Politik

Blick in internationale Zeitungen "Es kann mit Athen furchtbar schiefgehen"

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Große Buchstaben zieren die griechischen Blätter.

(Foto: dpa)

Nach dem deutlichen Wahlsieg der griechischen Linkspartei Syriza wird wohl deren Chef Alexis Tsipras gemeinsame Sache mit den Rechtspopulisten machen. Zudem will er mit den internationalen Geldgebern über ein Ende des Sparprogrammes reden. Lesen Sie hier, was Europa dazu meint.

SCHWEIZ
Die Neue Zürcher Zeitung kommentiert: "Der Wahltriumph des Linksbündnisses hat auch politisch eine europäische Dimension. Er wird in den südeuropäischen Ländern jene Protestparteien beflügeln, welche die Sparpolitik bekämpfen. (Parteichef Alexis) Tsipras will nicht nur Griechenland retten, sondern den ganzen Kontinent verändern. Ihm schwebt ein Europa ohne Austerität vor."

FRANKREICH
Die konservative Pariser Zeitung le Figaro  kommentiert: "Wenn diese Wahl gegen das "Establishment" in Griechenland ausreicht, damit Frankreich, Deutschland und andere die Schulden Griechenlands an seiner Stelle zurückzahlen, würde dies den übrigen Euroskeptikern von Podemos in Spanien über Ukip in Großbritannien bis hin zu Marine Le Pen in Frankreich Tür und Tor öffnen. Sollte hingegen jetzt Griechenland aus der Eurozone und der EU austreten, dann wird man damit leben müssen."

Die Regionalzeitung Dernières Nouvelles d'Alsace kommentiert: "Der haushohe Sieg von Syriza bedeutet einen Bruch mit der etablierten Ordnung und ein Todesurteil für einige alte erstarrte Parteien. Er bringt einen frischen Windstoß für einen Kontinent, der neuen Atem schöpfen und sich neu erfinden muss."

ITALIEN
Der Corriere della Sera schreibt: "In Griechenland hat die Hoffnung gewonnen. Oder besser, die Hoffnung hat die Angst geschwächt und sie sogar fast zerstört. Nach fünf Jahren der Austerität, drakonischer Maßnahmen, Opfern und einer hohen Arbeitslosigkeit hat sich das Volk für einen Wandel entschieden. Nicht mehr bedingungslos zu akzeptieren, was von den Kreditgebern verlangt wird und die europäische Front offen herauszufordern. Sicherlich ist Griechenland damit nicht alleine, es gibt andere Länder in der EU, in denen laut ein Kurswechsel gefordert wird."

SPANIEN
Die linksliberale El País schreibt: "Griechenland bleibt ein Mitglied der europäischen Familie, auch wenn die neue Führung keinem der etablierten Lager der Konservativen und der Sozialdemokraten angehört. (...) Die neue Regierung muss aber die internationalen Verpflichtungen einhalten. Sie darf den Steuerzahlern in den anderen EU-Ländern keinen Schaden zufügen und keine Angriffe auf die Stabilität der EU unternehmen."

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Dem Dax gefällt die Geschichte.

(Foto: REUTERS)

NIEDERLANDE
De Telegraaf  kommentiert: "Was nun? Griechenland und Europa bekommen unvermeidlich Streit. Absprachen sind einzuhalten, wird Europa sagen. Die Demokratie hat gesprochen, werden die Sieger der griechischen Wahlen antworten. Und während nun wochenlang, vielleicht monatelang gestritten wird, kann es mit Griechenland furchtbar schiefgehen."

GROSSBRITANNIEN
Der linksliberale britische Guardian kommentiert: "Jetzt wird sich entscheiden, ob die neue griechische Regierung sich mit ihren Kreditgebern auf neuer Grundlage einigen kann. Ein erfolgreiches Ergebnis wird hauptsächlich von Deutschland abhängen, wo man immer noch meint, dass die Eurozone nur mit der finanzpolitischen Rechtschaffenheit weiterleben kann, die das Erdbeben in Griechenland herbeigeführt hat. Für (Bundeskanzlerin) Angela Merkel wird das nicht einfach sein. Es ist ja nicht nur Griechenland; die gesamte Eurozone braucht einen Neuanfang. Der Norden sollte endlich auf die Botschaft des Südens hören."

BELGIEN
De Standaard schreibt: "Europa steht nun vor einem Dilemma. Soll es rigoros auf dem strikten Sparkurs bestehen, den es den Griechen auferlegt hat? Oder soll es sich mit Tsipras an den Verhandlungstisch setzen, um nach einem Kompromiss zu suchen? Letzteres scheint die vernünftigste Option zu sein. Dabei dürfte jedoch der radikalste Punkt des Syriza-Programms - der Erlass eines Teils der Staatsschulden - ausgeschlossen sein. Das wäre nicht fair gegenüber jenen Euroländern, die sich stets dem Brüsseler Spardiktat gebeugt haben, und erst recht nicht gegenüber denjenigen, die ebenfalls durch Europa "gerettet" wurden und im Gegenzug ihren Verpflichtungen artig nachgekommen sind."

TSCHECHIEN
Die konservative Zeitung Lidove noviny aus Prag schreibt zum Wahlerfolg der Syriza: "Die Griechen machen einen undankbaren Eindruck. Der Wahltriumph der extrem linken Syriza bedeutet nichts anderes, als dass sie die Fürsprachen aus Brüssel und die Anstrengungen ihrer eigenen Regierung nicht zu schätzen wussten. Der europäische Rat, "richtig zu wählen", konnte kaum bedeuten, denjenigen den Rücken zu zeigen, die hartnäckig versuchen, Griechenland über Wasser und in der Eurozone zu halten. Es ist paradox, dass die Regierung abgestraft wurde, als die Wirtschaft wieder anfing zu wachsen. Es ist ein warnender Fingerzeig: Extremisten könnten auch andernorts in Europa Erfolg haben."

POLEN
Die linksliberale Gazeta Wyborcza meint: "Brachte die Perspektive eines Sieges der linksgerichteten Syriza 2012 die Eurozone noch an den Rand einer Panik, ist es nun ruhiger. In der EU überwiegt die Meinung, dass die Beziehungen zu Griechenland der Fahrt auf einer holprigen Straße ähneln, aber es zu keinem Erdbeben kommt. Beide Seiten sind sich ihrer Interessen bewusst. Sowohl öffentliche Erklärungen von Syriza-Chef Alexis Tsipras als auch seine bisherigen vertraulichen Kontakte mit Abgesandten der Eurozone geben Brüssel Hoffnung, dass es gelingt, mit ihm auszukommen. ... Die Krise hat sich im Vergleich zu 2012 insofern entspannt, dass der Syriza-Sieg für die EU weniger ein brennendes wirtschaftliches Dilemma darstellt, sondern mehr einen Ideenstreit zu den Sorgen der Eurozone."

PORTUGAL
Público kommentiert: "Die Griechen wählten Alexis Tsipras, weil er ihnen ein Ende der Sparpolitik versprochen hatte. Der künftige Regierungschef könnte nun das tun, was in der Politik nicht ungewöhnlich ist, nämlich seine Versprechen nicht halten. Dann bräche aber das gesamte Gebäude des Linksbündnisses Syriza wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Tsipras muss mit Deutschland und der Troika der Geldgeber verhandeln und versuchen, ein Ende der grausamen Austerität zu erreichen. Wenn ihm das gelingt, hätte er den Spitznamen 'Harry Potter' wirklich verdient, den ihm der Sozialist Evangelos Venizelos verpasst hatte."

UNGARN
Die links-liberale Budapester Nepszabadsag ruft: "Aufwachen! - Das war die Botschaft der griechischen Wähler an Europa, genauer: an das Tandem EU/IWF, das die finanzielle Herz-Lungen-Maschine für Griechenland betreibt. (...) Schlechter kann es kaum mehr werden, mögen sich die Wähler mit ihrem Votum für die radikale Linke gedacht haben. (...) Aufwachen! - So wird die Botschaft aus Brüssel, Berlin und sonst wo in Europa lauten. (...) Wenn Syriza das Ende der Sparprogramme versprochen hat und den Schuldenschnitt fordert, werden wir auch noch ein Wörtchen mitreden. Aufwachen! - Das ist unsere Botschaft, denn irgendetwas funktioniert da gar nicht. Die Austeritätspolitik hat keine Lösung gebracht, doch das griechische Wirtschaftschaos war gleichfalls unhaltbar. Das Fass ohne Boden würde ungefragt weitere 240 Milliarden Euro verschlingen. Das kann niemand wollen. Doch was Europa will, blieb an diesem Wahlsonntag höchst unklar."

BULGARIEN
Kapital Daily: "Vor den neuen Machthabenden in Athen liegen drei Hauptszenarien. Ein Kabinett der radikalen Linken Syriza (.) könnte durch die Realität gezwungen werden, die Antikrisen-Politik weiterzuführen. Oder es könnte sich mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und den Regierungen in der Eurozone auf eine Erleichterung des Hilfsprogramms einigen. Es könnte das Land auch zum Austritt aus der Eurozone treiben. (.) Viel Zeit gibt es für Athen nicht - die Frist für eine Vereinbarung mit Europa ist Juli oder August. Es ist aber wahrscheinlich, dass Griechenland bereits im März ohne Geld bleibt."

Quelle: ntv.de, ppo/dpa