Kinder organisiert. Die meisten ihrer Klassenkameraden hat Mia dabei zum vorerst letzten Mal gesehen. Jetzt darf sie nur noch ihre beste Freundin treffen, am Nachmittag, draußen. Darauf freut sie sich. Aber jetzt ist erst mal Pause angesagt. Bianca hat Kakao für die Kinder gemacht, es gibt Kekse. "Für die Kleine reicht das Unterrichtsmaterial für etwa drei Stunden, dann kann sie nicht mehr", sagt sie. Einzelunterricht ist viel anstrengender als der Unterricht mit zwanzig anderen Kindern. Sarah hat den Familien-Laptop für sich. Sie hat jetzt Biologie und schaut sich ein Video an.

Lehrpläne müssen angepasst werden

Distanzunterricht ist mit Präsenzunterricht nicht vergleichbar. Das weiß auch der Minister. "Wir haben die Lehrpläne schon angepasst und werden dies auch weiter tun", sagt Piazolo. Mit dieser Ankündigung stößt er beim BLLV auf offene Ohren. "Als Erstes brauchen wir eine Lernplattform, die alles ermöglicht, was man als Lehrer im Distanzunterricht braucht", fordert Simone Fleischmann. Ferner verlangt sie eine bessere Alltagsdigitalisierung. "Es gibt immer noch Schulen, die kein verlässliches WLAN haben. Die Schüler müssen besser mit Laptops ausgestattet werden. Und wir müssen uns Gedanken machen über die Zukunft."

Dazu gehöre, dass die Schulen dazu gebracht werden müssen, noch viel mehr auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler eingehen zu können. "Bei uns herrscht nicht nur Lehrermangel. Wir werden Psychologen brauchen, MTAs und so weiter. Unsere Kinder dürfen nicht die Verlierer des Systems werden." Dazu müsse es Förderangebote geben, bei denen Kinder psychologisch und emotional abgeholt werden müssten. Das müsse schon jetzt während des Distanzunterrichts anfangen, sagt Fleischmann und bringt "besuchende Jugendarbeit" ins Spiel. "Psychologen, Sozialarbeiter, Mitarbeiter von Jugendämtern müssen jetzt schon Familien mit Problemkindern aufsuchen und erkennen, wo wir im Präsenzunterricht eingreifen müssen." Dabei gehe es vor allem um schwache Schüler. "Aber auch Hochbegabte machen uns Sorgen, denen ja in den letzten Monaten gar nichts geboten wurde." Dazu brauche es neben viel Engagement auch finanzielle Mittel. "Wenn uns unsere Kinder wirklich wichtig sind, muss das Bildungssystem mit deutlich mehr Geld ausgestattet werden."

Mia hat inzwischen ihr Tagespensum geschafft. Nun ist sie nervös: Sie will raus. Auch Sarah braucht eine Pause. Bianca bereitet das Mittagessen vor. Es soll Spaghetti geben. Über Psychologen oder Förderunterricht macht sie sich wenig Gedanken. "Die Kinder und ich wünschen uns wieder Normalität", sagt sie. "Wir brauchen so schnell wie möglich wieder richtigen Unterricht. Die Kinder möchten ihre Freundinnen wiedersehen."

Auch Simone Fleischmann wünscht sich nichts sehnlicher. Sie ist eigentlich optimistisch, aber sie hat aus den Erfahrungen der letzten Monate gelernt. "Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass es im Februar wieder normalen Präsenzunterricht gibt."

Quelle: ntv.de