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Saudi-Arabien Darum müssen wir uns einmischen!

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Frauen, die in Saudi-Arabien Auto fahren, riskieren Gefängnis.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Westliche Staaten, die über die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien hinwegsehen, werfen ihre eigenen Prinzipien über Bord. Wer Frauen auf offener Straße hinrichtet, muss damit konfrontiert werden - auch wenn er Öl besitzt.

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Es ist eine Szene wie aus dem Mittelalter: Eine Frau wird des Mordes angeklagt, sie schreit, wehrt sich gegen die Vorwürfe. "Ich habe niemanden getötet", ruft sie ihrem Henker entgegen. Doch das Video, das dieser Tage im Internet kursiert, ist kein Mittelalterfilm - es ist aktuell, aufgenommen in Saudi-Arabien, an einem Zebrastreifen mitten auf der Straße. "Preise Allah", sagt der Henker zu ihr. Wenig später ist die Frau tot, geköpft mit einem Säbel.

Seit Monaten protestieren Menschenrechtler weltweit für die Freilassung des saudischen Bloggers Raif Badawi. Er fragte auf seiner Website "Free Saudi Liberals": "Wie kann es sein, dass wir Kirchen in unserem Land verbieten, aber Muslime im Westen das Recht einfordern, Moscheen zu bauen und zu missionieren?" Fragen, die tabu sind, weil sie angeblich den Islam beleidigen. Dafür soll Badawi nun jede Woche ausgepeitscht werden. 1000 Stockschläge insgesamt. Zurzeit ist die Strafe ausgesetzt. Der Grund: Dem 31-Jährigen geht es gesundheitlich sehr schlecht.

Gleichzeitig rebellieren die Frauen Saudi-Arabiens seit Monaten gegen ein Gesetz, das ihnen das Autofahren verbietet. Ihr Protest findet hinter dem Steuer statt. Ihre Strafe folgt umgehend: Gefängnis. Gerade erst wurde eine Aktivistin aus den benachbarten Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen, die eigenhändig in ihrem Wagen Richtung saudische Grenze fuhr.

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Constantin Schreiber ist Moderator bei n-tv. Außerdem moderiert er eine Wissenschaftssendung im ägyptischen Fernsehen.

Drei Beispiele aus einem Land, das wirkt wie vor unserer Zeit. Wie kann ein solches Land heute existieren? Wie kann es funktionieren?

Saudi-Arabien ist politisch und wirtschaftlich das wohl mächtigste und wichtigste Land im Nahen Osten. Es ist zentraler Vermittler bei allen großen Krisen der Region. Zugleich sollen Finanzströme aus dem Königreich den Islamismus unterstützen. Einige der zentralen Islamistenführer, allen voran Osama bin Laden, stammen aus dem Wüstenreich. Wirtschaftlich ist es gerade für Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner außerhalb der EU. Die Ölmilliarden werden für zahlreiche gigantische Infrastrukturprojekte genutzt, von denen deutsche Unternehmen profitieren. Der Reichtum des Landes mindert den Druck zu Reformen von innen und außen.

Nach dem Ende des Arabischen Frühlings ist der Westen froh über jeden Verbündeten im Nahen Osten, der sein System noch einigermaßen stabil hält, der es schafft, die unterschiedlichen Kräfte von Liberalen, Islamisten, Reformern auszubalancieren. In Syrien, Libyen, Jemen waren das viele Jahre Diktatoren, die sich wenig um freiheitliche Rechte scherten. Aber das, was nach ihnen kam waren Unruhen, Chaos und Platz für die Terroristen von Al-Kaida und IS.

Doch auch in Saudi-Arabien wächst der Widerstand oder zumindest die kritische Auseinandersetzung mit dem Herrschaftssystem. Wie schnell so etwas in eine revolutionäre Stimmung umschlagen kann, war in Tunesien zu sehen, wo der Arabische Frühling seinen Anfang nahm.

Der saudische Journalist Abdullah Hamidaddin sagt mir, es gäbe zwar "Diskussionen um die Rolle einiger religiöser Institutionen, die für die Regierung hochbrisant" seien, aber noch sei die kritische Masse nicht überschritten an Unzufriedenen, die eine wirkliche Gefahr darstellen könnten.

Außerdem wird der Westen gerade nach den Erfahrungen in anderen arabischen Ländern alles tun, das bestehende System zu halten - und über alle Menschenrechtsverstöße hinwegsehen, die anderswo heftig angeprangert werden.

Das ist empörend, werfen viele Länder damit doch alle Prinzipien über Bord, für die sie so vehement eintreten und die wir als grundsätzlich empfinden. Wer Frauen auf offener Straße hinrichtet, Blogger auspeitscht und Frauen das Autofahren verbietet MUSS damit konfrontiert werden - Wirtschaft und Öl hin oder her.

Quelle: ntv.de