Politik

Pflege in Corona-Zeiten Es bleibt beim Applaus

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Auch wegen der Schutzkleidung ist die Betreuung von Corona-Patienten für das Klinikpersonal anstrengend.

(Foto: picture alliance/dpa)

Gut jeder sechste Corona-Infizierte braucht stationäre Behandlung. Für die Beschäftigten in den Krankenhäusern aber bleibt es in der Krise bei Dankesworten. Eine Corona-Prämie gibt es nur in der Altenpflege. Das zuständige Ministerium sieht dafür gute Gründe.

Klatschen und Singen auf dem Balkon, ausführliches Lob für die aufopferungsvolle Arbeit, Kritik an Arbeitsbelastung und Entlohnung - für einige Wochen standen die Pflegekräfte in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen im Fokus der Aufmerksamkeit. Ihre Arbeit werde zu selten gewürdigt, war der Tenor in Politik und Öffentlichkeit. Sie seien systemrelevant und nicht zuletzt deswegen schulde ihnen das Land Dank. Schnell war der Begriff Corona-Bonus gefunden. Mitte Mai verabschiedeten Bundestag und Bundesrat ein Gesetz, das eine Sonderzahlung regelt. Im Juli und im August soll das Geld überwiesen werden. Doch inzwischen ist bei vielen Ernüchterung eingekehrt und die bittere Erkenntnis, dass es für Zehntausende beim Applaus bleiben wird. Denn der Bonus geht hauptsächlich in die Altenpflege.

Den Zahlen des Robert-Kochs-Instituts zufolge musste gut jeder sechste Corona-Fall in Deutschland stationär behandelt werden. Bislang gut 9000 Patienten überlebten eine Infektion oder ihre Folgen dennoch nicht. In einem Kraftakt hat das Land die Intensiv- sowie Beatmungskapazitäten ausgebaut. Glücklicherweise blieben viele der Betten leer, die düsteren Corona-Prognosen bewahrheiteten sich nicht. In Berlin wartet ein in den Messehallen errichtetes Pop-up-Spital noch immer auf seine ersten Patienten. Doch allein die bislang betreuten Fälle brachten das medizinische Personal an die Belastungsgrenze. Hinzu kommt: Fast 14.000 in medizinischen Einrichtungen Beschäftigte infizierten sich laut RKI mit Corona - ein Großteil vermutlich bei der Betreuung Kranker. Mehr als 600 von ihnen wurden selbst zu Patienten, 20 konnte nicht mehr geholfen werden.

870 Millionen Euro

"Die Krankenhäuser verdienen in dieser Zeit bestmögliche Unterstützung", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Ende März. Doch dass dort auch Menschen arbeiten, wurde im Gesetzgebungsprozess, nun ja, bewusst übersehen. Im Elften Buch des Sozialgesetzbuches unter Paragraf 150a, der die Bonuszahlungen regelt, ist gleich zu Beginn lediglich von "zugelassenen Pflegeeinrichtungen" die Rede. Unter Mithilfe der Länder kann sich die Sonderzahlung auf bis zu 1500 Euro pro Beschäftigtem belaufen. Nur eben nicht für Mitarbeiter in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen. Sie kommen im Gesetz schlicht nicht vor.

Ohne Frage wurde und wird auch in den Pflegeeinrichtungen Herausragendes geleistet. Über Wochen durften die Bewohner keinen Besuch von Angehörigen, Ehepartnern oder den eigenen Kindern empfangen. Auch in den Alten- und Pflegeheimen spielten sich in dieser Zeit Dramen ab. Hinzu kam, dass das Virus auch um diese Einrichtungen keinen Bogen machte und sie teils selbst zu Corona-Hotspots wurden. Die im Vergleich zum medizinischen Personal oftmals schlechtere Bezahlung der Beschäftigten war einer der Gründe, weswegen sie nun den Bonus erhalten. Auf 870 Millionen Euro werden die Kosten im Gesetzentwurf beziffert. Das Geld kommt aus der Pflegeversicherung und wird über einen Bundeszuschuss finanziert.

"Es wird als Vergessen empfunden"

"Wenn es um harte Währung geht, nämlich um eine kleine Anerkennung, um eine finanzielle Anerkennung, dann wird gerade die Gruppe, die überdurchschnittliches und übermenschliches geleistet hat, vergessen", sagt die Nürtinger Internistin Tanja Kühlbacher im ZDF. "Es wird als Vergessen empfunden."

Immerhin stocken beinahe alle Länder den Bundesbonus um die Hälfte auf 1500 Euro auf. Manche legen sogar nach oder gehen eigene Wege: Berlin etwa bedankt sich mit einem Bonus von bis zu 1000 Euro bei insgesamt rund 25.000 Landesbeschäftigten, die in der Corona-Pandemie an vorderster Front arbeiten. Dazu gehören etwa Polizisten, Feuerwehrleute, Sozialarbeiter und Justizbedienstete - aber auch Ärzte und Pfleger der landeseigenen Krankenhauskonzerne. Auch Bayern hat den Kreis der Bezieher auf Pflegekräfte in Krankenhäusern erweitert. Für alle sind die Zulagen steuerfrei. Manche Krankenhäuser gewähren eine Zulage.

Im ZDF erinnerte Gesundheitsminister Jens Spahn erst gestern daran, dass es in der Krankenhaus-Pflege in der Regel Tarifverträge gebe, anders als in der Altenpflege. Dort sei die Bezahlung entsprechend niedriger, weswegen man dort eingegriffen habe.

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Das Ministerium verwies daneben auf die Finanzstrukturen, die im Bereich der stationären Krankenpflege "grundsätzlich anders aufgebaut" seien. Weiter erinnerte eine Sprecherin daran, dass etwaige Bonuszahlungen tariflich vereinbart werden könnten und diese dann von den Kassen "im Rahmen des Pflegebudgets refinanziert" würden. Dieses war Anfang des Jahres eingerichtet worden, indem die Pflegepersonalkosten aus den Fallpauschalen gelöst wurden. Direkte Pläne, die für die Pflege vereinbarten Bonuszahlungen auch auf andere Berufsgruppen auszuweiten, gebe es im Ministerium aber nicht.

Und so wird es für die meisten Beschäftigten in medizinischen Einrichtungen bei der Erinnerung an die warmen Worte und die Balkon-Klatscher bleiben. Möglicherweise rückt das Thema in den kommenden Tarifverhandlungen nochmal auf die Tagesordnung.

Quelle: ntv.de